Interview: Let’s-Player Daniel Schröder über autistische Superkräfte in Games

Daniel Schröder

Daniel Schröder aus Köln ist leidenschaftlicher Computerspieler und mit seinem großen Hobby an die Öffentlichkeit gegangen. Aber er ist anders als andere Let’s-Player, denn der 27-Jährige ist Autist. Gizmodo hat mit ihm über seine Behinderung und seine Karriere als Let’s-Player gesprochen – und wie beides zusammenpasst.

Daniel, wie äußert sich der Autismus bei dir?
Ich habe vor allem Probleme mit zwischenmenschlicher Kommunikation. Die richtige Interpretation von Gesichtsausdrücken fällt mir zum Beispiel unheimlich schwer. Ich habe zwar in meinem Kopf abgespeichert, dass es einem Menschen, der weint, meistens schlecht geht. Aber es könnten ja auch Freudentränen sein. Den Kontext zu erkennen, das ist oft mein Problem. Ich muss daher den Gegenüber fortlaufend analysieren. Wie bewegt er sich? Wie ist seine Gestik und Mimik? Was andere intuitiv und ohne Anstrengung erkennen, ist für mich teilweise sehr ermüdend. Vor allem, wenn ich es mit fremden Menschen zu tun habe. Das ist typisch für jemanden mit Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus.

Viele Menschen denken gleich an Rain Man, wenn Sie Autismus hören. Wie gehst du mit solchen Klischees um?
Gegenüber Autisten herrschen – auch aufgrund von Filmen wie Rain Man – viele Vorurteile. Die basieren natürlich wie die meisten Vorurteile auf Unwissen. Ich kann nur versuchen, die Menschen, mit denen ich zu tun habe, aufzuklären. Das versuche ich auch ein Stück weit über meinen YouTube-Kanal, wo ich wie im realen Leben offen mit meiner Behinderung umgehe. Autismus ist nicht gleich Autismus, und vielen merkt man die Behinderung auch auf den zweiten Blick nicht an. Ich bin zudem aber noch hochbegabt und kann so auch viele meiner Schwächen verdecken – zumindest gegenüber fremden Menschen.

Autisten werden oft motorisches Ungeschick und Orientierungslosigkeit zugesagt. Wie ist das in deinem Fall?
Beides tritt auch bei mir auf. Allerdings hängt die Intensität dieser und der anderen Symptome stark von meiner Tagesform ab. Autisten brauchen in der Regel einen sehr strukturierten Tagesablauf und feste Routinen. Es ist eine feste Kombination von Handlungsanweisungen und der Durchführung der Handlung. Normale Menschen machen vieles davon ebenfalls intuitiv, ich hingegen muss es bewusst durchführen. Wenn die Routine allerdings mal nicht da ist, wenn beispielsweise im Supermarkt die Butter plötzlich nicht mehr rechts oben, sondern links unten im Regal steht, dann können auch meine Symptome wieder stärker hervortreten.

Wann und wie wurde Autismus bei dir diagnostiziert?
Anfang 2012 habe ich einen Zusammenbruch erlitten, den ich vor allem auf den anhaltenden Stress im Beruf zurückgeführt habe. Stress, den ich wegen meiner Behinderung vielleicht eher verspüre als die Kollegen. Die erste Schnelldiagnose war Burnout, durch meine Hochbegabung konnte ich wie gesagt viele meine Symptome gut überspielen. Gegenüber den Spezialisten in der Klinik ging das aber nicht mehr, so dass mit relativ schnell das Asperger-Syndrom attestiert wurde. Für mich war die Diagnose aber nicht nur Fluch, sondern auch Segen. Im Nachhinein konnte ich mir dadurch so Einiges erklären. Meinen Job als Informatiker habe ich allerdings verloren, weil mein Jahresvertrag nicht verlängert wurde. Ich glaube, hier waren wieder Vorurteile von Kollegen und Vorgesetzten das Problem, die mir nach der Diagnose nicht mehr allzu viel zugetraut haben.

youtube kanal selgald

Der YouTube-Channel von Let’s-Player Selgald alias Daniel Schröder

Nach der Diagnose und den Problemen im Berufsleben hast du im September 2012 mit Let’s Play angefangen. Wie ist es dazu gekommen?
Videospiele spiele ich, seitdem ich vier Jahre alt bin. Das große Hobby als Voraussetzung war also schon mal vorhanden. Den Ausschlag hat aber letztendlich die Autismusdiagnose gegeben. Danach hatte ich eine depressive Phase und war fast ein halbes Jahr nur noch zu Hause. Irgendwann habe ich mir gedacht: „Du musst dir jetzt eine neue Herausforderung suchen. Was ist möglichst schwierig?“ Ich wollte vor allem mir selber etwas beweisen, so bin ich zum Let’s Play gekommen.

Warum ist gerade das so schwierig für dich?
Elementarer Bestandteil der Let’s-Play-Videos sind ja die Kommentare. Ich spreche also mit den Zuschauern, die ich aber gar nicht sehe. Mich auf einen Gesprächspartner einzulassen, der mir nicht gegenübersitzt und auf meine Worte nicht direkt reagiert, ist für mich unglaublich schwierig. Ich muss mir immer vorher sehr genau überlegen, was ich sagen will, und dann die passenden Worte dafür finden. Das merkt man vor allem an meinen ersten Videos, wo doch noch viele Sprechpausen drin sind.

Apropos Kommunikation im Netz: Viel läuft über Kommentare. Wie kommst du mit den Reaktionen zu deinen Videos zurecht, die ja sicher nicht immer freundlich sind?
Das geschriebene Wort ist für mich überhaupt kein Problem. Außerdem weiß ich ja sehr genau, wie die Leute im Internet ticken. Auch mit kritischen oder sarkastischen Kommentaren habe ich keine Probleme. Ich bin zumindest in dieser Hinsicht recht emotionslos und ziehe eigentlich nur die Informationen aus dem Geschriebenen. Dass Autisten aber nicht fähig sind, Emotionen zu empfinden – das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich sagen –, ist ebenso falsch und einfach nur ein Klischee.

Wie sieht deine Videoproduktion in der Praxis aus?
Ich produziere immer schubweise, so wie ich Zeit habe. Meine Vorgabe ist es, jeden Tag ein neues Video zu veröffentlichen. Das schafft man aber nur, wenn man auch auf Halde produziert. Besonders viel Wert lege ich auf die Tonqualität meiner Videos, da fließt sehr viel Energie rein. Ein hochwertiges Mikrofon, ein Popfilter und die Nachbearbeitung der Audiospur gehören dazu. Vor allem der Popfilter ist wichtig. Den benutzen so viele andere Let’s-Player nicht, und das stört mich immer extrem. Nebeneffekt des Ganzen ist, dass ich schon kein neues Spiel mehr spielen kann, ohne dabei zu überlegen, wie man daraus jetzt ein gutes Video machen kann.

Welche Spiele zeigst du in deinem Channel hauptsächlich?
Zu Beginn habe ich auch die so genannten AAA-Spiele gezeigt. Das sind die Titel, die mit hohem Budget produziert und stark beworben werden – die Blockbuster eben. Aber in letzter Zeit sind es vor allem die Indie-Games, auf die ich mich fokussiere. Die unabhängigen Entwickler trauen sich noch an neue Spielideen heran und bringen nicht immer das Gleiche, wie die großen Publisher. Das mag sich zwar gut verkaufen, aber auf Dauer finde ich das persönlich langweilig und auch einfach zu teuer. Indie-Spiele glänzen zwar nicht immer mit der besten Grafik, dafür gibt es aber frische Ideen. Vor allem Minecraft Tekkit Lite ist ein Spiel, das ich gerne zocke und zeige. Hier gibt es in meinem Kanal zum Beispiel einige Tutorials.

Noch einmal zurück zum Autismus: Wie passen Grobmotorik und Orientierungsprobleme dazu, dass du gerne und auch erfolgreich Ego-Shooter spielst?
Wie gesagt, hat das auch immer was mit meiner Tagesform zu tun. Aber generell sind Bewegung und Orientierung im Spiel etwas ganz anderes als in der Realität. Es sind feste Bewegungsabläufe, die ich über Jahre einstudiert habe und auch auf andere Spiele übertragen kann. Hier kommt wieder die Routine ins Spiel, die mir Halt gibt. Außerdem nehme ich das Geschehen auf dem Bildschirm ungefilterter wahr als andere Spieler. Das ist auch ein Symptom meiner Behinderung: Ich sehe Details, die andere nicht sehen – oder zumindest nicht so schnell wie ich. Daher habe ich beim Spielen eine extrem kurze Reaktionszeit.

Was bei Ego-Shootern sicher hilfreich ist.
Das ist korrekt. Allerdings hat es mir auch Ärger eingebracht, weil ich oft für einen Cheater gehalten werde. Vor einem dreiviertel Jahr habe ich noch aktiv Battlefield 3 gespielt und war unter den 2.000 besten Spielern weltweit. Allerdings bin ich mittlerweile auf 80 Prozent der deutschen Battlefield-Servern gesperrt, weil man mir vorgeworfen hat, zu schummeln. Ob ich das gute Reaktionsvermögen jetzt aber meiner Hochbegabung oder meinem Autismus zuzuschreiben habe, weiß ich nicht. Ich spreche scherzhaft immer von autistischen Superkräften.

Glaubst du, irgendwann einmal von deinem Hobby leben zu können?
Derzeit ziehe ich pro Monat einen Gewinn von ein paar Euro aus meinem Kanal. Dass ich also irgendwann einmal zu einhundert Prozent davon leben kann, bezweifle ich. Dafür habe ich einfach zu spät damit angefangen. Die Großen der Branche haben zu viel Vorsprung, vor allem was die Zahl der Abonnenten angeht. Allerdings bin ich mit meiner Entwicklung in so kurzer Zeit zufrieden. Derzeit habe ich 590 Abonnenten und seit dem Beginn im September 78.000 Views. Es ist nach wie vor ein Hobby. Und wenn dabei ein bisschen was reinkommt, freue ich mich.

Nutzt du deine Behinderung nicht auch ein wenig dazu, dich und deine Kanal interessanter zu machen? Stichwort „Autismus als Markenzeichen“?
Ich spiele den Leuten gegenüber immer sofort mit offenen Karten. Der Hintergedanke, mich als Let’s-Player dadurch auch interessanter zu machen, spielt eine Rolle. Das gebe ich zu. Aber ich will damit auch Vorurteil gegenüber Autisten bekämpfen. Ich möchte über meinen Kanal ein wenig Aufklärungsarbeit leisten und das Bild des Rain Man aus den Köpfen herauskriegen. Ich möchte nicht in eine Schublade gesteckt werden, in die ich offensichtlich nicht hineingehöre. Und wenn ich das schaffe, hat mein Hobby noch einen weiteren Zweck erfüllt.

Zum YouTube-Kanal von Daniel Schröder alias Selgald
Offizielle Facebook-Seite von Selgald

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    1. Weil es im Artikel ja wohl um einen autistischen Let’sPlayer geht und nicht um einen der den Arsch voll Abonnenten hat. Du scheinst das Thema ziemlich verpeilt zu haben…vielleicht hilft das lesen eines Artikels dir einen Schritt weiter…

    2. Gizmodo macht „Eigenwerbung“ für einen unabhängigen Let’s Player… Läuft.
      Ich fand den Artikel jedenfalls sehr interessant!

    3. @Jochen der Rochen
      Kannst du nicht lesen? Die Überschrift sagt doch eh alles! Dieses Lächerlich und Verarschen,kannst du dir sparen oder hast du Komplexe? Wenn ja,denke ich das das Internet nicht soo dein Ding ist!? Was sagt deine Mami dazu? :-)

    4. Hey, lasst mal den Jochen in Frieden!

      Habt ihr vergessen, daß wir hier auf Gizmodo sind? Da braucht man doch einen Artikel nicht zu lesen oder gar zu verstehen bevor man anfängt los zu prollen.

      Tztztz….das man euch daran noch erinnern muß.

  1. Es freut mich sehr das es euch gefällt. Mir hat es auch sehr viel Spaß gemacht interviewt zu werden.
    Und es freut mich auch sehr das bis auf einer Person der Artikel tatsächlich von euch gelesen wurde *g (Es ist ja das Internet da muss man immer zurücksticheln :) )

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