Kolumne: Riskante AppStore-Politik – Entwickler fliehen, Willkür bleibt

Der Software-Entwickler Joe Hewitt, der sich mit der beliebten Facebook-App fürs iPhone einen Namen machte, beweist Mut: Er kehrt Apple den Rücken, zeigt die rote Karte für intransparente AppStore-Politik und setzt ein Zeichen für andere Developer, es ihm gleichzutun. Apple muss dies gelassen nehmen, denn es kann gar nicht anders. Oder?

Friss oder stirb: Geht’s auch ohne AppSolutismus?

Wer beliebt ist, hat die Wahl, das lernt man schon als Kind. Im Fall Apple ist beliebt wohl eher ein Understatement, denn der über zwei Jahre andauernden Höhenflug des iPhones ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Man weiß nicht genau, ob man bewundern soll, staunen oder lieber hassen. Apple ist wie eines dieser Kinder, die schon in der Schule auffallen, weil ihnen einfach alles gelingt. Gute Noten, perfektes Elternhaus, viele Freunde, steile Karriere und volles Haar. Will man dazugehören, muss man sich anpassen, will man doof finden, muss man sich mit der Rolle des Außenseiters abfinden.

Während letztere Option in Gestalt pubertärer Rebellion noch kostenlos war, ist es einer ganzen Generation von Entwicklern nicht vorzuwerfen, dass sie um den Willen wirtschaftlichen Erfolgs und Anerkennung die erste Variante wählen und sich in die Schlange stellen, um dazuzugehören. Apple bestimmt, wer mitspielen darf auf der totalitären Plattform mit dem harmlosen Namen AppStore und zeigt sich als Despot von einer hässlichen Seite: Die AppStore-Türsteher setzen mit ausgestrecktem Finger ihr Verständnis von Moral und Ordnung durch, legen Standards fest für Ästhetik, Benutzerfreundlichkeit und Stabilität und mischen sich permanent in Kreativprozesse ein.

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Unterdessen wirbt Apple fleißig mit seinem breiten Angebot, der Kultur des Mitmachens, dem American Dream, in dem es jeder mit seiner Idee schaffen kann. Die erhabene Doppelmoral kann sich Apple leisten. Schließlich gibt es für fleißige und kreative Entwickler derzeit kein heftiger gefeiertes oder größeres Forum, um von Null auf Hundert zu starten. Genau diese Alleinstellung könnte Apple jedoch leicht das Genick brechen. Denn während angeblich problematische Konzepte nach oft monatelanger Arbeit und zermürbender Wartezeit kehrt machen müssen und potentielle Konkurrenzprodukte, die Apples eigenen geheimen Ideen und Plänen zuwider laufen, abgelehnt werden, setzt Apple seine wichtigste Resource aufs Spiel: Die Geduld und Kreativität der Entwickler. Joe Hewitt macht vor, was talentierte Köpfe tun, die eine Menge Zeit, Energie und Geld aufbringen und schließlich ohne weitere Erklärung beim Pförtner scheitern. Sie wenden sich ab, gehen woanders hin, sobald sie können.

android-market-16Bislang profitiert Apple noch von den fehlenden Alternativen für alle, die nicht wie Hewitt unter ein geräumiges Dach wie dies des sozialen Netzwerks Facebook fliehen können. Zwar sind rund um Apples Hoheitsgebiet neue Plattformen entstanden, weder Google, RIM, Palm, Microsoft oder Nokia ist es bisher jedoch gelungen, auch nur annähernd so große Attraktivität zu erzeugen wie der AppStore, nicht gegenüber den Konsumenten und schon gar nicht gegenüber den Entwicklern. Doch wie einst Apple selbst von dem stetigen Aufstreben seines Mac OS profitierte und nach und nach Developer von seiner Plattform überzeugen konnte, könnte es auch mit dem Monopol für Hosentaschensoftware bald zuende gehen. Schwer zu glauben, dass Apple das nicht erkennt. Eher wahrscheinlich, dass schlicht der Plan B fehlt.

Denn bei aller Liebe für Freiheit und Anarchie, vielleicht ist es schlicht unmöglich, eine Marktstellung wie die des iPhone und den Andrang tausender Entwickler anders zu beherrschen, als mit der totalitären AppStore-Politik. Über fehlende Alternativvorschläge kann sich Cupertino nicht beschweren – von einer grundsätzlichen Zulassung zum AppStore mit nachträglicher Evaluierung, Vertrauensvorteil für bekannte Entwickler bis hin zu einer generellen Öffnung wie bei einem „richtigen“ OS wird der Traum-AppStore in allen Farben gemalt. Was fehlt? Man verkennt, dass das iPhone eben kein richtiger Computer in Klein ist, zumindest nicht in den Köpfen derer, die es so erfolgreich gemacht haben. Während bei einem „richtigen“ OS in der Tat jeder selbst bestimmen kann, ob eine angebotene und nicht vorher abgesegnete Software gut genug ist, ist der DIY-Wille für Smartphones einfach noch nicht ausgeprägt genug. Für die zahlreichen Käufer ist das iPhone in erster Linie ein besseres Handy, das einfach zu funktionieren hat und eben kein pflegebedürftiger Minicomputer. Um den Komfortanspruch der breiten Masse zu bedienen, tut Apple mit seiner strengen AppStore-Politik, was es tun muss, reguliert den Markt nach seinen eigenen und mitunter willkürlichen Vorstellungen und nimmt Kritik und weglaufende Entwickler in Kauf. Und solange das iPhone gerade aufgrund seiner Einfachheit und Verlässlichkeit auf der Beliebtheitsliste ganz oben steht, wird dies auch so bleiben. [Katia Giese]

iPhone_3GS_Review

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  1. Markenpsychologisch lebt Apple ja von der Exklusivität und einem Design, dass in eine strahlende wenn auf fettbefingerte Zukunft weist. So gesehen birgt der Boom, den die Marke insgesamt gerade erlebt große Gefahren. Denn natürlich sind auch Apples Produkte vom Menschen erfunden und haben also Fehler. Das aber darf niemals, niemals rauskommen. Je mehr iPhones im Umlauf um so mehr werden explodieren, von Würmern gekapert oder von Systemabstürzen geplagt sein. Die rigide Politik die Apple jetzt im AppStore – und eigentlich überall – fährt, ist aus dieser Sicht die einzig richtige: Nur indem sie Halbgares und Schnellgestricktes knallhart aussperren, können sie die Stabilität des Systems wahren.

  2. Beides richtig.

    Zum einem kann ich Apfle verstehen indem sie dafür Sorge tragen das nur (gut) funktionierende Software aufs Itelefon kommen.

    Zum anderem ist allerdings die Begrenzung des marktes und das abschöpfens der meisten Kohle eben auch ein Hindernis. Insbesondere wenn man nicht weiß was die eigendlich wollen und was nicht.

    Apfle muss dazwischen eben den Spagat hinkriegen… ansonsten kann man diverse software ja auch auf gehackten Itelefonen installieren.

  3. Es ist ja nicht so, dass „Schnellgestricktes“ strikt abgelehnt würde. Diverse halb-gare Apps, die erst nach mehreren Aktualisierungen tatsächlich funktionieren sind durchaus keine Seltenheit.

    Apple kann sich in der Tat aussuchen, wie lange sie noch so weiter machen. Sobald aber die Konkurrenz aufblüht, werden sie sich ziemlich schnell aussuchen, etwas klarere Regeln und transparentere Zulassungsprozesse einzuführen. So viel gesunden Menschenverstand muss man den Damen und Herren im fernen C. schon zugestehen.

    Ein zweiter, erneut sehr angenehmer Beitrag aus der neuen Kolumnen-Rubrik! Dat jefällt :-)
    F.

  4. Spannendes Thema. Ich denke auch, dass die Apps schon bald eine größere Bedeutung haben könnten, als das Betriebssystem (iPhone OS X, Google Android, …). Erinnern wir uns an die dunklen Zeiten des Macs: Eine einzelne Software wie Photoshop oder Office zu haben oder nicht zu haben, war damals kriegsentscheidend. Spätestens, wenn’s auch für mobile Anwendungen solcher Killer-Apps woanders gibt, aber nicht bei Apple, wird’s fürs iPhone kritisch.

    Die Skype-App mit im 3G-Modus deaktivierter VoIP-Funktion könnte durchaus ein erster prominenter Baustein auf diesem Weg sein.

    Übrigens schön, so ne Kolumnenrubrik auf Gizmodo zu haben. Weiter so.

  5. Steile Idee, sozialwissenschaftliche und politische Begriffe auf Konzerne anzuwenden. Als hätten die Bürger Anspruch auf demokratisierte Auswahlverfahren für die Zusammenstellung der Warenangebote in den Schaufenstern dieser Welt?! … Übrigens wird dieser Kommentar aus der „breiten Masse“ in diese Diskussion eingespeist. In dieser schwimme ich nämlich und von hier aus stelle ich fest: Das Versprechen von Qualität wird im App Store nicht eingelöst! „Halbgares und Schnellgestricktes“ wird leider nicht – wie kopfkompass beobachtet haben will – „knallhart ausgesperrt“. Vielmehr kann jede Fummelbude mit Ihrer MurksApp die Verkaufskanäle verstopfen, auf denen ich gerne Zugang zu ausgereiften und vertrauenerweckenden Produkten finden würde – und zwar ausschließlich zu solchen. … Das ist dann wohl meine Anforderung an diesen Fetisch: er soll in allen Belangen ohne Makel sein, perfekt bis hinunter auf Platz 3000 der meistverkauften Apps. Es mögen sich doch bitte die Hausherren im App Store appsolut totalitär darum kümmern, danke.

  6. Also solange es keine wirkliche Konkurrenz gibt, und die gibt es momentan noch nicht. Würde auch ich an apples stelle die Appstore politik kein bisschen umstellen. Bisher hat alles so funktioniert wie es sollte und dass wird es auch weiterhin, dass es auch software fürs iphone gibt die nicht sauber funktioniert oder probleme verursacht is womöglich nie zu verhindern bzw. „normal“, allerdings gehts mir als user mehr darum, dass es jemanden gibt der sich damit auskennt und untersucht ob das programm, für welches ich potentieller abnehmener bin, auch meine handydaten nicht nachhause schickt. Der Preis is zudem im Appstore erstaunlich niedrig geblieben, wer schon mal im Blackberrystore unterwegs war weiß was ich meine, hab neulich ne ssh anwendung für 29 euro gesehn, glaub es gibt momentan nur ne handvoll programme im appstore die die 25 euro hürde knacken.

  7. Der Prüfprozess ist in der Tat ab und zu willkürlich. Als ich mein iPhone noch hatte hab ich auf n dringedes Update(!) eines Apps gewartet welches nach Fertigstellung 3 Wochen bei Apple lag. Bei der Menge an Apps kann man einfach nicht mehr jedes einzelne prüfen ohne lange Wartezeiten und den Zorn der Entwickler und Verbraucher auf sich zu ziehen.
    Intelligenter wäre es ein Prüfsiegel einzuführen für von Apple geteste Apps.
    So ist es meiner Meinung nach nur eine Frage der Zeit bis die Programmierer sich auf anderen Plattformen umschauen. Ich denke das auch der Android Market sich hier in Zukunft etablieren wird.
    btw: Sehr schön geschrieben!

  8. So lange Apple weiter hin ihr System wie auch ihr iPhone so mit Zwängen beschneidet werden sie sich selbst auf dauer die Luft nehmen. Ich mein, es ist nicht das erste mal das Apple Marktführer ist und es selbst sehr gut verstanden hat sich in die fast Pleite zu treiben und wäre da ein Bill Gates nicht gewesen, dann würde es wohl Apple gar nicht mehr geben…das sollten wir alle nicht vergessen.

    Jetzt macht Apple wieder das gleiche, mit Arroganz und selbst Verliebtheit wollen sich sich von der Außenwelt abschotten und daher werden sie immer mehr Probleme bekommen und Produkte die mit Android arbeiten werden weiter aufwind bekommen.

    Apple sollte sich halt einfach selbst mal hinterfragen, aber das war noch nie die Stärke von Steve Jobs. Man kann nur hoffen für Sie das sie es machen werden und auch anfangen umzudenken, den was jetzt gerade ein Hype ist, kann morgen nicht mal mehr einen kalten Kaffee begeistern, so schnell verändert sich immer wieder die Marktlage.

  9. Mir ist es ehrlich gesagt lieber ein App zu laden, wo ich ohne es auszuprobieren weiß, dass es sicher ist, funktioniert und meinem Telefon nicht schadet. Ich würde dieses Gefühl ungern verlieren. Vielleicht sollten sie aber den Prüfprozess ändern, da manchmal die falschen Apps zu lange geprüft werden oder abgelehnt werden.

  10. Ich kann verstehen, das die App-Politik die Apple da treibt viele Entwickler verärgert, ich kann auch verstehen, das viele Entwickler keine Lust mehr auf das Katz und Maus Spiel haben, aber warum macht Apple das wohl?

    Apple möchte das dass iPhone (oder der iPod Touch) sicher bleibt, schließlich soll es nicht nur für den Privat-User sein, sondern auch für Geschäftsleute.

    Der zweite Punkt ist die kompatibelität mit allen Geräten die Apple sicher stellen will. Wenn wir mal auch die Andoid-Plattform schauen, dort wird der Google-Code von jedem Smartphone-Hersteller so versaut, das Android auf ihren Geräten läuft. Die Geräte habe eine unterschiedliche Bildschirmauflösung und unterschiedliche Hardwareausstattung, da ist doch klar, das nicht jede App auf allen Geräten läuft.

    Ich habe mich auch schon oft über Apple geärgert weil irgendwas bei meinem iPhone nicht ging oder mein Mac abspackte, aber es hat (fast) immer einen Grund.

    @Gizmodo-Team: einen Eintrag bei mit dem iPhone zu schreiben war heute mehr als anstrengend, irgendwas stimmt mit eurem WPTouch-Plugin nicht

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