Lichtfeldkamera Lytro im Test

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Selten fällt uns Technik in die Hände, die wirklich etwas Brandneues darstellt. PCs, Notebooks, Handys, das Internet, Multitouch - das alles hat die Welt verändert, als es vorgestellt wurde. Wir wollen nicht übertreiben, aber wir glauben, dass Lytro mit seiner Lichtfeldkamera ebenfalls in diese Aufzählung gehört. Beim Fotografieren mit
dieser Kamera muss man sich nicht länger ums Scharfstellen kümmern, weil man nach der Aufnahme beliebige Punkte im Bild scharfstellen kann.

Die Lytro-Kamera basiert auf der Lichtfeldfotografie und weicht deutlich von alle ab, was man bislang unter Fotografie verstanden hat. Es ist keine Evolution eines bestehenden Konzeptes sondern eine komplette Neuentwicklung. Aber was bringt das dem Anwender?

Die Lichtfeldfotografie ist eine Möglichkeit, nach der Aufnahme auf einen beliebigen Punkt im Bild scharf zu stellen. Die theoretischen Ansätze und Prototypen gibt es zwar schon länger, aber die Lytro ist die erste Consumer-Kamera, die nach diesem Prinzip funktioniert und wie eine normale Kamera benutzt wird.

Ein Lichtfeld-Sensor unterscheidet sich deutlich von einem Standard-Bildsensor. Er nimmt zusätzlich zur Intensität und Farbe des Lichts auch noch seine Richtung auf. Hunderte winziger Linsen über dem eigentlichen Sensor spalten das Licht auf, bevor es den Sensor erreicht. Damit wird das Tor zu vollkommen neuen Möglichkeiten für die
Fotografie aufgestoßen.

Im Betrieb

Die Lytro-Kamera sieht anders aus als herkömmliche Digitalkameras. Das Gehäuse ist rund um das Linsen-Arry herum gebaut worden und besteht aus einem farbigen Aluminiumblock. Das hintere Drittel ist gummiert, damit man es besser halten kann. Über das 1,46 Zoll große Display an der Stirnseite steuert man die Kamera per Touchscreen. Das Zoomrad befindet sich oben auf dem Gehäuse. Auslöser und Einschalter sind dort ebenfalls zu finden und lassen sich gut erreichen.

Klein ist das Gehäuse nicht, aber gut transportierbar. Der Linsendeckel wird übrigens von Magneten am Gehäuse gehalten, was andere Objektivhersteller durchaus nachmachen sollten.

Die Benutzeroberfläche im kleinen Touchscreen ist simpel und leicht verständlich aufgebaut. Mit Wischgesten nach links und rechts kann man zwischen den bereits aufgenommenen Bildern hin- und herwechseln. Eine Wischgeste nach unten ruft den Einstellungsdialog auf.

Die Lytro hat eine Blendenöffnung von f/2 und einen ISO-Bereich von 125 bis 3.200. Die Automatik verweilt meist im Bereich zwischen ISO 200 und 800. Die hohe Lichtstärke und Empfindlichkeit  sind auch erforderlich, denn einen Blitz gibt es nicht – auch nicht als Zubehör. Leider ist die Kamera recht rauschanfällig, was sogar in gut beleuchteten Innenräumen auffällt.

Die besten Aufnahmen gelingen, wenn das fotografierte Objekt gut beleuchtet im Vordergrund steht. Stehen alle Objekte mehr oder minder im Hintergrund, gehen recht viele Details unter und das Bild wirkt recht flau. Uns scheint, als sei die Lytro eine Schönwetterkamera. Da erzielt sie die besten Ergebnisse. In Innenräumen wirken
die Bilder recht grieselig und bei bewölktem Himmel sind die Bilder oftmals zu kontrastreich und unruhig.

Die Übertragung des Bildmaterials auf dem Rechner erfolgt über Micro-USB. Bis man sie sich auf dem Mac ansehen kann, vergeht jedoch einige Zeit. Auf einen MacBook Pro mit 2,26 GHz (Core 2 Duo) und 8 GByte RAM, dauerte der Vorgang pro Bild eine ganze Minute. Wenn man das Bildmaterial an andere weitergeben will, muss man sie auf den
Lytro-Server hochkopieren. Eure Freunde und Bekannten können sie dann mit einem HTML5-fähigen Browser oder einem Browser mit Flashplugin ansehen. Eine Embedd-Funktion ist ebenfalls vorhanden. Sie ermöglicht den Einbau der Bilder in Webseiten und funktioniert sogar mit Facebook.

Der größte Spaß entsteht bei der Manipulation der Bilder – ein Klick auf das Bild stellt es auf diesen Bereich scharf. Das klappt allerdings nicht stufenlos, sondern ungefähr mit einem Abstand von einem Zentimeter auf dem 15-Zoll-Bildschirm des Macbooks. Man kann sogar bei Fotos durch ein Fenster auf dessen Glas scharfstellen und abwechselnd die Aussicht sehen, wobei dann das Fensterglas unsichtbar wird. Wer will, kann aus den Ansichten auch JPEGs generieren. Sie haben allerdings nur eine Auflösung von 1080×1080 Pixeln. Für das Web reicht das, zum Drucken ist die Auflösung aber sehr niedrig.

Was uns gefällt

Außer der Möglichkeit, den Fokus nachträglich zu verändern, gefiel uns besonders die leichte Bedienbarkeit der Kamera. Sie ist unglaublich einfach im Gebrauch, so dass sie eigentlich jeder Anwender nach einer kurzen Einweisung benutzen kann. Bei gutem Licht lassen sich erstaunlich gute Fotos erstellen, sogar im Makrobereich. Auch das
Bokeh ist hervorragend.

Was uns nicht gefällt

Leider benötigt die Kamera für gute Bilder sehr viel Licht. Sonst entstehen flaue und detailarme Fotos, vor allem, wenn das Objekt weit entfernt von der Kamera ist. Und die Fotos lassen sich derzeit nur betrachten, wenn man sie mit der Software von
Lytro betrachtet oder sie auf den Hersteller-Server herauflädt und per Browser anschaut.

Im täglichen Betrieb fällt auf, wie schwer es ist, Bilder mit der Kamera zu komponieren. Ein Sucher fehlt, so dass man nur das kleine Display als Orientierungshilfe besitzt. Die stabartige Gehäusekonstruktion macht es dem Anwender nicht unbedingt leicht, die Kamera auf ihr Ziel auszurichten und gleichzeitig das Display im Auge zu behalten. Es sieht aus, als würde man ein Fernrohr verwenden.
Einige Designänderungen würden zudem die Bedienung erleichtern. Die Zoomkontrolle wäre besser am Rand aufgehoben und nicht auf der Oberseite des Gehäuses. Bei der derzeitigen Anordnung wird häufig das Zoom verstellt, während die Finger zum Auslöser wandern. Und die Magnete im Objektivdeckel sind zu schwach. Der Lytro fällt in der Jacke oder in der Tasche der Deckel trotz Magneten sehr häufig ab.

Fazit

Die Lytro hat unglaublich viel Potential – aber sie ist eben auch die erste Kamera dieser Art und es gibt viel Raum für Verbesserungen. Die Möglichkeiten der Lichtfeldfotografie werden Endanwendern derzeit mit keinem anderen Gerät offenbart. Und die Kamera ist gut – keine Frage. Die Ergonomie könnte verbessert werden und auch beim Sensorrauschen und der schlechten Bildqualität bei wenig Licht kann sicherlich noch das eine oder andere optimiert werden. Noch ist die Lytro nur als Zweitkamera einsetzbar, aber wer weiß, was die zweite Generation bieten wird.

Eine Reihe unserer Testfotos findet Ihr auf dem Lytro-Webserver.

Lytro – technische Daten

Sensor: 11 Megarays
Objektiv: 8fach-Zoom (f/2)
Speicher: 16 GByte
Bildformat: .lfp
Bildschirm: 1,46 Zoll Touchscreen
Gewicht: 214 Gram
Preis: 500 US-Dollar

Giz-Sterne: 4

[Adrian Covert /Andreas Donath]

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  1. ich frag mich, wieso ich nach dem fotografieren scharf stellen können muss, wenn ich es nicht auch währenddessen machen kann… für alle, die zu unentschlossen sind sicher gut… aber, ich entscheide mich doch auch nicht erst für meine Bestellung, nachdem mir der Kellner das essen serviert hat?

    1. Die Lytro ist doch die erste echte Neuerung in der Fotografie seit 1826. Seitdem wurde jedes Detail viele hundert mal verbessert, statt 8 Stunden wie damals reicht heute 1/250 s zum belichten und vieles mehr. Zwischendurch wurde auch mal die Farbfotografie eingeführt, es wurde digitalisiert, verkleinert, minimiert, verschlimmbessert und was sonst noch. Das Funktion an sich ist aber die selbe wie 1826.

      Jetzt gibt es wirklich mal was neues. Sei einfach mal mutig. Hast Du auch zu denen gehört, die gesagt haben „wer braucht Festplatten, die größer sind als 20MB/100MB/500MB/1GB/250GB…“, vielleicht auch wahlweise USB-Sticks, CPUs mit mehr als 100MHz, 500MHz, 1GHz usw. oder vielleicht auch 4MB RAM/16MB RAM/…../16GB RAM/32GB RAM/96GB RAM (ich kennen jemanden, der sowas hat…)? Sei mal offen und betrachte neue Techniken wohlwollend kritisch.

      Nach 200 Jahren mal was wirklich neues in der Fotografie, dass ich das noch erleben darf….

    2. Hast Du nur Profifotografen als Freunde? ;-)

      Die Realität sieht nämlich so aus, wenn z.B. zwei Personen fotografiert werden, der Berg im Hintergrund scharf ist und die Personen im Vordergrund völlig unscharf.
      … weil die Leute einfach keine Ahnung von so simplen Dingen wie Fokus-Nachführung haben.

      Nächster Vorteil: keine Verzögerung durch den Autofokus

      Und nicht zuletzt bei der Betrachtung gibt das gute und interessante Effekte.

      1. > Und nicht zuletzt bei der Betrachtung gibt das gute und interessante Effekte

        Ich hoffe es kommen einmal kompatible digitale Bilderrahmen auf den Markt, bei denen man per Touchscreen nachfokussieren kann.

  2. Habt ihr denn eure Testfotos mal auf den Lytro Server hochgeladen, damit wir uns das mal anschauen können? Ich für meinen Teil bin bei der Technik sehr skeptisch und glaube es erst, wenn ich es mit eigenen Augen gesehen habe. (Die Herstellerfotos ziehen bei mir nicht…)

      1. Vielen lieben Dank!

        Und das sind wirklich Fotos von euch bzw. eurer US-Kollegen und nicht vom Hersteller? Wenn ja, dann sind meine Zweifel ja unbegründet.

        1. Sind Originaltestfotos von uns (aus den USA). Ich finde allerdings, dass es sehr von den Aufnahmesituation abhängt, ob das Bild brauchbar ist.

      1. Man kann schon mehrere Ebenen erkennen. Im Bild mit dem Kuchen und der Milch im Hintergrund kann man den Kuchen auf verschiedene Bereiche fokussieren. Da sieht man es ganz gut.

  3. das hauptproblem ist wohl um so näher ein objekt um so mehr lichtstrahlen werden von ihm ausgestrahlt, dh objekte weiter vorne haben eine höhere auflösung als weiter hinten und damit ist die kamera wohl für aufnahmen in die ferne ungeeignet.

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