Kein Zweifel mehr: Apple macht Nintendo Angst

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Nintendos Bosse beklagen sich in letzter Zeit häufig über Probleme mit dem "Wert" von Videospielen. Sie nutzen dabei nicht das Wort "Apple" und sagen auch nicht "iTunes" oder "iPhone". Der Grund dafür könnte sein, dass sie nicht mehr nur Apple im Auge haben. Sondern auch Facebook, Android und die ganzen anderen Möglichkeiten, wie man für ein paar Cent oder sogar umsonst an Spiele gelangt, ohne 30 Euro für eine DS-Cartridge oder 50 Euro für einen Wii-Titel zu berappen.

Nintendo ist besorgt darüber, welchen Wert Menschen Videospielen beimessen. Man könnte auch sagen: Dass den Leuten richtig billige Videospiele Spaß machen, macht Nintendo Angst. „Ich befürchte dass sich unser Geschäft in eine Richtung entwickelt, die die Arbeitsplätze derjenigen bedroht, die ihren Lebensunterhalt mit der Entwicklung von Spielen verdienen – mit diesen Worten liess sich Nintendo-Boss Satoru Iwata letzte Woche auf der Game Developers Conference vernehmen.

Er teilt die Spielewelt in zwei Fraktionen ein. Auf der einen Seite stehen Firmen, die dedizierte Spiele-Hardware entwickeln, um auf dieser Basis Spiele zu vertreiben, darunter Nintendo, Sony und Microsoft. Auf der anderen Seite stehen Firmen, die Maschinen bauen, auf denen man unter anderem auch sehr günstige bzw. kostenlose Spiele spielen kann. „

Der Wert eines Videospiels ist für sie ohne Bedeutung“. Iwata präsentierte seinen Vortrag im Moscone Center in San Francisco. Schräg gegenüber, in der Halle mit den vielen Übertragungswagen davor, stellte Steve Jobs zur selben Zeit das iPad 2 vor. Jedem war klar, über wen Iwata sprach, auch wenn sich andere Nintendo-Vertreter reichlich Mühe gaben, darauf hinzuweisen, dass es nicht um einzelne Firmen oder App-Stores ginge. In einem Interview, das ich im Anschluss an die Veranstaltung führte, verriet mir Reggie Fils-Aime (der Chef von Nintendo USA): „Aber natürlich, wenn Inhalte kostenlos abgegeben werden, dann entwertet das die Inhalte insgesamt und senkt die Bereitschaft, Geld dafür auszugeben“.

Es ist nicht allzu lange her, dass Nintendo den Markt mit Nintendogs und Brain Age vor sich her trieb. Dann kam Wii Sports. Alles Nintendo-Spiele für Nintendo-Hardware. Damals war Nintendo die Firma, deren Veranstaltungen von den vielen Übertragungswagen besucht wurden. Heute explodiert der Spielemarkt im iTunes-Store und auf Facebook – Orte, an denen Nintendo keine Rolle spielt. Kein Wunder, dass Nintendo das nicht gefällt.

Schon einmal hat Nintendo die Alarmglocken geläutet. Das war damals, als man mit dem GameCube mit dem Rücken an der Wand stand, während die PS2 den Markt aufrollte. Damals warnte Iwata davor, dass ein Rückgang am japanischen Spielemarkt sich auch auf den amerikanischen Markt auswirken würde und forderte einen Wandel. Ob das nun eigennützig war oder nicht – mit der Wii leitete Nintendo eben diesen Wandel ein und erzielte einen Erfolg, den nur wenige vorhergesagt hatten.

Egal mit wem ich auf der GDC sprach – alle waren sich einig darüber, dass Nintendo die Hosen voll hat, weil eine Strategie fehlt, mit der man iTunes und Facebook begegnen kann. Mit kostenlosen bzw. billigen Spielen, so die Argumentation, kann man nichts verdienen. Vielmehr schaden sie Spieleentwicklern. Ich sprach Fils-Aime darauf an, dass man diese Position auch so deuten könne, dass Nintendo einfach unzufrieden darüber sei, dass die bislang treue Kundschaft nun durch günstigere Anbieter abspenstig gemacht wird. Fils-Aime antwortet, er wisse viele Spieleentwickler hinter sich. Auch sie seien der Meinung, dass man die – buchstäbliche – Wertschätzung, die Menschen Videospielen entgegenbringen, nicht durch billige und kostenlose Spiele beschädigen dürfe. Anderenfalls laufe man Gefahr, die Branche zu runieren.

Fils-Aime und Iwata muss man zu gute halten, dass sie nicht Schwarz-Weiß malen. Sie haben nichts gegen kostenlose/billige Spiele im Allgemeinen. Beide loben zum Beispiel Angry Birds. Iwata hat es in seine Liste von „Must have“-Spielen aufgenommen, auf der unter anderem auch Grand Theft Auto, Sonic The Hedgehog, Tetris und Zelda stehen. Fils-Aime nennt Angry Birds schlicht „unter Wert verkauft“.

Ich sprach Fils-Aime darauf an, dass auch der Ruf der Wii unter vielen billig produzierten Spielen minderer Qualität gelitten hat. Er ist der Meinung, dass es Nintendo nicht zustünde, die Zahl der verfügbaren Spiele in irgendeiner Form einzuschränken. Ich finde das schon etwas merkwürdig, denn andererseits verhindert Nintendo USA zum Beispiel ausdrücklich das Erscheinen von Erwachsenentiteln für die Wii und kontrolliert generell schon, wer Spiele für die Wii produzieren darf und wer nicht. Fils-Aime sagt, Nintendo wolle sicherstellen, dass nur die besten Spiele es auf seine Geräte schafften – und impliziert damit, dass dies bei den von Apple vertriebenen Spielen oder den Facebook-Games gerade nicht der Fall sei.

Was bleibt nun übrig von Nintendos Beschwerden? Es ist schwer, mit Spielen Geld zu verdienen, wenn es kostenlose oder billige Konkurrenz gibt. Aber ist es deswegen gleich unmöglich und eine große Gefahr für die Wii und die DS? Mich überrascht Nintendos Haltung auch deshalb, weil man dort letztes Jahr für einige Zeit lang Photo Dojo für die DSi kostenlos abgab. Es gelang dadurch, einen solchen Wirbel um das Spiel zu generieren, dass es sich blendend verkaufte, als es wieder kostenpflichtig wurde. Fils-Aime nennt das sinngemäß eine „fallweise Entscheidung darüber, auf welchem Weg man Kunden einen Inhalt erleben lassen und zugleich den Wert des Inhalts erhalten könne“.

Es ist nicht so, dass Nintendo generell etwas gegen Gratis-Spiele hat, aber definitiv ist man gegen die kostenlosen Spiele von Facebook und Apple. [Tim Kaufmann]

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  1. Als ob Nintendo so viel Entwicklungskosten für die Wii verballert hätte. Die Wii ist fast ein Gamecube. An die Spiel-Qualität aus den NES bzw. SNES Zeiten kommen sie leider eh nicht mehr dran…

  2. Kann ich nur bedingt nachvollziehen.
    Nintendo hat doch grade mit dem Ds und in Zukunft mit dem 3ds alle
    Möglichkeiten auch in dem Sektor dazuzuverdienen. Also ich hab ein Smartphone und werde mir zwar nicht zum launch, aber spätestens zum Weihnachtsgeschäft einen 3ds holen. Ich hatte noch nie einen handheld und freue mich schon sehr drauf. Und so sachen wie Angry birds, Minecraft,World of goo usw. sollte denn großen Herstellen einfach zeigen das es wieder sehr viele leute gibt die eher an einem genialen Spielprinzip interessiert sind als an Shootern mit Übergrafik.

  3. Vielleicht sollten die auch erstmal gescheite Spiele rausbringen die auch wirklich 40€ Wert sind!! Und keine 60€ verlangen, für nen Spiel was Schlecht ist.

  4. Warum sind die Leute nicht mehr gewillt viel Geld für Nintendo Hardware und Spiele auszugeben? Warum spielen viele gerne diese Spiele auf Favebook? Weil Nintendo den Zug verpasst hat und kein ansprechendes sowie Preiswertes Spiel mehr anbietet! Und weil das Spielprinzip der derzeitigen Nintendo Titel unter aller KanOne sind. Ich habe meine Wii aus dem Grund verkauft. Ich habe selbst ein iPhone und bin mit der Spieleauswahl zufrieden. Genauso besitze ich eine Ps3. Da sollte sich Nintendo mal nen Kopf machrn warum so viele Nintendo den Rücken gekehrt haben. Es gibt da ein Sprichwort: Erst vor der eigenen Haustür den Dreck kehren bevor man sich über andere den Mund zerreißt und denen die Schuld gibt.

  5. es ist doch eine fehleinschätzung des konsumenten durch nintendo. als es nur geschlossene plattformen gab, konnten viele gar nicht (oder nur bei freunden) spielen, weil sie sich die spiele nicht leisten konnten oder wollten. proportional zum einkommen sind die spiele heute auch nicht teurer als damals, nur dass es jetzt eine alternative zum kauf gibt. ergo wird das potentielle marktvolumen größer eingeschätzt als es eigentlich ist und nintendo büßt rein rechnerisch durch die freie konkurenz anteile ein. hinzu kommt, dass die kundschaft am konsumlimit (nicht die weniger reichen kinder) sich doch lieber bei freien alternativen bedienen, als teure cartrigdes zu kaufen.

    den konsumenten schert der umfang der spiele reichlich wenig. grade nintendo müsste doch wissen, dass es für spiele ein minimales umfangslevel gibt. heute nennt man das casual games, früher hat nintendo mit dem ersten gameboy richtig kohle mit diesen spielen gemacht. und jetzt beschweren die sich allenernstes wenn sie vom eigenen konzept überrollt werden?

  6. Die Strategie ist doch ganz einfach. Bringt für den 3DS einen Downloadsstore bei dem man die ganzen alten Klassiker für SEHR kleines Geld kaufen kann. Da kann weder Apple noch Android mithalten, denn bei Nintendo liegen hunderte von genialen alten Spielen.

    Dann hat man wieder eine Hardware, die in signifikanten Anteilen auf dem Markt ist und kann dann mit anderen Lowcostspielen auch Gewinne einfahren. Parallel kann man dann auf der Konsole auch hochpreisige Spiele anbieten.

    Jetzt aber das 3DS rauszubringen und dabei ein paar alte Klamotten als Vollpreis rauszuhauen ist die falsche Richtung. Da kaufen ein paar Geeks (mich eingeschlossen) das Ding wegen Zelda OoT und das wars.

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