Watch Dogs – knapp vorbei an der Genrekrone

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In Watch Dogs befindet sich Chicago unter der Kontrolle eines allmächtigen Computersystems. Das ctOS überwacht jede Kamera und jeden Computer in der Stadt. Der einsame Rächer Aiden Pearce nutzt eine Backdoor ins System, um den Mördern seiner Nichte auf die Spur zu kommen. Wir haben Watch Dogs für Euch getestet.

Watch Dogs – Nichts für Mausfetischisten

Zunächst mal sollte sich Watch Dogs nur zulegen, wer ein Gamepad sein Eigen nennt. Die Steuerung mit Maus und Tastatur ist leider völlig misslungen. Selbst auf dem höchsten Empfindlichkeitslevel zieht die Maus merkwürdig nach und macht normales Zielen unmöglich. Mit einem schleunigst angeschlossenen XBOX-Gamepad läuft alles wie geschmiert – trotzdem unverständlich, wie die Entwickler sich einen derart groben Schnitzer leisten konnten.

Schwache Geschichte in lebendiger Welt

Chicago zeigt sich in Watch Dogs von seiner besten Seite und gefällt mir persönlich besser als das Los Santos aus GTA V. Das hat vor allem mit den Bewohnern zu tun, die nur noch selten wie leblose Statisten wirken, und sich meistens in allen Ton- und Gefühlslagen unterhalten, streiten und vertragen. Auch die vielen ausgearbeiteten Details der Stadt überzeugen – Graffitis gegen den Überwachungsstaat, Meldungen in Radio und Fernsehen zum Spielgeschehen, sowie massenhaft Abkürzungen, Geheimgänge und Parkhäuser, die Aiden Pearce auf der Flucht vor Gesetzeshütern und Mafiaschergen den entscheidenden Vorteil verschaffen.

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Die Story hinterlässt dagegen gemischte Gefühle. Verglichen mit Gestalten wie Nico Bellic, Edward Kenway oder Michael de Santa nimmt sich Aiden Pearce recht lahm aus, auch weil ihn die Dialogschreiber zum Teil durch übelste Klischee-Untiefen waten lassen. Seine Motivation wird nur erzählt und nicht richtig gezeigt, und er scheint sich nicht darüber zu wundern, dass er vom Skript in immer dieselben Situationen geworfen wird in denen er meistens ein wehrloses Familienmitglied retten muss. Dafür sind die Nebendarsteller ordentlich geraten, vor allem Jordi Chin überzeugt mit lockeren Sprüchen und der ein oder anderen Leiche in der Tiefkühltruhe.

Spannende Hackingangriffe und perfekte Raserei

Das Hackerthema zieht sich durchs gesamte Spiel und macht sowohl im freien Gameplay, als auch in den Missionen einen Heidenspaß. Wer ein ctOS-Hauptquartier hacken möchte, um in dem zugehörigen Stadtbezirk Zugriff zu bekommen, kann zwischen verschiedenen Ansätzen wählen – schleicht ihr euch ungesehen bis zum Rechner vor, ballert euch unter Ausnutzung des Terrains durch die klug agierenden Gegner, oder springt vom Smartphone aus von Kamera zu Kamera, um schließlich digital in den Hauptrechner einzubrechen?

Das Hacking selbst hat sogar ein eigenes Minigame spendiert bekommen, welches gerade unter Zeitdruck richtig knifflig werden kann. Wer es bis zum Mainframe schafft, wird zusätzlich zum ctOS-Zugang noch mit einem Blick in die Privatsphäre der ahnungslos überwachten Subjekte belohnt. Diese Kurzclips sind liebevoll gestaltet und bieten amüsante bis erschreckende Vorstellungen von den privaten Spinnereien der Menschheit.

Die Missionen der Kampagne sind fast alle gut designt, und bieten meistens mehrere Möglichkeiten ans Ziel zu gelangen. Umso nerviger sind dann die Momente, in denen einen das Spiel zur direkten Konfrontation mit Enforcern zwingt – da muss Superman Aiden auch schon mal die Beine in die Hand nehmen, oder den Takedown-Skill für die schwer gepanzerten Bösewichter freischalten.

Die Kämpfe sind (immer noch: Gamepad vorausgesetzt!) dank zuschaltbarer Zielhilfe einfach zu meistern. Per Waffenrad wählt ihr das Tötungswerkzeug eurer Wahl, und bestraft eure Feinde mit zusätzlichen Gimmicks wie Granaten, Ablenkmechanismen oder fernsteuerbaren Bomben. Außerdem lassen sich natürlich auch im Kampf die Möglichkeiten des ctOS nutzen – so lenken von euch ausgelöste Alarmanlagen den Feind ab, explodierende Schaltrelais schalten Angreifer effizient aus.

Sogar die Gegner selbst lassen sich beeinflussen: Per Knopfdruck nehmt ihr einer Wache die Möglichkeit, Verstärkung zu rufen, oder verwandelt das Smartphone des Kämpfers (wie auch immer das funktionieren soll?) in eine hochexplosive Granate. Das vielerorts bemängelte Deckungssystem hat mir persönlich sehr gut gefallen: Ihr zielt auf die gewünschte Stelle, an der sich Aiden verstecken soll, und der Held sprintet auf Knopdruck los. So lassen sich auch in hitzigen Kämpfen schnelle Positionswechsel übersichtlich planen.

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Seine besten Momente zeigt Watch Dogs jedoch beim Autofahren. Wenn ihr mit unrealistischer Höchstgeschwindigkeit durch Chicago rast und auf Knopfdruck Ampeln umschaltet, Türen öffnet, und Brücken hochfahrt, resultiert das in wunderbarem Chaos. Da ist es wieder, das längst verloren geglaubte Anarchie-Gefühl, was an den früheren GTA-Titeln so fasziniert hat, und mit dem bisschen mehr Interaktion in Watch Dogs wieder zurückkehrt.

Spaßiges Open World Gameplay kann so einfach sein – und als Hackerzauberer in einer glaubwürdig simulierten Metropole in einem viel zu schnellen Auto seit ihr zwar de facto nicht so übermächtig wie der Laserblitze schleudernde US-Präsident aus Saints Row IV, aber die Verfolgungsjagden, Shoot-Outs und Powerslides machen genausoviel Spaß. Und das ganz ohne Aliens!

Die Lücken im System

Watch_Dogs_Grabwache

Dafür hätte das Spiel noch einige Monate mehr Feintuning vertragen können. An allen Ecken und Enden fallen einem Details auf, die man anders besser geregelt hätte. Beispielsweise lassen sich im offenen Spiel wie im Vorfeld beworben die Handys der Passanten hacken, was dann Missionen freischaltet. So entdeckt Aiden einen Chat, der auf ein baldiges Verbrechen hindeutet und kann an den angegebenen Ort fahren und eingreifen.

Das ist an sich ein interessanter Mechanismus, die NPCs des digitalen Chicago mit mehr Leben zu versehen. Nur war den Verantwortlichen diese Art der Missionspräsentation wohl zu subtil, jedenfalls tauchen im Spiel ungefragt zufällige Missionen per „Remote Profiling“ auf, was das Ausspähen der Passanten dann auch wieder überflüssig macht.

Außerdem ist keine richtige Interaktion mit Aidens Stalking-Opfern möglich. Man wünscht sich oft, die Menschen direkt auf die soeben mitgehörte Unterhaltung ansprechen zu können, eine Reaktion zu bekommen, irgendetwas, bleibt aber nur stummer Aufzeichner von nach wenigen Stunden bedeutungslosen Informationsfetzen.

Diese Liste unglücklich gelöster Detailfragen lässt sich fortsetzen: Warum gibt es keinerlei Strafe für den eigenen Tod? Warum lassen sich in Missionen niedergeschlagene Wachen nicht verstecken? Warum bricht die Hintergrundmusik so oft ab und fängt von vorne an, wenn im Spiel ein Menü aufgerufen oder mit einer Mission interagiert wird? Diese Hakeleien verbauen Watch Dogs im Gesamteindruck den ganz großen Wurf zum Genrekönig.

Multiplayer – Spaßiges Gegeneinander

Auch die Multiplayereinlagen sind nicht ganz fehlerfrei umgesetzt. Das lässt sich allerdings meistens verschmerzen. Wenn plötzlich zwischen zwei Missionen eine Warnmeldung aufploppt, und man unter Zeitdruck den fremden Hacker finden und ausschalten muss, kommt ordentlich Spannung auf. Trotzdem führen die PVP-Einlagen teilweise zu skurrilen Situationen: Bei einer Infiltration befand Aiden sich mutterseelenallein auf einer einem Schrottplatz vorgelagerten Halbinsel.

So war es einfach, den auf mich zu sprintenden Gegner zu erkennen und das folgende Feuergefecht mit leichten Waffen ohne Deckung aus nächster Nähe hätte eigentlich tödlich enden müssen. Nachdem wir beide das digitale Abbild des jeweils anderen mit massenhaft Pixelblei vollgepumpt hatten, stellte sich heraus, dass die Kämpfer erst getroffen werden können, wenn Aiden den Eindringling per Smartphone „gefunden“ hat.

Mein von diesem Umstand verwirrter Angreifer konnte dem Überraschungsangriff auf seine plötzlich sterbliche Hülle nichts mehr entgegensetzen und segnete schnell das Zeitliche. Auch hier gilt – meistens funktionieren die Missionen so, wie sie sollen, kleine Aussetzer gibt es trotzdem.

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Fazit

Watch Dogs verpasst den Sprung an die Spitze durch ärgerliche Kinkerlitzchen. Da sind zu viele Details nur fast perfekt, zu viele Designentscheidungen merkwürdig, als dass hier ein wirklich großer Kracher entstanden wäre. Auch ist die Veröffentlichung einer PC-Version mit derart mieser Tastatur/Maus – Steuerung heutzutage eigentlich nicht mehr tragbar.

Trotzdem ein gutes Spiel? Für Gamepadbesitzer auf jeden Fall! Denn die Raserei durchs ferngesteuerte Chicago macht Laune, während die Missionen mit verschiedenen Lösungswegen und Hackerspielchen Abwechslung ins Deckungsgeballer bringen.

Für den am Ende der Story angedeuteten zweiten Teil sollte Ubisoft aber unbedingt bessere Dialogschreiber engagieren, und sich einen anderen Protagonisten zulegen. Freuen wir uns auf Watch Dogs 2 – die Abenteuer von Jordi Chin!

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  1. Also ich musste mich auch an die Steuerung mit Maus/Tastatur gewöhnen, weil ich auch ein wenig mehr GTA-Feeling erwartet hätte. Trotzdem würde ich gerade für Open-World Titel niemals ein Gamepad bevorzugen.
    Zielen mit Zielhilfe ist doch wie Tetris mit Drehhilfe…

    Achja und es sind nicht die Smartphones die man hacken kann zum explodieren sondern ferngesteuerte Sprengsätze die man manipuliert. Die hat auch nicht jeder Gegner dabei…

    Auf jeden Fall ein Spiel was es schafft mich zu fesseln :)

    1. Ahhh, danke, das macht mehr Sinn.

      Das mit dem Zielen seh ich normalerweise auch so, aber bei Watch Dogs fand ich das Zielen mit Gamepad + Hilfe einfacher als mit der Lag-Maus.

    2. Ich muss sagen, dass ich mit Maus und Tastatur sehr gut zurecht komme. Das Zielen geht viel einfacher von der Hand und Headshots sind problemlos ohne Fokus zu realisieren. Beim Gamepad hat man meines Erachtens weniger Kontrolle über das eigentliche Geschehen.

  2. Also ich muss mal sagen, das hier ist mit der positivste Bericht, den ich bisher über das Game gelesen habe. Ich war – wie viele andere auch – vor einem Jahr noch ganz heiß auf das Game, aber die Vorfreude hat immer mehr nachgelassen und im Endeffekt hab ich’s mir dann doch nicht gekauft.
    Die meisten Medien schreiben, es sei ja schon ein netter Titel, aber irgendwie wiegen die verpassten Chancen mehr, als die erreichten Ziele.
    Klingt jetzt komisch, ist aber tatsächlich der Grund: Für mich war der Hauptgrund das Spiel nicht zu kaufen, der Satz eines Redakteurs aus der PC Games (glaub ich zumindest). Der schrieb, es sei verwunderlich, dass man als selbsternannter Rächer Chicagos Passanten hacken, über deren Elend lesen und dann ihre letzten 100 Dollar klauen kann – ihnen aber kein Geld überweisen kann um ihnen zu helfen.
    Ich weiß auch nicht, es fällt mir wirklich schwer das in passende Worte zu fassen, aber ich schätze mal für mich ist das ganze Überwachungs-Thema zu heikel, um es mit einem „nur spaßigen“ Game zu verarbeiten…
    Ich hab mich jetzt nicht schlau gemacht, in wie weit das Game modbar sein wird, aber ich schätze mal, wenn ich es mir zulege, dann mal in einem Steam-Sale für 10 Euro und wenn es (hoffentlich) massenweise Mods dafür gibt…

  3. Nur mal zur Info es werden nicht die Handys als Sprengstoff sondern die Sprengsätze an der jeweiligen Wache als Sprengstoff genutzt.
    Und zu dem verstehe ich die ganzen GTA 5 Groupies nicht die hier rumheulen wer so dumm ist und sich nur auf Tests verlässt und das Spiel nicht mal bis zum Ende gespielt hat und dann sagt GTA ist besser, der ist ja wohl zu beschränkt für diese Welt.

    1. Okay, da bin ich einfach nur sprachlos… wer sich über ein Game vorab informiert und recherchiert und zahlreiche Tests und Spieleindrücke in Foren liest, ist also zu beschränkt für diese Welt… So richtig schlau ist er nur dann, wenn er JEDES Spiel kauft und durchspielt…? Und man muss es auch durchspielen, um es bewerten zu können… so so… also jeder, der E.T. damals auf dem VCS2600 doof fand, ist total beschränkt… na dann bin ich das wohl eben…
      (ich hab btw. GTA V nicht gespielt…)

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