Dolby Atmos Revolutions?

Zu Besuch im Studio Babelsberg: In einem von drei Atmos-Studios in Deutschland haben wir uns beschallen lassen.

Mit Atmos will Dolby die Zukunft des Kino-Sounds einleiten, „Perfect Pictures deserve perfect Sound“ lautet der Slogan. Vier Monate Arbeit haben Holger Lehmann und Martin Frühmorgen in die Postproduktion von „Lost Place“ gesteckt, laut Regisseur ein Teenie-Mystery-Thriller, der seit vergangener Woche in den Kinos läuft. An einem Donnerstag sitzen die beiden Geschäftsführer von Rotor Films in ihrem Dolby Atmos-Studio, eines von drei Studios dieser Art in Deutschland, auf dem Studio Babelsberg-Gelände in Potsdam und beschallen uns mit all dem, was Dolby Atmos so kann. 

Atmos: Zehn Kanäle und 118 Soundobjekte

„In der Musik kennt man das Gefühl von Überwältigung. Überwältigung kannst du erzielen durch eine wahnsinnig große Lautstärke. Mit Dolby Atmos kannst du Überwältigung aber auch dadurch erzielen, dass du extrem groß wirst ohne lauter zu werden. Das ist ein wahnsinniger Vorteil und es tut weniger weh“, sagt Rotor-Mann Frühmorgen und spielt uns die Szene vor, in der die Protagonisten von „Lost Place“ auf den Endgegner treffen: Einen Turm, der tödliche Radiowellen aussendet. Das ganze Tonstudio knarzt metallisch, von oben, von unten, von überall donnert es auf uns ein – als würde der böse Turm uns kleine Journalisten-Würmchen anschreien. Erster Eindruck: Ganz schön geil!

Und so funktionierts: Dolby Atmos ist eine Kombination aus Channels und Objekten. Maximal zehn Kanäle, 7.1 plus zwei Overhead-Kanäle, werden kombiniert mit maximal 118 Soundobjekten. Solche Soundobjekte sind Hubschrauber genauso, wie raschelndes Laub oder eben ein Todes-Turm, wenn er denn schreit. Das Besondere an jenen Kinos, in denen die Technik bereits eingesetzt wird, sind die zahlreichen Deckenlautsprecher. Dadurch – bleiben wir beim Hubschrauber – fliegt dieser im Film nicht nur davon, sondern auch über den Zuhörer hinweg. Dank Atmos und bis zu 64 Lautsprechern. Außerdem ist es möglich, den Sound nicht nur flüssig wandern zu lassen, sondern obendrein mit ihm zu spielen.

Holger Lehmann (l.) und Martin Frühmorgen von Rotor Films stecken hinter dem „Lost Place“-Sound.

Als bei „Lost Place“ ein Handy klingelt und die Charaktere auf der Leinwand nicht so recht wissen, wo das Klingeln herkommt, wundert sich auch der Kinogänger. Es klingelt mal hinten, mal vorne, mal unten, mal oben. Das reinste Verwirrspiel, das viele von uns aus dem Alltag kennen. Dann nämlich, wenn wir mal wieder verzweifelt unser Smartphone suchen und das Gehör nicht so recht zu filtern vermag, ob das iPhone nun unter oder hinter der Couch liegt – oder ganz woanders. Kurzum: Was 3D für die Augen, ist Dolby Atmos für die Ohren.

Ab auf die Sound-Autobahn

Dolby hat eine ganze Menge Kohle in die Entwicklung investiert und hofft nun, dass der Siegeszug von Atmos bereits begonnen hat. Um die Sound-Revolution zu erreichen, haben die Verantwortlichen längst in den sechsten Gang geschaltet und befinden sich schon fast auf der Überholspur. „Wir sind in vielen Projekten am Arbeiten und die Dolby Atmos-Kinos werden sich schnell vermehren“, kündigt Stefan Tiefenbrunner, Senior Sales Manager bei Dolby Germany, nach der privaten Vorführung an.

Stefan Tiefenbrunner von Dolby Germany weiß, dass Atmos nur im Kino richtig rockt.
Stefan Tiefenbrunner von Dolby Germany hofft auf die Sound-Revolution.

Weltweit hat Dolby in den vergangenen Monaten bereits über 200 Kinos mit Atmos ausgestattet. In Deutschland sind es erst sieben Lichtspielhäuser, darunter das Cinestar am Berliner Potsdamer Platz, das Cinecitta in Nürnberg und das UCI in Düsseldorf (iSense). Bis Jahresende sollen es allein in Deutschland bereits 20 Kinos sein. In über 60 Filmen wurde Dolby Atmos bereits hinterher reingemischt, darunter „Der Hobbit“.  „Lost Place“ ist eine besondere Etappe in dieser rasanten Entwicklung: Es ist der erste Kinofilm, indem „nativ“ gemixt wurde, wie es Holger Lehmann von Rotor nennt, also von Anfang an in Dolby Atmos. Und das Ergebnis kann sich hören lassen. Gerade bei den Schlüsselszenen des Films rockt Atmos die Bude. Und zum Vergleich lässt sich per Knopfdruck auch jederzeit auf 7.1 oder 5.1 schalten.

Was nun?

Doch so revolutionär Dolby Atmos vielleicht sein mag, einen großen Haken gibt es: Der Nutzen für den Endverbraucher abseits der Kinosäle geht (noch) gen Null. Denn wer hat schon Lust, sich 64 Boxen im Wohnzimmer zu installieren? Und vor allem: Wie erklärt man das seiner Frau oder Freundin, wenn sie abends nichtsahnend nach Hause kommt? Ja, selbst die Decken der meisten Herrenzimmer dürften dafür nicht genug Kapazitäten aufweisen. Das wissen die Verantwortlichen: „Dolby Atmos kommt nur in den Kinos richtig zur Geltung“, gibt auch Dolby-Mann Tiefenbrunner zu. Lediglich mit Hilfe einer Dolby Surround-Anlage kann Atmos dann noch ein wenig punkten, aber (auch hier: noch) nicht genug, um deshalb gleich Einladungen für den DVD-Abend an all seine Facebook-Freunde raus zu schicken.

Außerdem: Kleine Kinos haben es heutzutage eh schon schwer genug und dürften sich eine teure Umrüstung wohl kaum leisten können, also bleibt Dolby Atmos erst einmal ein Privileg der großen Kino-Ketten. Und davon, dass Dolby Atmos das Ruder auch nicht mehr herum reisst, wenn der Film einfach schlecht oder aufgrund seines Genres nicht für ein breites Publikum ausgelegt ist, brauchen wir gar nicht erst anzufangen. Apropos: Habt ihr „Lost Place“ schon gesehen?

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