Wie Microsoft Innovationen verhindert

"Im Unterschied zu anderen Firmen hat Microsoft niemals eine Unternehmenskultur entwickelt, die wahre Innovationen ermöglicht hätte." In einem faszinierenden Beitrag für die New York Times schreibt Dick Brass, ehemaliger Vice President bei Microsoft, dass sich sein ehemaliger Arbeitgeber seiner eigenen Innovationskraft beraubt hat.

Seine Anekdoten aus der Zeit der Tablet-PC-Entwicklung beschreiben die Zerstörungskraft, die aus den Grabenkämpfen miteinander konkurrierender Microsoft-Abteilungen entsteht. Ein Opfer ist die ClearType-Technik, die für eine verbesserte Darstellung von Schriften auf LCDs sorgt und damit den Verkauf von E-Books fördern sollte. Brass schildert, wie andere Abteilungen die ClearType-Entwicklung zunächst sabotierten, um die TabletPC-Abteilung später ihrer neuen Technik zu berauben. Deshalb habe es zehn Jahre gedauert, bis ClearType es schließlich in die freie Wildbahn geschafft hat.

Ein anderes Beispiel ist ebenfalls lachhaft: Der Leiter der Office-Sparte hatte sich dermaßen auf die Bedienung mit Tastatur und Maus versteift, dass er sich weigerte eine für TabletPCs optimierte Office-Version zu entwickeln. Das ist genau das Gegenteil von dem was Apple letzte Woche präsentierte: Ein vollkommen neu gestaltetes, multitouchfähiges iWorks für das iPad. Und es ist genau dieser Mangel an spezieller Software, der den TabletPC seiner Marktfähigkeit bisher beraubt hat.

Schließlich gibt Brass einer altmodischen Unternehmenskultur die Schuld daran, dass Microsoft sich der Entwicklung integrierter Hard- und Softwareprodukte bisher verschlossen hat. Diese Sichtweise stamme noch aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Entwicklung eigener Hardware mit hohen geschäftlichen Risiken behaftet war. Tatsächlich waren es zuletzt vollständig selbstentwickelte Geräte wie die Xbox 360 und der Zune HD, mit denen sich Microsoft einen Namen machen konnte. Die dafür verantwortliche Unterhaltungs-Sparte („Entertainment & Devices“) ist – wen wundert’s – unter anderem dafür bekannt, dass sie sich unter ihrem Leiter J. Allard zu einer weitgehend abgeschotteten Insel innerhalb des Softwarekonzerns entwickelt hat.

Nur eine Frage bleibt offen: Wie wendet man einen so großen Tanker, insbesondere wenn er schon Schlagseite hat? [Matt Buchanan / Tim Kaufmann ]

[Via NYT, Gartenberg]

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  1. Jeder Großkonzern hat so seine Schwächen, gell? Google Datenkrake, Apple ist propietär dass es bis zum Himmel stinkt, was will man da von Mickysoft erwarten ;-)

  2. Sehr interessant, aber nicht überraschend. Grabenkämpfe gibt es in jedem Unternehmen, auch bei Apple. Die Ziele sind nun mal unterschiedlich.
    Achso, eins noch, es heißt iWork, nicht iWorks ;-)

  3. Es gibt aber kleine Anzeichen zur Hoffnung: 7 ist meiner Ansicht nach ein gelungener Anfang, und das Courier überzeugt mich auch mehr als dieser pre-Beta von Apple. Klar kommt der iPad früher auf den Markt, aber bis da eine ausgereifte Version kommt …

  4. Cleartype? Sorry, da tun mir die Augen weh. Dann doch lieber ein anständiges Display mit hoher Auflösung, matter Beschichtung…und sicher nicht im Kinoformat.

  5. @Peterchen

    Du bezeichnest den Courier als besser als das Pre-Beta iPad von Apple?
    Hast du diesen Courier schonmal real gesehen? Nein? Das liegt daran, dass es ihn nicht gibt und nie geben wird, und da beleidigst du das iPad (das es im übrigen schon gibt) als Pre-Beta…
    :S

  6. was ist denn das für eine Aussage. Jeder kann sich doch dazu entscheiden, apps für das ipad zu programmieren.

    Außerdem ist doch fast jede plattform irgendwie an ein format gebunden. Schau dir zum Beispiel mal die ganzen Konsolen an. Genauso wie Handys usw….

    Also das Argument, dass iPad tauge nichts, da es an den AppStore gebunden wäre ist ziemlich wässrig… Ich denke man kann froh sein das es eine solche Plattform gibt!

  7. Apple als proprietär zu bezeichnen im Schatten eines Artikels über Microsoft ist der größte Witz überhaupt und zeugt von totaler Unkenntnis und bloßen Wiederkauen. Die „Freiheit“ ist auf MS-Plattform endet ebenso drastisch, wenn man sie verlässt. Und dabei ist MS noch hinterhältiger – siehe Silverlight. Erst offen genug, um über Windows hinaus implementiert werden zu können und dann PENG – von heute auf Morgen wieder strickt Kurs auf Windows-Only.

    Mit Windows7 hat MS gerade noch so die Kurve gekriegt, nicht als völlig einfallslos dazustehen – wobei das System ernsthaft für TabletPCs geeignet zu sehen, zeugt wiederum vor dem unglaublichen Abgrund an Microsoftscher Ignoranz.

    Was MS noch am Leben hält ist der Umstand, dass niemand willens ist, so schnell die Plattform zu wechseln. Dann lebt man halt damit, dass Veränderung und Innovation alle 10 bis 20 Jahre mal kommen. Manchen ist das ja überaus recht so, weil Veränderung = Böse. Na, klar.

  8. Veränderung = Stress, Angst und Arbeit. Und kostet dazu auch noch Geld und Zeit und nachher ist dann auch nicht „alles besser“ sondern nur „anders schlecht“.

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