WM 2014: Den ersten Ball spielt ein Roboter

walk again wm 2014

Nein, wir meinen nicht den monoton grandiosen Neymar, sondern einen echten Roboter, genauer gesagt: Ein Exoskelett, das von Gedanken gesteuert wird. Es erlaubt einem querschnittsgelähmten Jungen zu gehen und soll heute bei der Eröffnungsveranstaltung zur Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien den ersten Ball treten - hoffentlich!

Vor einem halben Jahr wurde es offiziell, nun ist es endlich soweit: Ein Teenager soll bei der Eröffnungsfeier, die um 20:15 Uhr deutscher Zeit beginnt und vom ZDF live übertragen wird, mit seinem Exoskelett Anlauf nehmen und schießen. “Wir wollen damit die Vorstellungskraft der Menschen wachrütteln”, sagte der Neurowissenschaftler Miguel Nicolelis der Washington Post. “Mit ausreichend politischem Willen und Investitionen können wir Rollstühle überflüssig machen.”

Der Brasilianier Nicolelis leitet das internationale “Walk Again”-Projekt, an dem sich neben der US-amerikanischen Duke Universität, an der er forscht, auch die Technische Universität München, die Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne sowie weitere US-amerikanische und brasilianische Universitäten und Institute mit insgesamt über 150 Forschern beteiligten.

2008 begann das riesige Non-Profit-Projekt, bei dem verschiedenste Technologien miteinander kombiniert wurden. Darunter auch der Helm, dessen Elektroden die Hirnströme an der Oberfläche des Kopfes messen. Denkt der Patient an eine Beinbewegung, werden Nervenzellen im Gehirn aktiv und das Muster der Hirnströme ändert sich. Diese Veränderungen lassen sich von einem Computer auswerten und in Steuerimpulse für das Skelett umsetzen.

Das besondere daran: Der Patient erhält auch eine Rückmeldung, die ihn spüren lässt, ob der Fuß auf dem Boden aufsetzt oder beispielsweise den Ball trifft. Dafür ist eine sensitive, künstliche Haut verantwortlich, die dem Gelähmten mittels Vibrationen im Arm das Gefühl vermitteln soll. Die Haut, genannt CellulARSkin, wurde an der TU München im Institut von Prof. Gordon Cheng entwickelt.

Als Nicolelis 2008 einen Affen auf einem Laufband gehen ließ, brachte Cheng mit Hilfe von dessen Hirnsignalen seinen humanoiden Roboter in Kyoto zum Laufen. Daraus entstand die Zusammenarbeit für “Walk Again”.

[© A. Heddergott / TUM, Quelle: Elektroniknet]

[© A. Heddergott / TUM, Quelle: Elektroniknet]

“Unser Gehirn ist sehr anpassungsfähig, wenn es darum geht, körperliche Fähigkeiten durch die Verwendung von Werkzeugen zu erweitern”, sagte Cheng gegenüber Elektroniknet.

Der Teenager, der für den Auftritt bei der WM-Eröffnungsfeier aus zehn Kandidaten ausgewählt wurde, probt das Gehen mit dem Exoskelett schon seit Monaten. Wie gut es funktioniert, wird sich in ein paar Stunden zeigen. Vielleicht schafft es das Projekt ja ein paar Investoren zu überzeugen. Die hat das Team um Nicolelis bislang nämlich noch nicht gefunden.

Eine Serienproduktion, um beispielsweise die 1.500 Querschnittsgelähmten, die laut Tagesspiegel allein in Deutschland jährlich erkranken, vom Rollstuhl zu befreien, ist ohne joviale Geldgeber oder große Firmen leider nicht zu bewerkstelligen. Der Weltcup-Auftakt ist laut Cheng nämlich noch lange nicht das Ende. “Dies mag ein wichtiger Meilenstein sein, aber es gibt noch sehr viel mehr zu tun”, so der Professor.

Wir hoffen, dass die Entwicklung im Schatten der beginnenden Fußball-Weltmeisterschaft nicht zu schnell vergessen wird. Gleichzeitig sollte die Darstellung von “Walk Again” auch nicht dazu verleiten, die FIFA plötzlich mit einer humanitären Stiftung zu verwechseln.

[Bildquelle: Walk Again Project]

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  1. Ich finde die Überschrift mehr als daneben. Den ersten Ball bei der WM 2014 hat ein Mensch gespielt. Egal ob er in einem Exoskelett steckt oder nicht, es ist ein MENSCH. Vielleicht sollte sich der Schreiberling bei der Bild bewerben. Das Niveau ist entsprechend niedrig, die Sensationsgeilheit dafür entsprechend hoch. Vielleicht sollten sie vor dem schreiben weniger trinken, anders kann ich mir das nicht erklären.

    1. Ich denke, darüber lässt sich wirklich streiten. Natürlich hat ein Mensch den Ball gespielt, aber ohne das Exoskelett eben nicht. Mit dem Roboter meine ich also nur das Exoskelett – nicht den Menschen, wenngleich auch dessen Leistung keinesfalls vergessen werden darf.

      1. Der Artikel als solches ist ja auch durchaus gut und informativ. Aber ein Exoskelett mit einem Roboter gleich setzen ist halt sehr gewagt. Es hängt zwar ein Computer dran, aber dieser setzt doch nur die “Gedanken” des Menschen um. Ohne den Mensch würde das Ding nichts tun. Ein Roboter vollführt zumindest ihm vorgegeben Bewegungen/Abläufe.

  2. Schade, dass dieser Ankick bei der Eröffnungsfeier fast untergegangen ist. So eine Aktion hätte sich mehr Aufmerksamkeit verdient.

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