Interview: „Brillenlose 3D-Displays können den nächsten 3D-Hype auslösen“

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Der von Avatar ausgelöste 3D-Hype ist längst vorbei. Zwar können viele moderne Fernseher mittlerweile 3D darstellen, dennoch wird dieses Feature kaum genutzt. Roland Vlaicu von Dolby 3D ist sich sicher: „Die 3D-Verdrossenheit liegt an der unbequemen und umständlichen 3D-Brille.“ Deswegen forscht Dolby 3D mit Hochdruck an einer brillenlosen 3D-Technik. Wir haben ausführlich mit Vlaicu über brillenlose 3D-Displays gesprochen und waren erstaunt, wie weit diese Technik heute schon ist.

Roland Vlaicu, seit 2009 San Francisco Produkt Manager im Bereich Imaging bei Dolby. Das erste Produkt dieses relativ neuen Bereichs entsteht in Kooperation mit Dolby und Philipps und nennt sich Dolby 3D. Es soll brillenlose 3D-Darstellungen zunächst auf Fernseher und später auch auf Computern, Tablets und Smartphones ermöglichen.

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Roland Vlaicu Dolby 3D

Wie funktioniert das brillenlose 3D-Displays?

Vlaicu: Das ist – wenn auch auf höchster Ebene – eigentlich relativ einfach. Das Licht, welches aus dem Display emittiert wird durchläuft eine Art Folie die mit winzig kleinen Linsen durchsetzt ist. Diese Linsen steuern dann das Licht in das linke und das rechte Auge. Es werden so genannte Betrachtungszonen erzeugt die von der Mitte des Displays ausgehen und sich kegelförmig zum Zuschauer hin verbreitern. Sobald man sich in diesem Betrachtungskegel befindet sieht man 3D ohne Brille.

Wird es bald auch im Kino brillenloses 3D geben?

Vlaicu: Für das Kino bieten wir ein brillenbasiertes System. Bei unserer brillenlosen Lösung konzentrieren wir uns vorerst auf den privaten Consumer-Bereich. In den Kinos kommt durch die Projektionstechnik auch eine völlig andere Problemstellung auf uns zu als bei herkömmlichen Displays. Zwar gibt es Forschungen, auch im Kino 3D ohne Brille zu ermöglichen, diese sind derzeit jedoch noch sehr akademischer Natur, eine Marktreife ist hier noch nicht abzusehen.

Autostereoscopic 3DWas passiert, wenn sich der Zuschauer außerhalb dieses Betrachtungskegels befindet?

Vlaicu: In der Vergangenheit war es so, dass dann das Bild als sehr unangenehm wahrgenommen wurde. Hier wurde sehr viel geforscht um die Übergänge für den Zuschauer so fließend wie möglich zu gestalten. Der Zuschauer soll das Bild außerhalb des Sweet Spots möglichst als normales 2D-Bild wahrnehmen.

Grob kann vorher schon vom Fernsehhersteller bestimmt werden, wo sich der Sweet-Spot befinden. Allerdings kann der Zuschauer auch nach dem Kauf über eine Software-Lösung ein Feintuning des optimalen Betrachtungskegels vornehmen.

Sind auch Fernseher geplant, die eine Tracking-Lösung nutzen, um automatisch den für den Zuschauer besten Betrachtungskegel wählen?

Vlaicu: Einige TV-Hersteller nutzen eine in den TV integrierte Kamera, um die Position und die Anzahl der Zuschauer vor dem Gerät zu bestimmen. Allerdings ist die Technik noch nicht so weit um wirklich präzise Ergebnisse zu erzielen. Der Trend geht momentan eher in die Richtung, dass der Betrachtungswinkel fix ausgegeben wird. Der Zuschauer kann sich allerdings innerhalb seines Sweet-Spot durchaus ein wenig bewegen und hat dennoch den vollen 3D-Effekt.Tracking-Lösungen sind derzeit vor allem für Laptop-Anwendungen im Gespräch, da bei den meisten Laptops ein Kamera bereits mit an Bord ist.

Worin liegt der Unterschied, ob ein oder mehrere Zuschauer vor einem brillenlosen 3D-Display stehen?

Vlaicu: Man muss bei den brillenlosen 3D-Displays zwischen Multi- und Singleview unterscheiden. Der klassische Multiview-Case ist der TV im Wohnzimmer. Hier werden mehrere Betrachtungskegel errechnet. Viele unserer Displays lassen sich allerdings auch auf Single-View umstellen. Wenn nur ein Betrachtungskegel für einen einzigen Zuschauer errechnet werden muss, fällt der 3D-Effekt wesentlich intensiver aus.

„Eine der wichtigsten Voraussetzungen für brillenloses 3D sind Ultra-HD-Displays.“

Wie groß ist denn dieser Bewegungsfreiraum für den Zuschauer?

Vlaicu: Wenn man zwei bis drei Meter vom TV entfernt sitzt sprechen wir hier von einem Sweet-Spot von 40 bis 50 Zentimeter. Das ist unserer Erfahrung nach in den meisten Fällen völlig ausreichend. Wenn sich der Zuschauer aus diesem Bereich bewegt nimmt der 3D-Effekt kontinuierlich ab. Wenn der Zuschauer dann fasst schon Parallel neben dem Fernseher steht verschwindet der Effekts dann vollständig und die Darstellung wird zum gewohnten 2D-Bild.

Warum ist der 3D-Hype nach Avatar so schnell wieder abgeflacht?

Vlaicu: 3D ist nur dann wirklich sinnvoll, wenn es auch die richtigen 3D-Inhalte gibt. Nach Avatar gab es Bemühungen verschiedener Fernsehanstalten 3D-Inhalte für Sport und Dokumentarfilme anzubieten. Relativ schnell hat sich dann allerdings herausgestellt, dass nur wenige tatsächlich 3D auf ihrem TV nutzen und die 3D-Produktionen wurden wieder zurück gefahren. Das kann ich persönlich auch sehr gut verstehen, da die Nutzung mit einer Brille nicht wirklich Spaß macht. Die Fernsehanstalten haben allerdings betont, dass sie wieder die 3D-Produktion aufnehmen, sobald 3D-Inhalte am TV ohne zusätzliche Brille verfügbar sind. Ich bin davon überzeugt, dass brillenlose 3D-Displays den nächsten 3D-Hype auslösen können.

„Die ersten brillenlosen 3D-TV werden Ende 2014 in den Regalen stehen.“

Wann sind denn die ersten brillenlosen 3D-Displays marktreif?

Vlaicu: Noch sind einige technische Herausforderungen zu lösen, die so nicht vorhersehbar sind. Jedoch gehe ich davon aus, dass die ersten Geräte Ende nächsten Jahres in den Regalen stehen.

Wo liegen denn diese Herausforderungen?

300px-Dolby_3DVlaicu: Eine der wichtigsten Voraussetzungen für brillenloses 3D sind Ultra-HD-Displays. Dann dadurch, dass die vorhin beschrieben Linsen auf der Folie etwas größer sind als die Pixel hat der Zuschauer den Eindruck, dass sich die Auflösung verringert. Man muss also deutlich mehr Auflösung hinten rein stecken um vorne die gewohnte HD-Auflösung in 3D wieder herauszubekommen. Allerdings ist hier in jüngster Vergangenheit zu beobachten, dass die Ultra-HD-Panels immer günstiger werden und in großer Stückzahl zur Verfügung stehen.

Wie könnte ein klassischer Anwendungsfall von brillenlosem 3D auf PCs, Tablets und Smartphones aussehen?

Vlaicu: Ein offensichtlicher Anwendungsfall ist Gaming. Ähnlich wie bei den Fernsehinhalten entstanden direkt nach dem Avatar-Hype einige 3D-Spiele. Jedoch flachte hier das Interesse sehr schnell wieder ab und die Spieleschmieden konzentrierten sich auf normale Games ohne echte 3D-Effekte. Allerdings rechnen wir auch hier damit, dass mit der Einführung von brillenlosem 3D auch wieder vermehrt Spiele in echtem 3D auf den Markt kommen.

An welchen Punkten bezüglich der brillenlosen 3D-Technik wird derzeit am intensivsten geforscht?

Vlaicu: Es gibt drei wichtige Punkte: die Blickwinkelabhängigkeit, die Auflösung und die Tiefenwirklung, die jeweils voneinander abhängig sind. Das heißt, wenn ich heute die Auflösung maximiere, muss ich mit Einbußen in der Blickwinkelstabilität rechnen und so weiter. Derzeit wird sehr viel Forschungsarbeit hinein gesteckt um diese einzelnen Parameter zu entkoppeln und einzeln zu verbessern.

Ist die Tiefenwirkung mit der von Shutter-Brillen vergleichbar?

Vlaicu: Nicht ganz. Beim ersten Betrachten sind Zuschauer von der Tiefenwirkung brillenloser 3D-Displays enttäuscht. Allerdings empfinden viele schon nach wenigen Minuten des Zuschauens den brillenlosen 3D-Effekt als wesentlich angenehmer. Der 3D-Effekt fügt sich praktisch nahtlos in die Display-Umgebung ein. Wir alle kennen das Problem, wenn wir mit aufgesetzter 3D-Brille eine normale Umgebung betrachten. Gerade längeres Zusehen ist bei dem reduzierten 3D-Effekt deutlich angenehmer und weniger anstrengend. Auch beschwerten sich die Testzuschauer von brillenlosem 3D weniger über Kopfschmerzen.

[Bild: shutterstock]

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