Nieren-OP als Tweet

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Ich hätte mir nie träumen lassen, jemals in einem Operationssaal zu sein und minutengenau den Highlights einer Nieren-OP zu folgen. Aber ich war da. Über Twitter.

Ärzte am Swedish Medical Center in Seattle wollten die OP twittern um die Aufmerksamkeit auf ein neues Verfahren zu lenken, das dort zur Tumorentfernung eingesetzt wird. Und dazu brauchten sie natürlich das Einverständnis des Patienten.

So kam es, das ich und viele anderer Twitter-Nutzer zu der Gelegenheit kamen, die Nieren-OP von Brians Vater live mitzuerleben. Ich kenne den Vater nicht, aber immerhin war ich nun bei seiner OP dabei.

Während des Eingriffs haben die Ärzte nicht nur kurze Tweets über jeden wichtigen Schritt übermittelt sondern auch Fotos veröffentlicht. Eines zeigt einen Arzt, auf dessen Kittel seine Twitter-Adresse abgebildet ist.

Normalerweise sagt man, dass über Twitter größtenteils belanglose Meldungen veröffentlicht werden, aber die OP war schon etwas besonderes. Nachdem ich sah, dass die OP zufriedenstellend verlief, fragte ich mich, was Brians Familie und den Vater dazu veranlasste, der Twitter-Berichterstattung zuzustimmen. Brian gab drei Gründe dafür an:

Die Familie wollte das Krankenhaus und sein Bemühen unterstützen, die OP-Technik bekannt zu machen und sich auf diese Weise über die hervorragende Behandlung zu bedanken. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob man das nicht auch über einen Zeitungsartikel im Nachinein hätte machen können, aber ich verstehe natürlich auch die Bereitschaft, hilfsbereit zu sein, wenn einem selbst geholfen wird.

Der zweite Grund: Brian und andere Familienmitglieder schätzten die Möglichkeit, den Fortgang der OP möglichst zeitnah mitzubekommen. Diese Form der Echtzeit-Information ist im Zeitalter von Google und Co. scheinbar ein Grundbedürfnis mancher Menschen. Andererseits kann das natürlich auch gewaltig an den Nerven zerren.

Der dritte und wichtigste Grund: Brian und seine Familie waren sehr erleichtert, dass die Ärzte bei der OP noch Zeit und Muße besaßen, nebenbei zu twittern. So hatten sie den Eindruck, dass der Eingriff Routine war. Das dürfte für jeden ein beruhigendes Gefühl sein.

Und obwohl es Brian nicht aussprach, gab es noch einen weiteren Grund: Vor der OP rief sein Vater Freunde und Verwandte an, erklärte Ihnen Twitter und das ganze Drumherum. Sie folgten dann der OP und riefen nachher an, überbrachten Genesungswünsche, fanden das Ganze cool und freuten sich, dass sie dem Eingriff beiwohnen konnten. Und darauf war Brians Vater schlichtweg stolz.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich eine Twitter-Berichterstattung einer OP zustimmen würde, die an mir oder meinen Verwandten durchgeführt wird. Ich würde aber dafür sorgen, dass sie meinen Twitter-Account verwenden. Mehr Follower krieg‘ ich nie mehr. [Dave Pell / Andreas Donath]

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