Macht uns das Internet schlauer oder dümmer?

Natürlich ist die Debatte nicht neu, aber sie ist wichtig. Weil das Wall Street Journal sie heute mit einigen Beiträgen fortführt, wollen auch wir sie aufgreifen: Macht uns das Internet schlauer oder dümmer?

Schlauer

Clay Shirky, Autor von „Kognitiver Zugewinn: Kreativität und Großzügigkeit in einem vernetzten Zeitalter“, stellt sich mit seinem Artikel „Macht das Internet dich schlauer?“ auf die Seite der Befürworter unseres Lieblingsmediums. Er vergleicht die Einführung des Netzes mit der Erfindung des Buchdrucks, die zuerst eine Flut von Amateurliteratur herbeiführte, langfristig aber den intellektuellen Output der Gesellschaft erhöhte. Shirky malt das Zukunftsbild eines Internets als großes, gegenseitiges, wissenschaftliches Kontrollsystem, bei dem Websites wie Wikipedia dem Einzelnen eine Möglichkeit geben, seine Freizeit produktiv einzusetzen. Dabei gibt er zu, dass das Betrachten von YouTube-Clips nur selten einen Akt großer geistiger Erleuchtung darstellt.

Gleichzeitig betont Shirky, dass das Internet ein neues Medium sei, bei dem es noch herauszufinden gälte, wie wir es nutzen müssen, um „die Welt in einen besseren Ort“ zu verwandeln. Er geht davon aus, dass das Netz der Treibstoff für die intellektuellen Leistungen des 21. Jahrhunderts sein wird, das junge Menschen vom Fernsehen befreie und dem Lesen und Schreiben zuführe. Was am Internet nicht erhaltenswert sei, würde vernichtet und das gemeinschaftliche, ideenreiche Potential des Mediums würde ausgenutzt.

Dümmer

Nicholas Carr, ausdauernder Netzkritiker, vertritt den entgegengesetzten Standpunkt mit „Macht uns das Internet dümmer?“. Er behauptet, dass das Mehr an Informationen im Internet eben nur genau dies sei – ein „Mehr“ – und dass dieser Überfluss uns in oberflächliche, zerstreute Denker verwandele. Seine Wahrnehmung des Internets als schädliches Medium sieht Carr durch eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Studien untermauert. So führt er eine Studie der Cornell University an, der zufolge die Netznutzung das räumliche Denken verbessert. Zugleich führt sie der Studie zufolge aber auch zu neuen Schwächen bei wichtigen kognitiven Fähigkeiten, etwa dem Umgang mit abstraktem Vokabular, Aufmerksamkeit, Reflektion, induktivem Problemlösungsverhalten, kritischem Denken und Vorstellungsvermögen.

Carrs Fazit: Durch das Lesen von Büchern bildet man eine mentale Disziplin aus, die wertvoll ist für unseren von Natur aus unaufmerksamen Verstand. Das Internet hingegen verstärkt diese Unaufmerksamkeit. Der nächsten Generation könnte die Fähigkeit fehlen, sich aus dem Sumpf der Zerstreuungsmöglichkeiten des Netzes zu befreien – oder überhaupt zu verstehen, warum letzteres sinnvoll ist.

Was ich darüber denke?

Carr hat recht. Ich glaube aber, dass ich mich mit einem Tablet-Computer zumindest zeitweilig aus diesem Strudel befreien kann. Ich ziehe mich dorthin zum gezielten Lesen zurück, d.h.  ausgewählte Websites (nicht: Surfen) und Bücher. Die fehlende Tastatur hält mich davon ab, schnell mal zu einer anderen Anwendung zu wechseln, zu chatten, zu mailen etc.

Wer mehr zum Thema lesen möchte, der findet in der aktuellen Ausgabe von Wired weitere Beiträge von Shirky und Carr. [Tim Kaufmann]

[Via WSJ 1, WSJ 2]

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  1. Das du diesen eigentlich guten Beitrag mit der unnötigen Produkt Werbung am Schluss in die Lächerlichkeit ziehst.
    Nun zum Thema. Ein Medium kann niemanden Schlauer oder Dümmer machen, das ist Schwachsinn. Allerdings kann es „Schlauen“ Menschen helfen an Informationen zu gelangen um sich selbst „Weiser“ zu machen aber nicht schlauer. Ich bin Entwickler und muss sagen das mir das Netz mit seinen Schier unendlichen Tutorials sehr geholfen hat. Es hat mich nicht schlauer gemacht – aber es hat mir auf dem Weg des Lernens geholfen. Jedes Zeitalter verlangt den Menschen bestimmte Fähigkeiten ab. Das einige Fähigkeiten dabei verloren gehen nennt man Evolution. Menschen müssen lernen schnell und effektiv im Netz an Informationen zu gelangen und Wahres von Nicht Wahren zu unterscheiden.

  2. Der (vorl)letzte Absatz ist eindeutig ironisch gemeint. Niemand, der ernsthaft ein ganzes belletristisches Buch auf LCD zu lesen versucht hat, wirds auch ein zweites Mal versuchen, es sei den er ist Masochist.

  3. Ich finde diese Diskussion unendlich wichtig, dass wir sie führen zeigt das wir dabei sind zu selektieren und uns aus diesem „Strudel “ zu befreien. Ich sehe den letzten Absatz gar nicht so kritisch. Es fehlt der jungen Generation (der ich angehöre) deutlich an Konzentrationsfähigkeit, das Bsp. mit dem Tablet finde ich berechtigt.
    @was ich darüber denke
    Ich stimme dir voll und ganz zu. Man erweitert durch die vielen Informationen sein Wissen, weiser wird man aber nur indem man dieses Wissen also seinen Intellekt und seine Erfahrung alles wie Instinkte etc. verwendet um es anzuwenden und mit seinen Handlungen z.B. seine nicht Fehler wiederhohlt, vlt. die Welt zu einem besseren Ort macht.
    Ich habe dem Internet als Informationsquelle viel zu verdanken, aber auch nur weil ich es in vielerlei Hinsicht richtig benutze und mich von der Informationsflut nicht erdrücken lasse. Ich bin gespannt wie sich das alles entwickeln wird. Es ist nunmal das Medium unserer Zeit, bleiben wir gespannt ;).

    @Peter
    Ich hab schon ganz andere Bücher und Tutorials auf einem Display gelesen ^^. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier!

  4. Es ist schlicht wie mit jedem Medium: Den Klugen wird ein Werkzeug in die Hand gegeben, das sie klug einsetzen und damit die Welt besser verstehen und die Doofen haben ein weiteres Klickibunti-Instrument zum Konsum und verarmen geistig und finanziell weiter.

  5. Ich finde diese Diskussion unendlich dumm.

    Ein Kommunikations-Medium kann Menschen weder schlauer noch dümmer machen.

    Die Art der Nutzung eines Kommunikations-Mediums hingegen kann manche Individuen in Ihrer geistigen Leistungsfähigkeit beflügeln, während eine andere Art der Nutzung die geistige Leistungsfähigkeit anderer Individuen negativ beeinflusst.

    Selbst der vermeintlich historische Rückgriff auf die Erfindung des Buchdrucks (mit beweglichen Lettern durch Gutenberg in der westlichen Welt ist hier wohl gemeint – China kannte diese Art des Buchdrucks bereits über 400 Jahre früher) ist eine Interpretation, die nicht weit an der Geschichtsklitterung vorbeigeht.

    Wir haben da nämlich das berühmte Henne-Ei-Problem und zwar gleich in doppelter und dreifacher Hinsicht mit sämtlichen möglichen Permutationen.

    Die Erfindung des Buchdrucks (w.o.) ging z.B. zeitlich gleichzeitig einher

    – mit der mit der Überwindung mittelalterlicher Macht- und Denkstrukturen (Renaissance),

    – mit dem Untergang des oströmischen Reiches und

    – einer Widerbelebung der Wissenschaften und des wissenschaftlichen Denkens.

    Dass all diese geschichtlichen Entwicklungen sich gegenseitig beeinflusst haben ist unbestritten, dass der Buchdruck deren Ausgangspunkt war, ist eine ebenso unhistorische Behauptung wie es die Behauptung der Jünger da Vincis ist, dass dessen Leben und Werk das Mittelalter alleine überwunden hätte.

    Dass z.B. Kopernikus nach fast 1.800 Jahren das heliozentrische Weltbild wiederentdeckte, geht sicher eher auf weltpolitische Entwicklungen, (Kreuzzüge, Massenflucht vor Türken und Arabern usw.) zurück, als auf den Buchdruck (w.o.).

    Diese Reihe von Beispielen ließe sich endlos fortsetzen und belegt, dass schon der Beginn dieser Diskussion auf erfundenen und nicht belegbaren Behauptungen beruht. Dass sie auf unendlich dumme Art fortgesetzt wird, habe ich schon oben gezeigt.

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