Die Zeitung, die einer in einer Stunde erstellen soll – Ein Experiment des Guardian

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Die britische Tageszeitung bringt ihren "Good Long Read" in die Vereinigten Staaten. Die monatlich erscheinende Zeitung wird von einem Algorithmus, der sich an Likes und Shares aus sozialen Netzwerken orientiert, automatisch erstellt und vor dem Druck nur von einem einzigen Menschen besehen.

The Guardian startete 2013 in London ein 24-seitiges Tabloid, das von einem Algorithmus erstellt wird. Dieser sammelte bereits erschienene Longform-Artikel des eigenen Verlagshauses, die sich auf sozialen Netzwerken besonders gut verbreiteten.

Die wöchentliche Zeitschrift „The Long Good Read“ wird dann nur noch kurz von einem Mitarbeiter besehen, der sich an den automatisch vorgeschlagenen Artikeln bedienen kann, um anschließend freitags in Druck gegeben zu werden. Jeden Montag liegt das Blatt gratis in einem Coffeeshop des Guardian in East London aus.

Nun wird dieser Algorithmus auch für die neue Zeitschrift #Open001 in den USA verwendet. Er entscheidet, welche Beiträge unter den US-amerikanischen Lesern besonders populär waren und erstellt mithilfe dieser Informationen eine monatlich erscheinende Ausgabe, die 5.000 mal gedruckt wird.

Während man mit der Zeitschrift laut Gennady Kolker, dem Sprecher des Guardian, auf Werbung verzichten möchte, wird die kostenlose Anzahl der Kopien unter anderem in Werbeagenturen wie Mindshare, Horizon Media oder Digitas ausliegen. Laut Jemima Kiss, Head of Technology beim Guardian, habe nämlich nicht das Medium ein Problem, „sondern das bisherige Geschäftsmodell.“

Nach der Domain-Änderung des Guardian von .co.uk hin zu .com letzten Juli nähert man sich mit der US-amerikanischen Ausgabe des automatisch generierten Blattes ein weiteres Mal dem US-Markt an.

Kritiker beschäftigen sich seit der „Roboter-Zeitung“ aus London aber vielmehr mit dem Ersatz von Redakteuren durch Algorithmen. „Ich finde solche Experimente in erster Linie eher bedrohlich. Entwickelt man den Gebrauch von Algorithmen weiter, ersetzt das Schritt für Schritt die Journalisten mit ihrer Kompetenz. In erster Linie spielen dabei Verlinkungsmöglichkeiten und Verwertungsstrategien eine Rolle, weniger der Inhalt“, sagt Klaus-Dieter Altmeppen, Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt gegenüber pressetext.

Kiss spielt die Gefahr derweil herab. Ihr zufolge sei es „einfach eine neue Art, Inhalte auf eine phantasievollere Weise aufzubereiten und sich nicht zu sehr mit dem Fakt aufzuhalten, dass es sich um eine Zeitung handelt.“ Zudem sei es ein Versuch, Geschichten, die bereits veröffentlicht wurden, neues Leben einzuhauchen.

The Guardian arbeitete bei dem Experiment mit dem 2009 gestarteten Newspaper Club zusammen, der mit dem Tool ARTHR die Komposition von eigenen Zeitungen ermöglicht. Ursprünglich stammt die Idee für „The Long Good Read“ von Entwickler Dan Catt, der die besten Longform-Artikel aus dem Online-Angebot in einem gesonderten RSS-Feed einbetten wollte. Besonderes Augenmerk wurde hierbei auf Artikel ab einer gewissen Länge gelegt, um Blogeinträge oder Videos auszublenden.

Ein Algorithmus ist noch keine künstliche Intelligenz

Manche berichten von einer Verzweiflungstat infolge des Zeitungssterbens, um mit der schnelllebigen Sharing-Community Schritt zu halten. Andere würden der britischen Tageszeitung vielleicht eher unterschwelligen Turbokapitalismus in der Anfangsphase vorwerfen. Der sture Algorithmus des Guardian liest sich auf den ersten Blick tatsächlich wie die abstruse Zuspitzung eines Umstandes, der tausenden Journalisten und Verlegerin seit Jahren die Haare zu Berge stehen lässt.

Doch das hat seine Grenzen. Ein Algorithmus ist noch keine künstliche Intelligenz. Und selbst einer solchen künstlichen Intelligenz darf man noch nicht zutrauen, reflektiert zu denken und eine gewisse Meinung niederzuschreiben, die den Horizont des Lesers erweitert und ihn für neue Themen oder Perspektiven sensibilisiert.

Wir sind, wenn überhaupt, noch sehr weit von einem großflächigen Ersatz der Journalisten entfernt. Schließlich kann sich dieser Algorithmus nur an Texten bedienen, die bereits geschrieben wurden. Wenn es den Algorithmen aber irgendwann gelingt, dass ihnen nichts gelingt, können Zeitungsmacher mit einem weiteren Beleg aufwarten, der ihre Arbeit als besonders wertvoll einschätzt.

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Ob das Projekt des Guardian überhaupt über den Experimentierstatus hinauskommt, ist bislang nicht einmal den Verantwortlichen klar. Man möchte zunächst ermitteln, inwiefern automatisch generierte Zeitschriften, die nur Artikel beinhalten, die schon seit Tagen oder Wochen bekannt sind, einen Einfluss auf die Lesegewohnheiten der Menschen haben.

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[Quelle: Venturebeat, Meedia, Wallstreet-Online, Bild: Shutterstock]

 

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