Benutzerinterface: Was Google von Windows 8 lernen kann

original-8

Windows 8 basiert auf der Vorstellung, dass das Web zwar viele interessante Funktionen aber kein ordentliches Benutzerinterface bietet. Deshalb wurden Apps entwickelt, um einige Webanwendungen in einer aufgehübschten Parallelwelt darzustellen. Davon könnte sich Google für seine Chrome OS eine Scheibe abschneiden.

„Wir versuchen, das Betriebssystem und den Rechner einem Webservice anzunähern,“ so Caesar Sengupta, der bei Google für die Entwicklung des Chrome OS verantwortlich ist. Letztes Jahr startete Google sein eigenes cloud-basiertes Betriebssystem Chrome OS, um mit Microsoft und Apple zu konkurrieren. Ein großes Wagnis. Der Suchmaschinengigant setzt darauf, dass die Anwender einen Desktop wollen, der dem Web ähnelt. Doch vielleicht setzt Google dabei auf das falsche Pferd oder es ist noch zu früh für einen solch radikalen Wechsel.

Chrome OS wird gerade stark überarbeitet und soll ein neues Interface namens Aura erhalten. Da lohnt ein Blick über den Tellerrand, um sich vielleicht Anregungen vom weltweit erfolgreichsten Betriebssystemhersteller zu holen. Microsoft setzt bei Windows 8 darauf, dass die Anwender wollen, dass sich das Web wie ein Desktop anfühlt.

Wer schon einmal mit der Vorabversion von Windows 8 herumspielen hat und Chrome OS ausprobieren konnte, wird merken, dass es gewaltige Differenzen zwischen diesen Systemen gibt. Google will, dass damit praktisch alle seine Dienste wie Google News, Youtube, Google Mail oder Google Drive genutzt werden können. Sei es zum Lesen von Nachrichten, zum Betrachten von Filmen, zum Schreiben von E-Mails oder zum Speichern von Dateien.

Windows 8 besitzt Apps, die einen Zugriff aufs Web gewähren, aber den Anwender vom Chaos des Internets fernhalten. Das mag sich zwar nach einer subtilen Unterscheidung anhören, aber für den Benutzer ist das ein Erlebnis wie Tag und Nacht. Die meisten Chrome OS-Anwendungen sind keine echten Apps sondern lediglich Bookmarks. Die Youtube-App ist zum Beispiel lediglich ein Link auf youtube.com und so verhält es sich auch mit den meisten anderen „Apps“.

Microsoft will mit Windows 8 hingegen die Möglichkeiten des Webs in den Desktop integrieren. Normalerweise ruft man einen Webbrowser auf, um sich zum Beispiel in ein soziales Netzwerk einzuloggen, Börsenkurse oder das Wetter zu checken oder einen Routenplaner aufzurufen. Das ist unter Windows 8 und der Metro-Oberfläche mit kleinen kachelförmigen Apps möglich, deren Einsatz oft praktischer ist als der Start eines herkömmlichen Windows-Programms oder eines Widgets, die man aus Windows Vista und 7 kennt.

Natürlich erfüllen die Kachel-Apps von Windows 8 letztlich die gleichen Funktionen wie eine Website, aber die Desktopversionen sind in das Benutzerinterface integriert arbeiten deutlich flüssiger. Zudem sind sie in unmittelbarer Reichweite und lassen sich parallel zu anderen Apps sehen. Auch die Vollbilddarstellung ist optisch sehr gelungen.

Im Vergleich zu Apps in Chrome OS, die den Anwender zum Beispiel auf Wetter.com führen, zeigt die Wetter-App in Windows 8 alles was man wissen will, direkt an. Das gilt auch für die Börsen- und Karten-Kacheln in Windows 8 sowie für die Social-Network-App, die Facebook, Twitter und LinkedIn zusammenfasst.

Um die unterschiedliche Herangehensweisen beider Firmen zu illustrieren, noch ein weiteres Beispiel anhand von Google Docs und Microsoft Office. Google glaubt, dass man eine Desktop-App wie eine Textverarbeitung oder eine Tabellenkalkulation in eine Webapp verwandeln kann, so dass man ein Dokument im Browser schreibt, genau wie eine E-Mail. Microsoft hingegen setzt weiterhin auf eine Desktop-Anwendung und baut in Word Funktionen ein, die einen Webzugriff ermöglichen. So können zum Beispiel alle Dokumente in der Cloud gespeichert und dennoch offline bearbeitet werden.

Ob man nun Word oder Google Docs verwendet, hängt davon ab, welchem Ansatz man eher vertraut. Aber auch die Performance des Benutzerinterfaces dürfte eine gewichtige Rolle bei der Entscheidung spielen, ob man lieber eine Desktop-App oder eine Website benutzt.

Chrome OS bietet einige sehr gute Web-Apps, aber häufig sind diese Lösungen recht langsam und können kaum mit Desktop-Apps sowie mit Smartphone- und Tablet-Apps konkurrieren. Zudem gibt es ein weiteres Problem: Eine einigermaßen einheitliche Oberfläche oder Bedienung fehlen den Web-Apps, so dass man mit unterschiedlichsten Konzepten zurecht kommen muss.

Es spielt beispielsweise eine große Rolle, ob man die Twitter-App auf dem iPhone öffnet oder Twitter.com im mobilen Safari öffnet. Die iOS-Apps von Twitter, Dropbox oder ähnlicher Anbieter ähneln sich ihre Bedienung sehr. Das ist bei der jeweiligen Web-Version nicht der Fall. Die Gestaltungsregeln, die Bedienlogik und die Interfaceelemente werden bei den Apps durch Apple weitgehend vorgegeben, während im Web naturgemäß Wildwuchs herrscht.

In diesem Punkt hat Microsoft von Apple gelernt und geht die Entwicklung des Windows-8-Designs auf ähnliche Weise an wie Apple es bei iOS tat. Wenn ein Drittanbieter wie zum Beispiel Box.net auf die Metro-Oberfläche von Windows 8 will, entwickelt er eine Metro-Style-App. Bei Chrome OS ist die Box.net-App lediglich ein Link auf Box.net.

Die Art und Weise, wie Google über Produkte und Designs denkt, spricht in dieser Hinsicht Bände. Einzelne Produkte von Google fühlen sich wie oft grundverschieden an. Die Suche, Google Mail, der Chrome-Browser, Youtube, Android und die Kartenanwendung Maps sehen aus, als würden sie von unterschiedlichen Firmen entwickelt.

Microsoft und Apple verfolgen hingegen eine gemeinsame Linie bei ihren Produkten. Es sieht fast so aus, als habe Google mit G+ erst im Nachhinein eine Lösung gefunden, die als Rückgrat für seine diversen Dienste dienen kann. Wie Chrome OS aber zum Beispiel mit Android zusammen spielen soll, bleibt ein Rätsel. Und was passiert, wenn Google+ ein Misserfolg wird? Und wie soll der Chrome Web Store jemals in Google Play passen?

Apple hat hingegen seine Produkte in eine Soft- und Hardwarekomponente aufgeteilt. Es gibt iPhones, iPads und iMacs/MacBooks sowie iOS und Mac OS X, den App Store und iTunes.

Microsoft geht etwas anders vor. Windows 8 soll hier das verbindende Element zwischen den Produkten Bing, Office, Xbox und Windows Phone werden. Da man mit dem Metro-Design eine Benutzeroberfläche entwickelt hat, die sowohl auf dem Desktop als auch im mobilen Bereich funktioniert, ist das ein recht umfassendes Konzept.

Google könnte sich von beiden Unternehmen eine Scheibe abschneiden. Wenn man die aktuellen Builds von Chrome OS anschaut, scheint das in Ansätzen auch der Fall zu sein: Das neue Aura-Interface erinnert stark an die Windows 7 Taskleiste und an das Mac OS X Dock.
[Austin Carr – Fastcompany / Andreas Donath]

Tags :
  1. > Wie Chrome OS aber zum Beispiel mit Android zusammen spielen soll, bleibt ein Rätsel

    Chrome os und Android sind zwei grundsätzlich verschiedene ansätze. Statt in diesem artikel win8 mit chrome zuvergleichen, wäre ein Vergleich von win8 mit android passender. Denn chrome soll eine entwicklungsstufe weiter sein, indem halt alles im netz abläuft. Was bislang halt noch kein Betriebssystemhersteller versucht hat. Deswegen hinkt ein Vergleich ziemlich.

    Aussage von google:
    Android ist eine wette auf die Vergangenheit, chrome eine wette auf die Zukunft.

    1. „Denn chrome soll eine entwicklungsstufe weiter sein, indem halt alles im netz abläuft. Was bislang halt noch kein Betriebssystemhersteller versucht hat“
      EyeOS… Gibts schon seit 7 Jahren und ist Chrome OS um einiges voraus!

  2. > Deshalb wurden Apps entwickelt, um einige Webanwendungen in einer aufgehübschten Parallelwelt darzustellen. Davon könnte sich Google für seine Chrome OS eine Scheibe abschneiden.

    Meiner Meinung nach ist das totaler Bullshit. Mich kotzt es ja ohnehin schon total an, dass es mittlerweile für jede Website eine eigene App gibt die letzten Endes wie ein RSS-Reader funktioniert.
    Ich sehe es eher so, dass der Trend zu sehr komplexen und gut funktionierenden HTML5 Seiten geht.
    Ach ja und noch was: Windows 8 ist ein Witz.

    1. Wunderbares Argument gegen Win 8. Wenn man keine Ahnung hat, … . Ansonsten wenigstens vernünftige Argumente bringen. Ein mittelding zwischen Chrome OS und Win8 könnte mir gefallen. Ich möchte meine Daten nicht komplett in die Hände von Google legen und auch nicht komplett in die Hände von MS, obwohl MS mit wesentlich sympatischer ist.

      Win 8 als auch Chrome OS halte ich für den Firmeneinsatz komplett ungeeignet. Das Metro Design ist für Homeanwender sehgr schick und einfach. Für die Firma, mit SAP, LotusNotes und Solid Works oder Visula Studio ungeeignet.
      Aber man wird sehen, was sich durchsetzen wird. Ich wünsche es MS udn Goole nicht.

      Achja, da ich Privatschreiberling bin, darf wer Rechschreibfehler findet sie selbstverständlich behalten.

      1. Ich versteh nicht, wieso die Leute immer wieder die Benutzeroberfläche eines Programms mit der Oberfläche des Betriebssystems durcheinanderwerfen. Das hat nicht das geringste miteinander zu tun.
        Libre Office beispielsweise sieht immer gleich aus. Egal ob auf XP, Vista, 7, Mac, KDE, xfce, Gnome oder Unity. Die absolute Mehrheit der Firmen arbeiten mit der Software, und nicht mit dem Betriebssystem. Ob da jetzt Chrome OS, Windows 8 oder DOS läuft is völlig Wurst, solang die Arbeitsumgebung verfügbar ist.

    2. Das es egal ist, welche OS Version man nutzt kann ich so nicht unterschreiben.
      Da bei uns in der Firma, die Damen und Herren an der Hotline, im Vertieb und z.b. im Sekreteriat, an die Windows Oberfläche mit Startbutton Taskleiste und Taskmanager gewöhnt sind, werde die es schwer haben plötzlich ohne direkten Zugang zu diesen arbeiten zu müssen.
      Naja, wir weren sehen.
      Wir mussten auch von openOffice etc. wirder zurückwandern, da die Benutzer nicht mit der „anders aufgebauten“ Menüführung zurecht kommen. Selbst unsere Entwickler haben ihre Probleme obwohl man meinen sollte, dass die sich mit Technik auseinandersetzen können sollen.

  3. Na das arbeiten mit sämtlichen officeklonen ist auch mehr oder minder die Hölle wenn man sich einmal an Office 2010 gewöhnt hat. Und jeder den ich kenne ist nach ganz kurzer Zeit wieder beim Orginal gelandet, denn die Kopie tut man sich nur an wenn man gut bezahlt wird.

    1. StarWriter bzw. StarOffice sind das Original dieser „sämtlichen Officeklone“. StarWriter gab es bereits 1985 und wurde von StarDivision (einer deutschen Firma) vertrieben. Kenne niemanden der zu Office 2010 gewechselt hat.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Advertising