Politiker lassen sich von Vorratsdatenspeicherung entblößen

Glaettli-Vorratsdaten

Der Nationalrat Balthasar Glättli ließ seine Verbindungsdaten von Januar 2013 bis Juli 2013 visualisieren. Das resultierende Bewegungsprofil lässt in seinen Alltag blicken, ohne beispielsweise die Inhalte der Telefonate und SMS mit einzubeziehen. Zwei dänische Politiker gingen aber noch weiter und erlaubten den Zugriff, den sich Geheimdienste verschaffen könnten.

Eine SMS an Min Li Marti, ein verpasster Anruf der Assistentin Nr. 1 und dann ein Tweet zu einer Hochrechnung des ZDF. Alles aus dem Industriequartier in Zürich. Der Schweizer Nationalrat Balthasar Glättli ließ in Zusammenarbeit mit der Digitalen Gesellschaft Schweiz, der Agentur OpenDataCity, der Schweiz am Sonntag, Watson.ch sowie Arte eine interaktive Grafik erstellen, die ein umfassendes Bewegungs- und Aktivitätsprofil des Eidgenossen zur Schau stellt. Die Neue Züricher Zeitung, die das Experiment veröffentlichte, schrieb von einem „Abziehbild des Leben Glättlis“.

Zur Erstellung des Abziehbildes dienten lediglich Metadaten ohne E-Mail-Inhalte oder Telefongespräche. Glättli forderte die Daten, die sein Mobilfunkanbieter zwischen Januar 2013 und Juli 2013 über ihn gespeichert hatte, ein. Die Verbindungsdaten zeichneten auf wann Glättli wo, wie lange und mit wem telefoniert, SMS oder Mails geschrieben hat. Zudem wurden öffentliche Daten aus Facebook und Twitter ausgewertet.

Hier findest du die komplette Visualisierung von Balthasar Glättlis Vorratsdaten.

Pro Tag hat Glättli mit seinem Handy 28,8 MByte Internettraffic erzeugt. Er legte in besagtem Zeitraum 16.000 Kilometer zurück und hat 14.000 E-Mails empfangen.

Im Gegensatz zu Grünen-Politiker Malte Spitz, der vor drei Jahren ein ähnliches Experiment wagte, ließ Glättli auch Vorratsdaten von anderen Menschen, darunter die seiner Frau, mit einfließen. Nach der anfänglichen Euphorie über sein politisches Statement fühlt sich Glättli nun aber entblößt und nackt.

Das Experiment soll uns vor Augen führen, was Vorratsdatenspeicherung für den Einzelnen bedeute. Der Europäische Gerichtshof hat die bisherige EU-Richtlinie der anlasslosen Speicherung von Kommunikationsdaten zwar erst kürzlich gekippt, in Deutschland denken aber Teile der großen Koalition und auch der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, über einen „nationalen Alleingang“ nach.

Die Schweiz ist überdies sowieso nicht an die Entscheidung des EuGH gebunden und plant sogar eine Verschärfung der Vorratsdatenspeicherung von sechs auf zwölf Monate. Glättli hingegen ist strikt gegen eine verdachtsunabhängige Speicherung der Daten. Er ruft deshalb zum Unterzeichnen einer Petition auf, die bereits 12.000 Leute unterstützen.

Glättli ist nicht alleine. Die dänische Bildungsministerin Sofie Carsten Nielsen und der sozialdemokratische Parlamentsabgeordnete Jens Joel haben der Zeitung Berlingske den Zugriff auf ihre SMS, E-Mail-Konten, Finanzamtdaten, Facebook-Aktivitäten, Fitnesstracker und EC-Zahlungen erlaubt.

Die visualisierten Daten von Sofie Carsten Nielsen verraten beispielsweise wann, wo und wie lange sie joggen war, welche Freundschaftsanfragen sie bei Facebook abgelehnt hat, was sie liest oder wem sie Geld schuldet. Solch umfassende Datensätze bezeichnen Geheimdienste als full take und um eben solche Geheimdienste ging es den beiden Politikern. Ihrer Meinung nach hat Dänemark noch keine ausreichende Debatte bezüglich des NSA-Skandals geführt.

 

[Quelle: Neue Züricher Zeitung, Berlingske, Via Golem, Heise, Bild: Screenshot NZZ]

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