Whistleblower mit Stromnetz überführen

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Journalisten, die ihren anonymen Informanten vor der Kamera sprechen lassen, setzen den Whistleblower einer großen Gefahr aus. Der messbare Brummton der Netzfrequenz hinterlässt auf der Tonspur eine Art Fingerabdruck, den Geheimdienste auswerten, um den Aufenthaltsort und -zeit des Whistleblowers festzustellen.

In besonders gravierenden Fällen, wie den Enthüllungen Edward Snowdens, lassen Journalisten gerne den Whistleblower persönlich zu Wort kommen und filmen den Informanten an geheimen Orten. Verzerrte Stimmen oder Vermummungen können dessen Anonymität weitreichend wahren, so die landläufige Meinung. Wie das ZDF berichtet, ziehen Geheimdienste und Sicherheitsunternehmen aber selbst aus diesen bearbeiteten Aufnahmen genügend Informationen, um den Whistleblower zu überführen – dank des Stromnetzes.

Mit einer IT-forensischen Methode können die Einstreuungen der elektrischen Netzfrequenz in Tonaufnahmen herausgefiltert und quasi zu einem Netzfingerabdruck verdichtet werden. Die Tonspur umfasst schließlich nicht nur die Sprache des Whistleblowers, sondern auch Umgebungsgeräusche. Zu ihnen zählt auch ein Summen, das Menschen nicht wahrnehmen können. Messbar ist es aber allemal. „Dieses Summen entsteht durch Geräte, die mit Strom betrieben werden, zum Beispiel PCs, Lampen oder Kühlschränke“, erklärt der Computerwissenschaftler und IT-Forensiker Niklas Fechner.

Dieses Summen werten Geheimdienste und Sicherheitsbehörden dann aus. Auf Basis der Ergebnisse werden dann die Bilder der privaten und öffentlichen Überwachungskameras im Umfeld des vermeintlichen Drehortes zur Aufnahmezeit ausgewertet. „Je nachdem wie belebt der Aufnahmeort zur fraglichen Zeit war, müssen wir dann zwischen 50 und 90 Personen identifizieren und ermitteln, ob diese als Quelle und vermummter Whistleblower für den untersuchten TV-Beitrag in Frage kommt“, berichtet ein früherer Mitarbeiter der deutschen NSA-Zentrale in Stuttgart.

Ursache für dieses Summen ist also die elektrische Netzfrequenz, die beispielsweise in Westeuropa auf 50 Hertz standardisiert ist. „Das Besondere dieser Frequenz ist aber, dass sie sich ständig geringfügig verändert“, so Fechner gegenüber dem ZDF. Selbst Aufnahmen, die nur etwa zehn Sekunden lang sind, beinhalten deshalb minimale Schwankungen von 50,001 Hertz auf 49,9999 Hertz und wieder auf beispielsweise 50,002 Hertz. Diese Werte lassen sich exakt nachverfolgen und sind ein zeitlicher Fingerabdruck.

„Um diesen Fingerabdruck zu erstellen, wird die gesamte Aufnahme auf diesen 50-Hertz-Bereich konzentriert, also heruntergesampelt“, beschreibt Fechner das Verfahren. Ein Bandpassfilter eliminiert anschließend die uninteressanten Frequenzen, also alles, was zu weit von den 50 Hertz entfernt ist. Übrig bleibt ein klarer „Verlauf dieser Netzfrequenz“.

Und dieser Verlauf lässt sich mit den tatsächlichen Netzschwankungen abgleichen. „Dafür gibt es entsprechende Datenbanken, die von den Energieversorgern, aber auch zum Beispiel vom Bundeskriminalamt betrieben werden“, so Fechner. Schon seit 2005 werden solche Frequenzdatenbanken in Deutschland betrieben. In den USA hat man damit sogar noch ein paar Jahre früher begonnen. Und diese Datenbanken stellen laut Fechner „sekündliche Abbildungen der Frequenz zur Verfügung.“

Enttarnt ist der Whistleblower nun freilich noch lange nicht. Die Zeit und eventuell auch der Ort der Fernsehaufnahme lassen sich so aber sehr leicht bestimmen. Je lokaler die gemessenen Netzschwankungen aufgetreten sind, desto genauer lässt sich dann auch der Ort identifizieren und das auszuwertende Material der Überwachungskameras reduzieren. In einem sehr ungünstigen Fall hat der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA aber auch flächendeckend das Material von Überwachungskameras der Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ausgewertet, um einem Whistleblower auf die Spur zu kommen.

„In solchen Fällen müssen dann die Identitäten von mehreren tausend Menschen ermittelt werden“, berichtet ein früherer Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes. Diese Personen werden dann in individuellen Profilen aufgeschlüsselt, um festzustellen, ob sie an die fraglichen Informationen gekommen sein könnten. Hierfür finden die maßgeblich vom Bundeskriminalamt in den siebziger Jahren entwickelten Methoden der Rasterfahndung Verwendung.

Solche Identitätsermittlungen können dann auch schon einmal zwei bis drei Wochen dauern. „In der Regel geht das aber schneller“, meint der US-Geheimdienstexperte aus Stuttgart. „Standardmäßig haben wir die üblichen Locations überwacht, an denen Fernsehjournalisten solche Aufnahmen drehen, da reichte dann die ermittelte Aufnahmezeit, um die Auswertungen erheblich eingrenzen zu können.“

Die IT-forensische Methode, die Netzfrequenzschwankungen auswertet, wurde ursprünglich entwickelt, um einen Erpressungsversuch und einen Mordfall aufzuklären. Mittlerweile hat sich das Vorgehen aber nicht nur bei den Forensikern der Kriminalpolizei etabliert, sondern wird auch von Nachrichtendiensten genutzt, um Whistleblower zu identifizieren.

Müssen Aufnahmen mit anonymen, gesuchten Personen also zukünftig von Schauspielern an anderen Orten nachgestellt werden und an Authentizität verlieren? Unserer Meinung nach nicht, denn das Summen sollte sich mittels eines Filters, beziehungsweise Hochpass ab 51 Hertz ganz einfach aus der Tonspur entfernen lassen. Bis auf den Geheimdienst wird das nachträglich niemand feststellen.

Tags :Quellen:ShutterstockVia:Peter Welchering, ZDF Heute
  1. Gegenmaßnahme:
    Bei solchen Aktionen also nur Akku- betrieb !
    Netzteile / Ladegeräte von Notebook / Tablet / Smartphone / Bluetooth- Headset ganz trennen !
    Kein Netz- Desktop verwenden !

    Und zu Sicherheit dabei, für Beleuchtung auch nur Akku- betriebene LED Filmleuchten verwenden.
    Für den Fall, falls die auch aus dem Raumlichtflackern auf dem Video, die Netzfrequenz- Schwankungen rekonstruiren können…

    1. Wird dir nicht viel bringen, es summt ja trotztdem.
      Schon einmal unter ner Stromleitung (3-4m hoch) gelaufen? Da hört man klar und deutlich das es summt – auch ohne das ein Laptop o.ä angeschlossen ist. Selbst wenn im Raum nix ist was Strom zieht dürfte es dennoch in der Tonaufnahme drin sein.

      1. Hm…
        Meinst Du eine in Gebäudeinstallation übliche Leitung mit ca. 240 V bis 16 A,
        oder eine Hochspannungsleitung über dem Haus, mit 400 000 Volt und Kinoampere an Stromfluss ?

    2. Naja, also das 50 Hz Lichtflakern lässt sich nicht ganz leicht aus einem Video mit 25 Hz extrahieren^^
      (vgl. 44 kHz Audio Sampling Frequenz)

  2. Man könnte auch zusätzlich das Aufnahmegerät elektromagnetisch abschirmen.
    Und mit einen stabilen 50 Hz Generator an einer Spule, elektromagnetisches Feld erzeugen, um die Auswertungen der 50 Hz Schwankungen zu erschweren / verhindern.

    Weitere Option wären Aufnahmen in einen Zelt der im Freien steht.
    Aufnahmen im Freien sind nicht zu empfehlen, weil Schnüffler- Dienste Geländeprofile auch durch Vergleiche finden können.
    Der spezifischer akustischer Hintergrund würde aber auch Risiko darstellen. (Z.B. Kirchenglocken im nächsten Dorf)
    Dagegen könnte man ein „rosa Rauschen“ Störschall im Hintergrund abspielen.

    Hat jemand hier weitere Vorschläge ???

  3. Die Netzfrequenz ist im gesamten Verbundnetz von der Türkei bis Portugal gleich. Es gibt lokale Unterschiede durch Netzpendelungen, diese sind aber so klein, dass sie über Audioaufnahmen nicht erfasst werden können.
    Über das Brummen auf den Audioaufnahmen kann man nur den Zeitpunkt der Aufnahme gut bestimmen. Für den Ort bräuchte man eine deutlich bessere Technik als eine Audiospur.
    Dennoch reichen Zeitpunkt und Infos zum Journalisten aus, um über die Bilder von Überwachungskameras oder Handy-Positionsdaten die Person zu identifizieren.

  4. Das erinnert mich daran wie rausgekommen ist dass in Übersee die Hersteller von Kopierpapier darauf mit dem bloßen Auge unsichtbare Muster abgebildet haben um die Zettel nach einem Shreddervorgang rekonstruieren zu können. Würde mich nicht wundern, wenn die solche Muster auch auf die Netzspannung legen. Im Gegenteil, wenn das stimmt, würde es mich wundern wenn sie es nicht täten. Hammerartikel, bitte mehr so spannendes Zeug. Weiß einer wie das mit den Radarwellen war mit denen ein Raum durch Reflektionen ausgeleuchtet werden kann samt Monitorinhalt, oder Würfel ich da etwas durcheinander?
    Ist schon ein sehr spannendes Feld und die Mittel nehmen immer mehr zu ohne das es viele mitbekommen oder stört. Respekt für diesen Akt der Aufklärung, bestimmt für manche unbequem, aber wichtig und wegweisend, wenn wir nicht alles technisch mögliche auch wollen. Was wäre das für eine Welt, in der Maschinen uns erziehen und steuern… Wiederum gesteuert vom letzten freien Menschen… bis auch der nicht mehr ist.

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