Kolumne: Privatssphäre kann mich mal – Chrome OS auf Siegerkurs

Auf Googles Betriebssystem Chrome OS wird ordentlich eingedroschen: Technisch unausgereift, überaus heikel in Puncto Datensicherheit und Privatssphäre sowie viel zu unflexibel weil abhängig von einer Internetverbindung. Google kann das egal sein, denn Chrome wird trotzdem Erfolg haben.

Wenn die Google-Erfinder Larry Page und Sergey Brin sich zusammensetzen, kann dabei nichts gutes herauskommen. Sie wollen schließlich nur unsere Daten, uns ausspionieren und verkaufen, von unserer Naivität profitieren und mit unausgereiften Produkten quälen. Das ist zumindest der Tenor dessen, was man aktuell zum Thema Google Chrome OS in der Nachrichtenlandschaft zu lesen und hören bekommt. Wer sich hier zu Wort meldet, spricht allerdings nicht für die breite Zielgruppe, für die Larry und Sergey ihr neuestes Produkt sozusagen maßgeschneidert haben. Denn Googles Betriebssystem kann genau das, was viele Computernutzer am meisten tun und immer mehr wollen. Es bewegt sich im Internet, und dies fast ausschließlich.

Der Masterplan hinter Chrome OS ist nicht wirklich etwas neues, sondern denkt zuende, was andere in kleinerem Rahmen schon lange tun und die Nutzer selbst vorantreiben. Nicht nur sämtlicher Datenverkehr und -speicher findet online und auf fremden Servern statt, auch das System selbst mit all seinen Programmen, Treibern und Funktionen bewegt sich „über den Wolken“. Cloud Computing. Eine Erfindung, die ebenso zwiespältig wie missverstanden ist. Was Kritiker an der Idee eines bei Google geparkten Schreibtisches stört, ist vor allem die Frage der Datensicherheit. Was passiert mit der Textverarbeitung, die wir online bei Google erledigen und abspeichern, was mit unseren Fotos, die wir online bearbeiten, beschriften und archivieren und wer kann eigentlich sehen, wieviel Zeit wir wofür aufwenden, wenn wir am Rechner sitzen? Ohne diesen essentiellen Fragen ihre Berechtigung abzusprechen: Die Zweifler verwechseln die potentiellen Chrome-User mit Nutzern, die das wirklich interessiert.

Google_Chrome_OS

Denn das Internetverhalten derjenigen, für die Google seine Produkte erfindet, ist wie eine schriftliche Einladung: Vor allem die für Onlinewerbung relevante Zielgruppe speichert schon jetzt ihre Daten fleißig im WWW, vorzugsweise in mehr als einem sozialen Netzwerk, schreibt ihre E-Mails im Netz und plaudert virtuell über Instant-Messenger-Anbieter, die mit den Konversationen sonstwas anstellen. Ohne Internetverbindung ist ein Computer für sie nutzlos, und eine Onlinewelt, in der nicht sie selbst im Mittelpunkt stehen, wertlos. Wem diese Tendenz in Deutschland noch nicht drastisch genug ist, sollte einen Blick in die USA werfen, wo man uns in diesen Dingen in der Regel ein bis zwei Jahre voraus ist. Wer hier noch weniger als siebenhundert Facebook-Freunde hat, nicht den ganzen Tag im Gmail-Chat ist und zum E-Mail-Beantworten mangels Smartphone länger als zwanzig Minuten braucht, tut dies entweder aus Überzeugung oder gehört zur Ausnahme. Sicher – Bloggen, Facebooken, Chatten, Surfen und E-mailen können die onlinefixierten Nutzer auch ohne Chrome OS. Aber mit Googles vermeintlich unausgereifter Idee geht das bald noch viel besser. Das Betriebssystem kommt ohne extravagante Hardware aus, benötigt lediglich eine Netzverbindung und bringt damit das mit, wonach die benannten Nutzer förmlich schreien: Mobilität, Geschwindigkeit und Transparenz.

Schon im kommenden Jahr zum Weihnachtsgeschäft könnten die entsprechenden Geräte in den Regalen stehen: Netbooks ohne nennenswerten Speicher und technischen Raffinessen, lediglich ausgstattet mit WLAN und UMTS-Modem, zu einem unschlagbar günstigen Preis. Dass die Geräte ausschließlich mit Google Chrome OS funktionieren und ohne Internetverbindung völlig nutzlos sind, macht sie für viele Computernutzer zur Schießbudenfigur, für andere ist es das Kaufargument schlechhin. Das System startet schnell, bedarf keiner Pflege, ist immer und überall verfügbar, völlig kostenlos, ständig auf dem neuesten Stand und beliebig erweiterbar. Selbst wenn es mal mehr sein darf als eine E-Mail, Google verspricht zahlreiche Web-Applikationen zu den bereits existierenden hinzuzufügen, mit den sich alle denkbaren Schreibtisch-Arbeiten über die Server-Farmen in Kalifornien und Virginia erledigen lassen. Natürlich haben die Kritiker recht, dies alles hat seinen Preis. Wenn auch nur indirekt bittet Google die Chrome-Nutzer zur Kasse, statt in bar wird allerdings „nur“ in Daten und einer Menge Vertrauen gezahlt.

Der Idee eines ausschließlich online verfügbaren OS wird dies allerdings nicht zum Scheitern verhelfen. Denn Nutzer, die auf ihrem Rechner hauptsächlich mit Photoshop und anderen anspruchsvollen Programmen arbeiten wollen, werden kein Chrome-Netbook für ein paar Hundert Euro kaufen. Genauso wenig wird Google Chrome auch echte Konkurrenz zu den konventionellen Betriebssystemen sein. Denn Google greift am anderen Ende an, nämlich bei den Nutzern, die von ganz allein das traditionelle Verständnis eines PC von dem wegbewegen, was er einmal war: persönlich. Mit der Achtung ihrer Privatssphäre hat das Internetverhalten der für Google relevanten Nutzer schon jetzt nicht viel zu tun, weshalb Cloud Computing und Chrome für sie alles andere als das gefährliche Monstrum ist, das Kritiker gern sehen. Und einmal bei der Frage der Konsumvernunft angekommen – wer mag da noch einen Tipp abgeben, ob Sergey und Larry mit ihren Erfindungen wirklich so weit daneben liegen? [Katia Giese] [Bild1: evisibility.com]

Google_Evil

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  1. Tja, traurig aber wahr. die Frage ist nur, wie lange es noch dauert, bis der Groschen fällt, und zwar nicht nur bei der interessierten Minderheit sondern auch bei den Entscheidungsträgern. Glücklicherweise gehören zumindest manche dieser wichtigen, meinungsbildenden Menschen zu den informierten, kritischen Personen. Datenschutzbeauftragte haben zwar nicht gerade das metaphorische Zepter in der Hand, äußern sich aber immerhin öffentlich kritisch gegen fragwürdige Technologien, insbesondere auch solche aus Mountain View. Es scheint fast, als würde die Autorin resignieren und das Feld den uninformierten (nicht uniformierten!), ignoranten Daten-Schleudern überlassen, die sich nicht darum scheren, wer was über sie weiß. Dummerweise sind diese Menschen vermutlich in der Überzahl und bestimmen daher, was darf und was nicht. Aufgeben gilt nicht. Ich freue mich auf nächste Woche! -F.

  2. Ich find Google toll. :) Und bisher haben sie mich nicht in meiner privatsphäre gestört. Userzugeschnittene werbung aus meinem gmail account find ich auch gut. Tolles Geschäftsmodel. Und liest ja kein mensch meine mails, sondern nur der generator. so krieg ich wenigstens keine tampon werbung… (nur manchmal arabische, dass irritiert mich)…

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