Kolumne: Sind E-Books eine Verschlechterung der Lesequalität?

Unsere neue Autorin, Katia Giese, beschäftigt sich diese Woche in ihrer Kolumne mit dem Thema Lesequalität bei E-Books. Muss man sich ernste Sorgen um unsere Literatur machen oder können E-Books sogar ein Vorteil sein?

Freie Bahn für schlechten Geschmack

Wenn Hellmuth Karasek beim Anblick eines Kindle den Abschied von Gutenberg betrauert, muss man das nicht unbedingt ernst nehmen. Der Mann ist schließlich mit richtigen Büchern aufgewachsen. Diesen sperrigen, klobigen, wasserscheuen Dingern, die ihre Leser viel zu früh zum Kauf ästhetisch fragwürdiger Aufbewahrungsmöbel zwingen. Ein Glück, dass die Digitalisierung auch bei den gedruckten Staubfängern nicht halt macht. Zwischen Plastikschalen geklemmt und aufs Display projiziert nennt sich das ganze E-Book und hat seine schwerste Zeit schon hinter sich.

Die nämlich, in der es in unendlichen Debatten von Belesenen und Kulturbehütern als Antichrist der Literatur verdammt wurde, als Totschläger aller guten alten Werte und als Sündenbock künftigen Sittenverfalls. Wie immer war alles halb so wild, denn in Wirklichkeit tut uns ein bisschen Elektrolesen gar nicht schlecht. Wider Erwarten gibt uns der Fortschritt in Richtung Kindle, Nook und Co. nämlich ein Stück Anonymität und Freiheit zurück, die sich gar nicht viel anders als großartig, überraschend und grenzenlos beschreiben lässt und so auch gelebt wird. Spätestens seit dem Erscheinen von Dan Browns neuestem Roman ist das auch zahlenmäßig bewiesen, denn zum ersten Mal überstieg die Zahl der verkauften digitalen Ausgaben in den ersten Tagen die Zahl der verkauften Papierversionen.

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Wieso? Ganz klar, Onlineshopping ist sowieso schön und noch besser wenn man gar nicht erst auf eine Paketlieferung warten muss, sondern den Schmöker direkt auf ein neumodisches Gerät laden kann. Dazu ist es auch noch billiger, im Schnitt ganze zwei Euro, wenn man die diversen weiteren Vorteile durch Webmeilen, Länderpunkte und andere Konsumbooster mal außer Acht lässt. Für die meisten ist dies Ablösesumme genug, um den vermeintlichen Seelenverlust einer digitalen Version literarischer Ausflüsse in Kauf zu nehmen. Schließlich haben das auch schon Generationen vor uns geschafft. Der Umstieg von Vinyl auf Kassette. Von Kassette auf CD. Von CD auf MP3. Tat gar nicht weh. Wie immer gleichen sich auch die Argumente: Billiger, haltbarer, praktischer, unempfindlicher.

Und? Genau, eines haben Karasek und Co. außer Acht gelassen, als sie über dem E-Book die Nase rümpften. Anonymität. Wie es einst die Kopfhörer am Walkman erlaubt haben, völlig schamfrei den ganzen Tag Matthias Reim zu hören, lässt sich auch im Kindle einiges verbergen. Nicht, dass es im E-Book-Store eine designierte Schmuddelecke gäbe, jedoch sinkt die Hemmschwelle deutlich, was den Konsum von Literatur betrifft, die es nicht unbedingt auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft hat – Noch nicht – denn wer weiß. Wenn die Leute schon offen genug mit ihrer Anspruchslosigkeit umgehen und Bücher wie »Feuchtgebiete« aus den kritischen Feuilletons in die Charts heben, was soll dann erst passieren, wenn man sich sogar das mühsame Inzeitungspapierwickeln sparen kann, bevor das nicht gerade präsentable Buch als U-Bahn-Lektüre verwendet werden kann. Denn Kindle & Co. erlauben es, jede Zusammenstellung von Schankwirt-Humor, Pseudo-Lebenshilfe und Schreibwerkstatt-Romanen hinter neutralem Design zu verbergen.

Worum Karasek und alle anderen Anhänger der traditionellen Literatur also besorgt sein sollten, ist nicht so sehr der Verlust am physisch greifbaren, umblätterbaren Buch. Fürchten muss man sich vor der Absolution für schlechten Geschmack, die ein E-Book-Reader erteilt. Für den Extrakick Sexappeal lohnte es sich einst, ein bisschen Bildung durch das Indenhändenhalten von Klassikern abzubekommen. Was sich dagegen auf ein paar Quadratzentimetern Flash-Speicher abspielt, kann keiner erahnen und muss somit auch nicht mehr in den Grenzen des ästhetisch und intellektuell vertretbaren gehalten werden. Herr Karasek darf also gespannt sein, was Deutschland liest, wenn es unbeobachtet ist. Mit etwas Glück ist der tränenreiche Abschied von Gutenberg dann am Ende noch am wenigsten schmerzhaft. [Katia Giese/mr]

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  1. Schön geschrieben, auch wenn ich nicht ganz der Meinung bin. Ja, ich hatte auch meine Probleme, Feuchtgebiete in einem Zug zu lesen, wobei ich das wörtlich als auch metaphorisch meine, wobei das eine aus Scham, das andere aus Übelkeit herrührt.
    Aber ich hatte auch genauso Probleme, Spiele auf meiner portablen Playstation zu spielen, wenn die Möglichkeit bestand, dass mir jemand zusehen kann, was auf dem Bildschirm passiert. Und in heutigen Zeiten, von immer weniger Zügen, aber mehr Passagieren ist fast immer der Fall gegeben, jemanden zu haben, der so nah auf einem draufsitzt, dass er in ein Display schaut. Und das ist beim eBook nicht anders.
    Da sitze ich und lese Honbys „How to be good“ auf meinem mittlerweile zehn Jahre alten Rocket eBook (soviel zur „Neuigkeit“ eBook) und werde von meiner Nachbarin angesprochen. Sie wisse zwar nicht was das für ein gerät sei, sagt sie nach einer freundlichen Entschuldigung, aber sie kenne den Inhalt, der sei ihr nach ein paar Worten des mitlesens sofort vertraut vorgekommen. Und so war ich den Rest der Zugfahrt abgelenkt vom lesen, dafür aber verwickelt in ein sehr gutes Gespräch.
    Insofern, ja Anonymität in gewisser Weise, dennoch aber nicht vollständig. Aber was soll das auch? Als schert sich der Mehrteil um Anonymität! Dafür sehe ich zu viele Menschen mit der BILD-Zeitung in der Öffentlichkeit!

  2. Ich bin schon jetzt ein Fan dieser neuen Kolumne und ihrer -istin! Sehr schick und pointiert zu Papier, Pardon, Seite gebracht. Da freut man sich auf mehr!

    -Don F.

  3. die ersten paar zeilen ließen eigentlich ein kritisches auseinandersetzen mit ebooks vermuten. stattdessen wurden sie nur in den himmel gelobt. hätte mir das beleuchten eventueller nachteile gewünscht. zB dass es ne qual für die augen is. oder stimmt das wegen eInk nicht mehr?
    lohnt sich son extra reader oder kommts im grunde aufs gleiche raus, wenn ich die ebooks auf meiner nds lese?

    trotzdem, mehr kolumnen, bitte :)

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