So profitiert Mac OS X 10.7 vom iPad

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Wie wir vorhergesagt haben hat Apple gestern abend Mac OS X 10.7 Lion vorgestellt. Von uns erfahrt Ihr, was es neues geben wird und wie Ihr davon profitiert.

Mac OS X Lion ist ein weiterer Schritt in eine neues, oder besser gesagt, wiederkehrendes Computer-Interface-Paradigma: Modales Computing. Auf dieser Reise entführt Apple ein paar besonders erfolgreiche Bestandteile von iOS, darunter den AppStore und das Springboard (heißt unter Mac OS X dann Launchboard), in sein Desktop-Betriebssystem. Außerdem hat Apple ein neues Interface-Element namens Mission Control vorgestellt, das die Nachteile, die mit modalem Computing einhergehen können, wettmachen soll.

Vollbildmodus und modale Anwendungen

Für mich ist der Vollbildmodus der entscheidende Fortschritt im neuen Betriebssystem. Alle Anwendungen werden in der Lage sein, den neuen Modus zu nutzen, in dem sowohl die Menüleiste wie auch das Dock und alle anderen Anwendungen von der gerade aktiven Anwendung überlagert werden. Das heißt nicht, dass es keine Fenster mehr geben wird (noch nich), aber es ist ein großer Schritt in Richtung modaler Anwendungen. Ein Schritt, den iLife 11 schon heute ein Stück weit mitgeht.

Nicht nur, dass iLife 11 schon heute den Vollbildmodus nutzt. Es bringt auch eigene UI-Elemente mit, darunter zum Beispiel kontextabhängige Inline-Paletten, welche die altbekannten, schwebenden Paletten ablösen. Es wäre nur konsequent, wenn wir diese Interface-Elemente in Lion in größerer Zahl wiederfinden.

Dieser Ansatz wird die Verwendung von Computern maßgeblich erleichtern. Mit zahlreichen Fenstern vollgestopfte, unübersichtliche Oberflächen gehören dann der Vergangenheit an. Und soll mir keiner sagen, dass dies nur Einsteiger freut und sich Profi-Nutzer davon genervt fühlen. Mögen wir nicht alle Browser-Tabs? Das ist doch nichts anderes als ein modales Web. Und es bedeutet nicht, dass Computer in Zukunft weniger leistungsfähig werden. Sie erhalten einfach das Bedienkonzept, wegen dem die Menschen heute ihre Smartphones lieben.

Tatsächlich nutzen die Profis heute schon modale Anwendungen. Wenn man sich Software wie Final Cut Pro oder Lightroom ansieht – diese machen sich bereits auf dem gesamten Bildschirm breit, während der Anwender einer bestimmten Aufgabe nachgeht. Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass Fenster vollständig ersetzt werden, selbst für Anwendungen wie Photoshop.

Modale Anwendungen bringen allerdings auch Probleme mit sich. Der Nutzer benötigt ein Hilfsmittel, um effizient zwischen Tasks hin und her zu wechseln. Vielleicht hat Apple mit dem heute gezeigten, multitouchfähigen Mission Control – einer Kombination aus Exposé, Spaces und Dashboard – bereits eine solche Funktion entwickelt.

Vorteile: Vereinfachte, aufgabenzentrierte Bedienung, mehr Übersicht, ebnet den Weg zur vollständigen Touch-Bedienung des Computers.

Nachteile: ich sehe keine. Es sieht aus, als gelänge es Apple, die Nachteile modaler Anwendungen zu umschiffen.

Mission Control

Mission Control ist ein neues Exposé, das aus dem Dock heraus gestartet wird. Es zeigt alle Fenster aller Anwendungen, das Dashboard und das Dock auf einmal. So kann der Benutzer alle Arten von Anwendungen – Widgets, Mehrfenster-Anwendungen und Vollbild-Anwendungen – aus einer einzigen Ansicht heraus managen. Allerdings ist Mission Control in dieser Form nur eine Übergangslösung. Je schneller Anwendungen auf Vollbild umstellen, um so schneller kann Mission Control wieder zu seinen Exposé-Wurzeln zurückkehren.

Vorteile: Mission Control sieht aus wie eine einfache, schlüssige Lösung für das Management von Anwendungen, egal ob es sich dabei um klassische Mehrfenster-Lösungen, modale Anwendungen oder Widgets handelt.

Nachteile: Vielen Nutzern könnten die Vorteile entgehen. Ironischerweise wird Exposé gemeinhin als Poweruser-Tool wahrgenommen. Apple wird Nutzer aufklären müssen.

Launchpad

Launchpad funktioniert genauso wie auf dem iPad. Es zeigt alle auf dem Computer installierten, aus dem im Januar 2011 zu eröffnenden Mac-AppStore heruntergeladenen Anwendungen. Die Navigation zwischen mehreren Seiten erfolgt über die bekannten Gesten und es gibt Ordner. Viel mehr gibt es nicht zu erklären.

Und so sehen die Ordner aus:

Ich sehe hier eine ganze Reihe von Vorteilen. Ähnlich wie die modalen Anwendungen konzentriert sich auch das Launchpad darauf, die Erledigung anstehender Aufgaben zu erleichtern. Es ist eben kein rund um das Management eines Dateisystems aufgebautes, sondern ein aufgabenzentriertes Bedienkonzept. Aber es wirft auch eine Frage auf: Verschwindet der Finder aus Mac OS X? Existieren Dateien nur noch in entsprechenden Auswahl-Dialogen?

Aktuell wäre das kompletter Wahnsinn. Deshalb findet man auf Apples Screenshots auch den Finder im Dock. Er wird uns noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Aber irgendwann könnte er tatsächlich verschwinden. Das Dateimanagement wäre dann Datenbanken überlassen, an die Anwendungen andocken, um Dateien miteinander zu teilen. Sozusagen eine universelle Informations-Sammlung, ähnlich wie die des Newton. Wäre Spotlight ein bisschen schneller und präziser, könnte man Ordner schon heute eliminieren. Ich weiß nicht wie es Euch geht, aber ich habe keine Zeit um die tausende von Dateien zu managen, die ich jeden Monat produziere.

Vorteile: Vereinfachung, das notwendige Werkzeug zur Erledigung einer Aufgabe ist immer zur Hand.

Nachteile: Einige Poweruser könnten die Möglichkeit vermissen, komplexe Ordnerstrukturen für ihre Dateien und Anwendungen anzulegen.

Mac App Store

Der Mac AppStore funktioniert genauso wie der iOS AppStore. Die selbe Navigation, die selbe Handhabung. Wenn Ihr eine Anwendung kauft, landet sie automatisch im Launchpad und auch um die Aktualisierung per Online-Update kümmert sich Apple.

Manchem Profi-Nutzer mag das überflüssig erscheinen. Aber wenn es etwas gibt, das man Einsteigern am Mac erklären muss, dann ist es der Prozess aus Download einer Anwendung, mounten der DMG-Datei bzw. Entpacken und Verschieben der Anwendung in den Programme-Ordner. Mit Hilfe des AppStores werden ganz gewöhnliche Nutzer – die laut Apples Tim Cook mittlerweile die Mehrheit der Apple-Kunden darstellen – Anwendungen ganz einfach kaufen und installieren können. Für Anwendungsentwickler könnten sich damit ganz neue Chancen auftun, auch wenn sie Apple im Gegenzug am Umsatz beteiligen müssen.

Zugleich tun sich Fragen über Fragen auf. Müssen alle Anwendungen, die auf den Mac wollen, irgendwann in den AppStore? Was würden wohl Adobe und Microsoft dazu sagen? Und wird Apple dann auch „problematische“ Anwendungen wie einen Bittorrent-Client zensieren?

Vorteile: Einfacher kann man Anwendungen (und Spiele!) nicht auf einem Computer installieren.

Nachteile: Wenn der AppStore zur Pflicht für Mac-Entwickler würde, dann würden sich Apple weitreichende Kontrollmöglichkeiten eröffnen. Auch wenn die Erfahrungen mit dem iOS-AppStore überwiegend positiver Art sind – vielen Entwicklern und Anwendern dürfte das nicht gefallen.

Ja, das ist die Zukunft

Auch wenn ich verstehe, dass mancher Power-Nutzer die Wände hochgehen wird, das meiste von dem was hier passiert ist die Zukunft des Computers. Die komplexen Geräte, die wir heute verwenden, werden durch einfache, aufgabenzentrierte Computer ersetzt, mit denen wir schneller und fokussierter arbeiten. Computer sollten kein Werkzeug für Spezialisten sein, sondern praktische Geräte und Quellen der Freude für Menschen in Büros und zuhause. Für Angestellte, Designer, Ingenieure, Manager, Illustratoren, Architekten, Gamer, Journalisten, Lehrer, Studenten, Musiker … für diese Leute, also so ziemlich für jeden Menschen auf diesem Planeten, sind Dateisysteme und Anwendungen, die aus mehreren Fenstern bestehen, Bausteine eines komplexen und deshalb obsoleten Bedienkonzeptes.

Das, was wir gestern abend gesehen haben, ist weder vollständig noch perfekt. Aber es ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Ein Schritt in eine Zukunft einfacher Maschinen und Möglichkeiten, um einmal Salvador Dalí zu zitieren. Und genau deshalb kann ich es kaum erwarten. Mac OS X Lion in die Finger zu bekommen. [Tim Kaufmann]

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    1. Es geht nicht nur darum, ein Programm einfach nur in Vollbild darzustellen. Bei Lion ist das Handling mit Vollbild so vorteilhaft. Das „switchen“ zwischen etlichen Vollbild-Aps oder aus der Mission Control direkt in ne geöffnete Vollbild-App wechseln, etc…

      Dem Letztem Absatz vom Artikel stimme ich voll zu!!!!! So sieht die Zukunft aus!!

  1. Bin nicht der Freund von Apple Hardware, aufgrund der übertrieben hohen Preise!
    Jedoch muss jeder zugeben, dass Apple sich in Sachen Software wirklich gedanken macht… Usability ist definitiv grandios!

    Greetz
    Datenschutz wird total überbewertet!

  2. …alles was vorgestellt wurde ist ziemlich sinnvoll(!) und zeigt wohin die Reise geht…
    Und: JA, DAS IST DIE ZUKUNFT !!!

    @pemko: ich dachte eigentlich, dass Windows-User manchmal auch Spell-Checker nutzen…
    +schau Dir einfach mal die Keynote an und möglicherweise wird Dir dann klar, dass dies wenig mit dem „Windows-Vollbild“ zu tun hat.

    1. Ja, am sinnvollsten ist, dass der ganze iOS-Kindergarten nun Einzug in die Macs hält. Als Arbeitsgerät für professionelle Anwender wird damit die Plattform demontiert. Zum Glück haben wir die Macs schon mit der Umstellung auf Intel rausgeworfen und es bis heute nicht bereut.

  3. Ich find den Mac AppStore Ansatz sehr gelungen. Stöbern, installieren, aktualisieren und löschen an einem Ort erinnert schon sehr an Ubuntu. Freu mich schon drauf!
    Aber was ist eigentlich mit Spaces? Wird das weiterhin verwendet?? Ich finde die multiplen desktops unschlagbar und wäre sehr verärgert wenn diese wegfallen würden!!

  4. Ein weiterer schritt zur totalen prioritären apple kontrolle. Im nächsten schritt wird es nicht mehr erlaubt sein, andere vertriebswege wie den applestore zu nutzen und danach werden bisher enthaltene komponenten kostenpflichtig. Von der komplettüberwachung mal ganz abgesehen.

    Apple eröffnet damit aber auch einen neuen markt, der bisher gar nicht definiert wurde, der aber schon durch ipad und iphone wichtige meilensteine erreicht hat: eine klasse unterhalb der „normalen pc´s und überhalb klassischer unterhaltungselektronik. Das ist für die meisten konsumenten der richtige weg, oder warum sollen sich dau´s mit ihrem system auskennen, dies ist zum beispiel für das autofahren auch nicht notwendig.

  5. wenn osx wie ios wird. sprich ich dann irgendwann jailbreaken muss. dann wechsel ich definitiv nach jahren wieder zu windows! will an mein rechner
    machen können was ich will. auch wenn ichs am iphone schätze, am rechner will ich maximale kontrolle.

  6. …sind Dateisysteme und Anwendungen, die aus mehreren Fenstern bestehen, Bausteine eines komplexen und deshalb obsoleten Bedienkonzeptes…

    Ich glaube ich habe mich verhört/ verlesen. Was soll denn an einer Hierarchischen Ordnerstruktur
    bitte komplex sein. Also wer für sowas zu doof ist, na gut dann nehmt einen Mac. Think different hat ausgedient es heißt ab sofort Dont think.
    Wenn ich schon daran denke das diese idiotischen Apps nun auch auf echten Rechnern einzug halten wird mir ganz anders. Gegen ein paar Widgets wie ne große Uhr oder ne Anzeige für Systemresourchen hab ich ja nix. Aber ich bin sicher die Kunden und User werden sicher auch dieses mal nichts dagegen haben sich ihre winzigen, nach Hause-telefonierenden Progrämmchen zu holen.
    Und so ein richtiger Rechner, dem viele Leute ihre privatesten Dinge anvertrauen ist natürlich ein lohnendes Ziel. Früher nannte sich sowas mal MalWare und Trojaner, heute sind es Apps die Apple die Taschen füllen.

  7. Bin mehr als enttäuscht.
    Wie „DrRock“ schon sagt, aus Think different wird Don’t think.
    Es ist auch irgendwie peinlich, die Programme auf dem Mac ebenfalls Apps zu nennen, das klingt einfach nur kindisch und ist obendrein noch sinnlos.
    Freue mich schon auf Mac OSX 10.8 wenn man nur noch von Apple lizensierte Programme benutzen darf -.-

  8. Danke Fabian! Danke DrRock!

    Ich mein..ich hab ja nichts gegen Apple im eigentlichen Sinne..aber ich bin einfach dem Gedanken Freund, das sich hier ein ganz großes „Wir machen den User dumm, damit er tausende von Euro für Apps ausgibt ohne drüber nachzudenken ob er sie jemals wirklich brauchen wird“ Ding abläuft.

    Wenn es so weitergeht, seht Apple mal in 10 Jahren. Ich krieg schon heute Schiss vor meinen Mitmenschen (Freunde/Arbeitskollegen) die wie Scientology-Besessene ihr I-Zeugs angöttern und auf Kritik äusserst allergisch reagieren. Es ist keine dumme Windows User Anmache von mir, ich arbeite selber auf Mac Systemen. Fällt das denn niemanden auf?

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