Kolumne: Pimp my brain und Weihnachten ist gerettet!

Ach wie schön wenn alles wie am Schnürchen läuft. Ein gedeckter Tisch am Weihnachtsfest, um ihn herum eine glückliche Familie, die sich angeregt und in Abwesenheit persönlicher Sorgen und Probleme über Kultur und aktuelles Weltgeschehen austauscht. Es gibt keinen Streit, niemand ist unzufrieden, man verbringt ein wirklich frohes Fest. Und natürlich, vor der Tür liegt weißer Pulverschnee und die kerzengerade Tanne strahlt aus, was die Herzen bewegt. Besinnlichkeit und Ruhe, Perfektion. – Nicht? Natürlich nicht. Die alternativen Szenarien, die sich dieser Tage in den besten Familien abspielen sind davon weit entfernt und sorgen für ganz persönliche Dramen, die, wenn alles gut geht, bis Ostern anhalten. Wenn es nur einen Knopf gäbe, den man drücken kann...

… oder ganze Menschen, die komplett dramafrei jede Form von sozialen Zwangssituationen überstehen! Das können nur Roboter, oder? Diese schmerzfreien, sich leicht abgehackt bewegenden Elektrokonstrukte, sie spätestens seit Stanislaw Lem in der Phantasie der Menschheit alle möglichen und unmöglichen Formen und Aufgaben annehmen. Oder tatsächlich angenommen haben – dank spieltriebiger Erfinder, die fast wöchentlich mit ihren Roboterstudien für neue Schlagzeilen in der Kategorie „Wo-soll-das-noch-hinführen“ sorgen. In der Tat, eine komplette Roboterfamilie an Weihnachten nur um des lieben Friedens Willen – vielleicht keine ganz so ausgereifte Idee. Aber träumen wird man ja wohl noch dürfen, vor allem wenn es bereits Technik auf dem Markt gibt, die von menschlicher Fernsteuerung gar nicht allzu weit entfernt scheint.

Chiptuning im Hirn ist der neueste Schrei und lässt viele in die Hände klatschen, die schon immer von stiller Manipulation geträumt und nur auf ein entsprechendes Werkzeug gewartet haben. Eigentlich entwickelt werden die „Mindcontrol“-Chips derzeit zwar für den Einsatz bei behinderten Menschen, die zum Beispiel aufgrund einer Lähmung nur eingeschränkt selbstständig sind. Einer Verwendung für die endlose Liste anderer, mitunter moralisch weniger ansehnlicher Zwecke aber steht an sich nichts im Weg. Harmlos fängt alles an: Licht an, Licht aus mit einem einzigen Gedanken und ganz ohne physischen Eingriff – Spaß! Einfach mal Umschalten, wenn der Kinderkanal gar nicht mehr geht – ja, es wird besser! Der Schwiegermutter einen Schrecken einjagen, wenn sich plötzlich alle Türen verriegeln und die Alarmanlage losgeht. Den Kollegen ärgern, der dreimal in die Teeküche laufen muss weil er jedes Mal vergisst die Kaffeemaschine anzuschalten. Verlegenheit erzeugen, wenn plötzlich weniger jugendfreie Seiten statt Aktienkurse auf dem Bildschirm flackern. Ein kleiner Chip im Hirn und ein entsprechender Empfänger im Gerät macht’s möglich.

Und wieso eigentlich nicht auch dem Hund „sitz“ funken, statt ihn umständlich und mit ungewissem Erfolg aufzufordern? Oder den lieben Kleinen gleich bei der Geburt einen Chip verpassen, damit es mit der Disziplin von Tag eins an etwas besser klappt? Was sich damit alles anstellen ließe, das Weihnachtsfest wäre gerettet! Oder vielleicht auch nicht, denn dass das Projekt Telepathie, an dem die US Army nach wie vor recht erfolgreich bastelt, auf eine so verwendbare Ebene gehoben wird, ist zum Glück sehr unwahrscheinlich. Gar nicht so verrückt ist dagegen die Aussicht, Geräte und Schalter bald per Gedanken steuern zu können, so wie es bereits in einigen Spielkonzepten und Designstudien von Minority-Report-Star Dale Herigstad vorkommt. Ein perfektes Weihnachtsfest mit einer ferngesteuerten, roboterhaften Familie können wir uns also erstmal abschminken. Dafür könnte es aber in einigen Geek-Haushalten schon bald viel lustiger zugehen, wenn sich die Fernsteuerung per Gedanken endlich durchsetzt. Schwiegermutter, nimm dich in Acht! [Katia Giese]

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  1. Warum nicht? Weihnachtsfeierpause, in Gedanken Gizmodo lesen wollen und schon erscheinen die neuesten Artikel auf dem Bildschirm des iMacs in der Ecke. Hätte was.

    Noch besser: Der umgekehrte Weg. Ein kurzer Gedanke, schon trudeln Gizmodo-Meldungen und -Kolumnen via Computer-Hirn-Kommunikation im Kopf ein. Ganz ohne Bildschirm. Praktisch wäre das, denn Schlaumeier und Besserwisser müssten dann nicht mehr ihr iPhone zücken, um jedermann zu zeigen: Es ist heute nicht mehr wichtig, alles zu wissen. Sondern nur noch, ein Gerät zu haben, mit dem man stets auf Wikipedia zugreifen kann.

    Und umgekehrt.

    Resistance is futile.

  2. Herrje, ich ahne schon, wie das weiter geht… Neben den Gizmodo-, Wikipedia- und Spiegel-Online-Artikeln erscheint auch die obligatorische Werbung vor dem geistigen Auge, dass sich leider nicht so recht verschließen mag. Die Gedanken als Dauerwerbesendung sind doch etwas zu viel der Dystopie… Dann schon lieber die Schwiegermutter ärgern. Werbefrei. Eine schöne Anregung zum Nachdenken fürs Weihnachtsfest ist das hier. Das gefällt! -F.

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