Amnesia: A Machine for Pigs angespielt

Amnesia01

Heute erscheint der Nachfolger zum vielbeachteten Horrorspiel „Amnesia: The Dark Descent“. Frictional Games hat die Entwicklung von „A Machine for Pigs“ an die Macher von „Dear Esther“ delegiert. Das merkt man dem Spiel auch an - im Guten wie im Schlechten.

Amnesia: A Machine for Pigs erzählt die Geschichte des Industriemagnaten Oswald Mandus, der von Fieber und Visionen geplagt in seinem Haus erwacht. Auf den Spuren seiner verlorenen Kinder verliert er sich immer tiefer in der namensgebenden „Maschine für Schweine“.

Ruhiger als erwartet

Mit der Lampe in der Hand fühlt man sich in den ersten Minuten von A Machine for Pigs wie ein Psychologe, der verschüttete Erinnerungen aus dem Dunkeln holt. Mal taucht ein Bild auf, auf dem eine Frau irre lachend mit einem blutigen Messer hantiert, mal betrachtet man scheinbar friedliche Szenen auf einem Bauernhof. Ein Pokertisch scheint gerade verlassen worden zu sein, Bierflaschen, Chips und Karten liegen noch dort. Man läuft durch ein trübe beleuchtetes Herrenhaus und fühlt sich wie ein Raumfahrer auf einem unerforschten Planeten. Hier ist der Einfluss der Chinese Room Designer spürbar – die Stimmung dieser ersten Minuten ist eher verloren und morbide verträumt als angsteinflößend. Auch The Dark Descent begann gemächlich, im zweiten Teil wurde der ruhige Anfang aber spürbar verlängert.

Subtilität ist denn auch die größte Stärke und gleichzeitig die größte Schwäche dieser ersten Minuten. Da steht eine Tür offen, die eben noch verschlossen war. Von irgendwoher dringt ein Schrei und der Protagonist reagiert mit erschrockenem Keuchen. Ein langgezogenes Knarzen tönt durch einen leeren Flur. Das ist zunächst spannend, wird aber schnell langweilig, weil zumindest zu Anfang nichts Aufregendes passiert. Als dann schließlich eins der Monster auftauchte, war ich beinahe erleichtert – endlich geschah etwas! Hier hätte man mit direkterem Horror zu Anfang punkten können. So verliert das Spiel weniger geduldige Spieler vielleicht schon in den ersten Minuten.

Atmosphäre zum Davonlaufen

Je tiefer ihr in die Eingeweide der Maschine vorstoßt, desto mehr macht das Horrorspiel dann seinem Namen Ehre. Das grandiose Sounddesign ließ mich mehr als einmal innehalten, und auf Schritte horchen – waren das meine, oder die von jemand anderem? Wo in Dark Descent die Flucht vor dem Unbekannten den großen Schreckmoment darstellte, sind es im zweiten Teil auch die Räume und Umgebungen, die furchterregend wirken. Ob man durch klirrende Maschineriekomplexe an dampfenden Hochdruckkesseln vorbei läuft, oder sich vorsichtig den Weg durch ein Kirchenschiff bahnt, während sich gekreuzigte Schweine zu sakralen Klängen aus dem Nebel schälen –  Musik und Bild harmonieren wunderbar miteinander und erzeugen eine Stimmung, wie sie auch ein AAA-Titel wie Bioshock nicht besser hinbekommt. Beachtliche Leistung für ein Indie-Spiel!

Schließlich hat auch A Machine for Pigs die klassischen Horrormomente, die A Dark Descent zu einem so unvergesslichen Teil der Spielegeschichte machten. Nur sind es weniger, und sie sind nicht ganz so gut wie im Vorgänger. Für ordentliches Herzklopfen sorgen die Passagen aber allemal. So schleicht man sich beispielsweise durch ein Kistenlabyrinth, geplagt von den irren Schreien geknechteter Seelen, muss auf das Viech aufpassen, das im Schatten auf einen lauert und von der eigenen Lampe angelockt wird, die aber man braucht man, um überhaupt etwas zu sehen – in diesen Momenten werden auch Horrorveteranen ihren Pulsschlag spüren.

Eigenwillige Änderungen

Gamerpuristen werden mit diesem Amnesia keine große Freude haben. Die Entwickler haben beinahe alles entfernt, was ein Computerspiel zum Spiel macht. Inventar, Energieanzeige der Lampe, die Werte für körperliche und geistige Gesundheit des Protagonisten, alles fiel dem Gameflow zum Opfer. Die möglichen Aktionen beschränken sich darauf, Hebel umzulegen, Türen zu öffnen, und Gegenstände aufzuheben.

Dafür wird die Geschichte durch eingestreute Papierschnipsel und Audiologs überraschend gut erzählt. Natürlich stören diese Versatzstücke den Spielfluss und machen damit die Änderungen am Spieldesign wieder hinfällig. Auf der anderen Seite ist man das Unterbrechen des Spiels durch gefundene Aufzeichnungen auch seit Jahren gewohnt, zumindest für mich war das kein großes Ärgernis.

Fazit

Amnesia: A Machine for Pigs ist ein atmosphärisches Horrorspiel mit einer tollen Geschichte geworden. An die Qualität seines Vorgängers reichen zumindest die ersten Stunden nicht heran, was natürlich auch an den gesteigerten Erwartungen des Spielers liegen dürfte.

Das Spiel entführt einen in eine neue Interpretation der Amnesia-Welt und beeindruckt mit guten Einfällen und bedrückender Atmosphäre, statt dem nervenzerreißenden Horrortrip früherer Tage noch einen draufzusetzen. Wer damit leben kann, sollte zugreifen. Ihr bekommt hier immer noch eine clevere Geschichte über menschliche Abgründe und genügend Horror für mindestens einen Herzinfarkt geboten. Wem die Änderungen zu weit gehen, der installiert sich das Original und hofft darauf, dass Frictional Games beim nächsten Mal wieder selbst Hand anlegen.

Tags :

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Advertising