Kolumne: Cash gegen Stromfresser – Wie der Energy Star die Welt retten soll

Ein gelber Stern für energieeffiziente Geräte macht Karriere: Der "Energy Star" hilft seit knapp zwanzig Jahren dem Käufergewissen ins Reine und soll nun das Klima retten. Dass das Label in Wirklichkeit nichts von dem hält, was es verspricht, macht gar nichts. Schuldig gesprochen wird am Ende sowieso nur einer: der Käufer.

Die freie Marktwirtschaft ist eine feine Sache: Im breiten Angeboten jeder erdenklichen Produktkategorie darf jeder selbst aussuchen, was gekauft wird. In einer Welt voller verlockender Offerten, bunter Verpackungen, parfümierter Läden und unglaublicher Versprechungen kennen wir uns seit Kindertagen aus – es wird verglichen, gefeilscht und hinterfragt, bevor ein Produkt über den Ladentisch geht. Bei alldem sind wir aber gar nicht so eigenverantwortlich wie wir tun, sondern lassen uns in den meisten unserer Kaufentscheidungen zumindest unterbewusst steuern von Wertungen und Empfehlungen anderer, die wir in irgendeiner Form wahrgenommen haben. Denn nur weil wir es lieben, selbst zu bestimmen, von welcher Firma wir gern unsere Mikrowelle hätten, heißt es nicht, dass wir komplett auf Hilfestellungen verzichten wollen und können. Immer mehr bedeutet Konsument sein nämlich auch ein großes Stück Verantwortung. Wer das Geld hat, hat die Macht, Nachfrage regelt das Angebot und so weiter. Das Thema Konsumentenverantwortung fängt bei nähenden Kindern im mittleren Osten an und hört beim Klimaschutz auf. Der Druck, der sich dabei auf den Verbraucher aufbaut, wächst täglich, und mit ihm die Unsicherheit. „Wir bieten das, was die Kunden verlangen“, liest man in Stellungnahmen von bauernausbeutenden Supermärkten und kinderbeschäftigenden Kleidungsherstellern und die Medienöffentlichkeit kommuniziert es dankbar weiter. Schön, wenn man mit dem Finger auf jemanden zeigen, ihn verantwortlich machen kann für blutende Kinderhände und Erderwärmung.

Dabei wäre es so einfach, ein paar richtige Impulse zu setzen und die Hilfestellung zu geben, nach der wir bei unseren kläglichen Versuchen des besseren Kaufens förmlich schreien: Mit zitternden Fingern greifen wir zum Joghurt, der mit einem offiziell wirkenden Ökosiegel verziert ist, kaufen T-Shirts lieber in einem Laden mit mehr als zwei Buchstaben und suchen in jeder Produktkategorie nach einem Anker, einer Gewissheit, einem Trost. Selten stolpert man als Käufer zweimal über ein so genanntes Gütesiegel und wenn, dann will es was heißen. Wer mit Technik und vor allem Computern aufgewachsen ist, hat in dieser Kategorie mindestens einen festen Freund: Den neongelb strahlenden, etwas übergroßen Energy Star, der immer wieder gern daran erinnert, dass es sich nur noch um qualvolle Minuten handeln kann, bis der Rechner endlich einsatzbereit ist, und uns gleichzeitig beruhigt: „Dieses Gerät ist nicht so böse zur Umwelt wie es sein könnte.“ Ausgerechnet er soll nun das Klima retten, entscheidet man in den USA und trifft damit auf den ersten Blick keine so schlechte Wahl. Präsident Obama will nämlich, nachdem Frau Merkels Idee mit der Abwrackprämie in den Staaten so herrlich funktioniert hat, auch den Elektroschrott der Amerikaner ins Visier nehmen. „Cash for Appliances“ heißt das Programm und bietet Bares beim Kauf neuer, energieeffizienterer Geräte. Vertrauensvoll setzt man dabei auf den guten alten Freund Energy Star: Er soll eindrücklich klar machen, was gut für die Umwelt ist und damit gekauft werden darf.

WindradBild: Pixelio/Margot Kessler

Schlecht ist die Idee nicht, denn im Ansammeln von Stromfressern halten die 50 Bundesstaaten einen Rekord und tragen erheblich zum Geschäft der Energieanbieter und zur Tagesordnung auf Klimakonferenzen bei. Hässlich wird es dann, wenn die eigentlichen Absichten hinter dem klangvollen Programm ans Licht kommen. Der treue Energy Star nämlich leidet derzeit unter einem mittelgroßen Imageknick, und dies zurecht. Denn viel zu wenig wird über das Verwenden des angeblichen Gütesiegels gewacht – so hat ein Hersteller von Spülmaschinen kürzlich sogar zugegeben, dass seine mit dem Stern gekennzeichneten Geräte gar nicht den Standards genügen. Macht ja nix, gekauft wird trotzdem, überprüft hat’s keiner. Und dies wird sich in den 50 Bundesstaaten auch nicht ändern, wenn diese angefangen haben, ihre Bürger mit Dollarnoten zum Kauf neuer Elektrogeräte zu bewegen. In dem Wahn, die Wirtschaft mit einer entsprechenden Aktion anzukurbeln, kommt das deutlich nachhaltigere und ebenso wichtige Ziel, energieeffiziente und langlebige Produkte zu fördern, wieder zu kurz. Statt abzuwarten, bis sich einheitliche Standards und eine zwingende Kontrollinstanz für derartige Kennzeichnungen etabliert haben, wird mit dem verzweifelten Vertrauen des Konsumenten gespielt, der nach Gütesiegeln und einer Absolution für seinen Lebenswandel sucht.

Bleibt zu hoffen, dass man in Europa etwas vorsichtiger mit der Thematik umgeht und sich nicht von den verlockenden Effekten einer solchen Kampagne anstecken lässt. Wie und auf welchen Produkten der Energy Star bei uns strahlen darf, ist nämlich ebenso wenig wie in den USA befriedigend geregelt. Vielmehr ist die EU ist noch immer dabei, Standards für Gütesiegel zu vereinheitlichen und transparenter zu machen. Und das sollte sie besser schnell tun, bevor der Ehrgeiz zum Besserkäufer völlig erstickt wird und sich die anmaßenden Kennzeichnungen in den Köpfen der Käufer einreihen in die verlockenden Offerten, bunten Verpackungen und unglaublichen Versprechungen, die wir schon jetzt so gut auszublenden wissen. Dann, bitteschön, darf man aber auch nicht mehr mit dem Finger auf uns zeigen. [Katia Giese]

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