Ist Roboterforschung sinnlos?

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Ein US-Senator benannte drei Roboterforschungsprojekte, die seiner Meinung nach Verschwendung sind, weil sie keine brauchbare Anwendungen hervorbringen. Sie hätten niemals staatliche Fördergelder erhalten sollen. Was es mit dieser Geschichte auf sich hat und wie sich die Wissenschaft wehrt, könnt Ihr in folgendem Bericht lesen.

In einem Bericht nahm US-Senator Tom Coburn aus Oklahoma die National Science Foundation der USA unter Beschuss. Sie ist der größte unabhängige Einrichtung zur finanziellen Unterstützung von Forschung und Bildung in den USA. Coburn kritisiert die NSF und beschuldigt sie, Millionen Dollar in Projekte gesteckt zu haben, die sinnlos seien. Drei davon beschäftigen sich mit Robotern.

Jeder Dollar, der aufgrund von Missmanagement, Betrug, Ineffizienz oder einem bescheuerten Projekt verloren gegangen ist, hätte auch in sinnvolle Wissenschaft gesteckt werden können“, heißt es sinngemäß in dem Bericht.

Coburn gab den Verantwortlichen für die drei Roboterprojekte keine Chance zur Rückmeldung. Deshalb habe ich einmal die drei Gruppen kontaktiert, um ihre Meinung zu erfragen. Es geht um die University of California, Berkeley, die University of California, Davis und die Rowan University in Glassboro.

Natürlich war keiner der Beteiligten erfreut, dass ihre Projekte in dem Bericht auftauchten. Ein Wissenschaftler witzelte gar, dass Coburn damit einen Roboteraufstand provoziert habe.

Die Wissenschaftler begrüßen Kontrollen und geben zu, dass es viele Verbesserungsmöglichkeiten bei der Arbeit der NSF gibt. Aber sie behaupten auch, dass der Coburn-Bericht ihre Projekte nur oberflächlich und ohne Zusammenhang betrachtet.

Eines der Projekte, die kritisiert wurden, verwendet einen PR2-Roboter der Silicon-Valley Firma Willow Garage. Es ist eines der besten Robotersysteme, die derzeit auf dem Markt existieren. Die Berkeley-Forscher brachten dem PR2 bei, wie man Handtücher faltet. Und die Demonstration war ein voller Erfolg.

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Aber offenbar war Coburn davon nicht beeindruckt. In seinem Bericht bemerkt er, dass der Roboter 1,5 Millionen US-Dollar kostet. Der Senator behauptet, dass es jeweils rund 25 Minuten dauerte, bis ein Handtuch gefaltet war. Der Bericht bezieht sich übrigens nicht auf die richtige Zuwendung der NSF. Bei der richtigen geht es um 1,2 Millionen US-Dollar. Und die Berkeley-Forscher bekamen den Roboter kostenlos.

Der Informatik-Professor Pieter Abbeel, der einer der Forscher ist, die an dem Projekt beteiligt sind, sagte mir, dass das Handtuch-Experiment nur einen kleinen Teil eines weitaus größeren Forschungsbereichs ist, aus dem Roboter hervorgehen sollen, die sich in der komplexen reale Welt besser zurechtfinden sollen. Das schrieb er:

Um Roboter aus der Werkhalle herauszuführen, müssen sie wesentlich besser werden und mit einer Umgebung zurecht kommen, die wesentlich komplexer ist. Darum geht es bei unserer Arbeit. Das Handtuchfalten war nur der erste, kleine Schritt um künftig Senioren und Kranke zu unterstützen, Soldaten im Einsatz zu helfen und zahlreiche andere Bereiche unseres täglichen Lebens zu verbessern

Coburn diskutierte seinen Bericht auch mit Neil Cavuto von Fox News. Nachdem Cavuto das Filmchen über den Handtuch-faltenden Roboter sah, meinte er, dass vielen Leuten das gefallen würde. Und ob der Roboter nun auch Klamotten falten könne. Der Senator gab zu, dass er die Details zu dem Projekt nicht kenne. Es sei ihm nur aufgefallen, meinte er.

Ich erkundigte mich bei Coburns Büro nach mehr Informationen und wollte wissen, wie die Projekte ausgewählt wurden, von denen behauptet wurde, dass sie keine Förderung verdient hätten. Haben Wisenschaftler oder Gutachter mit wissenschaftlichem Hintergrund Coburn geholfen, den Bericht zu verfassen? Wer sind seine Mitautoren?

Coburn ist der Autor des Berichs, schrieb sein Sprecher John Hart in einer E-Mail. Er fügte hinzu, dass der Senator Mediziner ist und damit einen wissenschaftlichen Hintergrund hat. Außerdem habe er Erfahrungen in der Geschäftswelt, der Buchhaltung und der Politik. Es sei eine mehrdimensionale Diskussion.

Ich fragte auch nach, ob Coburn oder seine Mitarbeiter die Wissenschaftler vorher kontaktierten, um nach mehr Informationen zu fragen oder ihnen die Möglichkeit zu geben, auf die Kritik einzugehen.

Ja, schrieb Hart. Wissenschaftler und Forscher, die öffentliche Gelder erhalten, sollten Fragen über ihre Arbeit begrüßen und erwarten. Er fügte hinzu, dass es keine heiligen Kühe gäbe, die keine Untersuchungen zu erwarten hätten.

Alle Forscher, die ich kontaktierte, sagten, dass sie niemals etwas von Coburns Mitarbeitern gehört hätten. Sie waren verwundert, das der Bericht so stark auf Presseartikeln aufbaut und nicht auf Materialen mit mehr wissenschaftlichem Inhalt. Diese Herangehensweise fanden sie ein wenig unwissenschaftlich. Ein Wissenschaftler fragte, ob Coburn auch beurteilen könne, ob ein Patient krank sei oder nicht, wenn er nur sein Gesicht sieht.

Ein anderes Projekt, das in dem Bericht kritisiert wurde, stammt von der UC Davis, die untersucht, wie Menschen mit ihrem Fahrrad fahren. Die Wissenschafler wollen auch einen Roboter bauen, der Fahrrad fahren kann.

Mit dabei ist Professor Mont Hubbard, ein Maschinenbauingenieur, der an diesem Projekt arbeitet, um Rechenmodelle zu entwickeln, die genau beschreiben, wie das Fahrradfahren funktioniert. Durch das Projekt, das 300.000 US-Dollar von der NSF bekam, soll ein besseres Verständnis gewonnen werden, wie man Fahrräder bauen kann, die sicherer sind und in diversen Bereichen genutzt werden können.

Die Forscher haben unter anderen ein Rad mit Sensoren gespickt, um die Parameter zu analysieren, die für die Modelle berücksichtigt werden müssen. Darüber hinaus wird an einem Roboter-Fahrrad gebaut. Nach Angaben von Hubbard wissen wir kaum etwas darüber, wie ein Fahrraddesign sich auf die Sicherheit, die Leistung des Radlers und unsere Möglichkeiten zu seiner Kontrolle auswirkt. Vor allem fehlt das Wissen, wie sich das Zusammenspiel von Fahrer und Fahrrad gestaltet.

Es gibt noch viel zu entdecken, sagte Hubbard. Und nur weil Senator Coburn Rad fahren kann, heißt das nicht, dass das das Ende der Fahnenstange ist.

Das dritte kritisierte Projekt war ein Roboter-Rodeo. Ein dreitägiges Event das während einer Konferenz für Informatiklehrer in Dallas im letzten Jahr stattfand. Die Organisatorin Jennifer Kay, eine Informatikerin an der Rowan University und Unternehmer Tom Lauwers sagten, dass das Ziel war, Roboterprogrammierung bekannter zu machen. 1.200 Lehrer waren auf der Konferenz und das Projekt sollte zeigen, wie sie in ihren Klassenzimmern Roboter einsetzen könnten.

Die Initiatoren sagten, dass es zwar Hinweise darauf gibt, dass Roboter als Lernwerkzeuge sinnvoll im Unterricht eingesetzt werden können, um Schüler zu motivieren, aber nur eine sehr geringe Zahl von Lehrern hat jemals einen Roboter programmiert oder im Klassenraum eingesetzt. Dem Event ging eine monatelange Planungsphase voraus und beschäftigte Dutzende Freiwillige. Von der NSF kamen 6.283 US-Dollar. Die Zahl nennt Coburn in seinem Bericht nicht.

Und ja, Kay und Lauwers sagten, dass das Event Spaß machen sollte:

Vielleicht wurde das „Robot Hoedown and Rodeo“ herausgefischt, weil es einen griffigen Namen hatte und weil es oberflächlich betrachtet ein reines Spaßprojekt war. Tatsächlich heißt es im Bericht von Senator Coburn, dass Youtube-Videos von der Veranstaltung suggerieren, dass es dabei nur um Spaß für die Beteiligten ging. Das ist aber genau das Ziel unserer Veranstaltung gewesen – die Schüler sollen schließlich auch motiviert werden, um künftig zum Beispiel eine Rolle als Forscher einzunehmen und die Entdeckungen zu machen, die unsere Gesellschaft und Wirtschaft voran bringen.

Coburn bestätigt, dass viele Zuwendungen der NSF wissenschaftlichen Fortschritt brachten doch er beharrt darauf, dass die Einrichtung zwischen einer und drei Milliarden US-Dollar hätte sparen können, wenn ineffiziente Ausgaben vermieden und mehrere Arbeiten zum gleichen Thema nicht unterstützt worden wären.

Unter anderem will er, dass die NSF Sozial- und Verhaltenswissenschaften nicht mehr fördert und ihren Förderungsschwerpunkt auf wirklich umwälzende Wissenschaftsbereiche mit praktischen Anwendungszzwecken außerhalb akademischer Zirkel und mit klarern Vorteilen für die Menschheit und die Welt setzt.

An der Herausforderung, klare „Gewinner“ von vornherein auszusuchen, dürften selbst erfahrene Manager bei der NSF und wissenschaftliche Mitarbeiter scheitern.

NSF-Sprecherin Dana Topousis sagte, dass es in vielen Fällen schwer ist, von vornherein festzustellen, welche Forschungsanträge greifbare Ergebnisse liefern könnten. Als die NSF zum Beispiel 1990 einen Wissenschaftler förderte, der digitale Bibliotheken näher erforschen wollte, konnte sie nicht wissen, dass der Wissenschafler später einmal der Mitbegründer von Google sein würde.

Also – wer weiß es schon: Ist das nächste Google vielleicht ein Roboterhersteller, dessen Gründer teilweise von der NSF bei seiner Forschung gefördert wurde? Es gibt nur einen Weg, das Herauszufinden.

Auch wenn dieser Artikel naturgemäß stark auf die USA zugeschnitten ist, gibt es auch hierzulande immer wieder Anfeindungen von Wissenschaftlern, die staatliche Gelder für ihre Projekte beantragen, aus denen nicht immer Produkte oder Dienstleistungen hervorgehen. [Erico Guizzo / Andreas Donath]

[Via IEEE Spectrum]

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  1. Schön, daß die Rufe nach besseren Artikeln nicht komplett verhallen! Vielleicht komme ich jetzt doch öfetr mal wieder bei euch vorbei!

  2. Ich denke, dass man die staatliche Förderung solcher Projekte vollständig streichen sollte. Wenn sie später einmal von Menschen besessen werden wollen, ergo Markterfolg haben werden, wird sich auch ein Investor finden, der diese Projekte fördert – sei es zur Effizienzsteigerung von Militäreinsätzen oder nur um Robotrumble-mäßige TV-Shows durchzuziehen. Marktwirtschaft ist in diesem Fall die direktere Form der Demokratie.

  3. der gute mann scheint nichts von forschung zu verstehen.

    der roboter braucht 25 minuten zum handtuch falten, und soll deswegen keinen praktischen nutzen haben?
    Es wäre schön wenn alles das entwickelt wird einen praktischen nutzen hätte, die realität sieht aber nunmal so aus dass man sich langsam vorarbeitet.
    der roboter wird nächstes jahr die gleiche aufgabe in 50% der Zeit und zu 50% der kosten bewältigen können und bereits in 10 jahren wird er das ganze in wenigen sekunden zu einem preis den sich jeder leisten kann vollbringen.
    in kombination mit anderen robotersystemen die parallel entwickelt werden bedeutet dass dann einen haushaltsroboter.

    sowas nennt sich entwicklung und das lief schon immer so ab.

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