Divinity: Original Sin ist Pflicht für jeden Rollenspielfan

Divinity Original Sin

Endlich wieder Schwerter, Magier und Feuerbälle. Endlich wieder Rundentaktik und Entschleunigung. Endlich wieder ein klassisches Rollenspiel im besten Sinne.  Wir haben Divinity: Original Sin für Euch getestet.

Divinity: Original Sin spielt in der Fantasywelt Rivellon, die Euch möglicherweise schon aus anderen Divinity-Titeln bekannt ist. Zeitlich sind die Geschehnisse 1200 Jahre vor Divine Divinity angesiedelt, mit dem Larian Studios 2002 die Serie begründeten. Die Geschichte beginnt konfus – vielleicht ist auch nur die Gewöhnung an zwei übereinander gelagerte Handlungsstränge fürs dramaturgische Schonkost gewohnte Gamergehirn zuviel – überzeugt aber mit spannenden Abschnitten und kruden Charakteren, wenn sie auch nicht sonderlich originell ist. Im Kampf gegen einen geheimnisvollen Kult, bei der Rettung der Welt vor einer alles vernichtenden Bedrohung ™, auf der Suche nach der Vergangenheit der beiden Protagonisten – während sich diese gewohnten Versatzstücke in einer Hauptquest und zig Nebenquests verwirren, begleitet Ihr die beiden Source Hunter (so etwas wie ein Hexenjäger-Orden) durch liebevoll gestaltete Schauplätze und Dialoge.

Das Spiel ist umfangreich und spielt sich langsam, was vor allem daran liegt, dass ein Großteil der Inhalte als Text präsentiert werden. Ohne cineastische Cutscenes wie bei Mass Effect oder Dragon Age ist heutzutage nichts mehr zu holen? Weit gefehlt. Mit einer Präsentation wie in den Neunzigern und hübscher Grafik weckt das Spiel starke Nostalgiegefühle, besitzt aber genügend Inhalte und eigene Einfälle, um anspruchsvolle Gamer 2014 auf seine Seite zu ziehen. Die Dialoge sind gut geschrieben und erzeugen größtenteils glaubwürdige NPCs. Ein lustiger Einfall: Wenn Eure Protagonisten sich bei einer Sache nicht einig sind, können sie sich „streiten“, ein Stein-Schere-Papier-Spiel lässt dann den Sieger seine Antwort auswählen.

Charaktereerstellung

Massenhaft Möglichkeiten

Ein Rollenspiel beginnt mit der Charaktererstellung und auch wenn Original Sin nicht die optische Vielfalt eines Skyrim bietet, wurde genügend Raum geschaffen, um Eure Helden individuell zu gestalten. Ihr erstellt die beiden Protagonisten der Geschichte, die im weiteren Spiel bis zu zwei NPCs um sich scharen werden. Neben Aussehen und Portrait lassen sich vor allem die Fähigkeiten der Figuren frei anpassen.

Ihr könnt zwar vorgefertigte Klassen wie „Wayfarer“ oder „Battlemage“ auswählen, Original Sin lässt Euch aber alle Möglichkeiten offen, Attribute, Talentpunkte und Perks nach eigenem Gutdünken zu verteilen. Von altbekannten Werten wie „Stärke“, „Intelligenz“ und „Geschwindigkeit“, werden Resistenzen, Hitpoints, Trefferwahrscheinlichkeit und Bewegungsreichweite abgeleitet. Geskillt werden können Waffengattungen, sowie Zaubersprüche in den Disziplinen Feuer, Wasser, Luft, Erde und Hexenwerk. Dabei  bestimmt die Höhe des jeweiligen Skills die Anzahl von Sprüchen, die der Zauberer beherrscht. Schurken- und Kriegerfähigkeiten funktionieren nach demselben Prinzip. Zusätzlich mit den Perks, die euch z.B. die Möglichkeit geben, im Kampf Passierschläge zu verteilen, bieten sich also schon auf Level 1 zig Variationen des althergebrachten Einheitsbreis von Krieger, Magier und Schurke. Schlussendlich gibt es noch so schöne Fähigkeiten wie Einbrechen, Schleichen und Taschendiebstahl, oder Schmieden, Crafting und Loremaster, die jeweils ganz eigene Möglichkeiten für den Helden eröffnen. Das alles führt zu einer Charaktererstellung mit einer Detailtiefe, wie ich sie lange nicht mehr in einem RPG erleben durfte.

Party

Das Gameplay zeigt ein wunderschön gestaltetes Rivellon aus isometrischer Perspektive. Wenn Euch bei gedrückter Alt-Taste herumliegende Gegenstände angezeigt werden, und Eure Partymitglieder nach heftigem Maustastengehämmer zu Lootmaschinen werden, fühlt sich das zunächst eher nach Diablo denn Baldur‘s Gate an, was auch an der bunten Farbgebung der Spielwelt liegen dürfte. Sobald aber der Kampf beginnt, tritt Divinity: Original Sin auf die Bremse und wechselt in den rundenbasierten Modus. Jeder der Helden bekommt Aktionspunkte, die von Attributen und Ausrüstung herrühren. Ein Initiativwert bestimmt ganz klassisch die Zugreihenfolge der am Kampf beteiligten Personen.

Kämpfe im Rundenmodus

Viele Titel der letzten Jahre haben versucht, einen rundenbasierten Kampfmodus zu implementieren. Bei Original Sin funktioniert das wunderbar, weil der Spieler Einfluss auf die Umgebung nehmen kann. Dank des großen Fundus an Elementarzaubern im Spiel lasst Ihr Wasserlachen, Ölpfützen oder Giftwolken entstehen, die alle mit einem anderen Element zu taktischen Vorteilen genutzt werden können. So verwandelt Ihr Wasser mit einem Blitzschlag in eine elektrische Zone, die darin befindliche Kämpfer für mehrere Runden außer Gefecht setzt, oder zündet Öl an, und freut Euch über brennende Gegner. Das Kampfsystem ist voll mit solchen kleinen Tricks, die es zu entdecken gilt, und für Bossgegner wie den Eiskönig Boreas muss auch schon mal eine echte Strategie ausgetüftelt werden. Unfair sind die Begegnungen selten, eigentlich ist bei einer Niederlage immer klar, wie man es besser versuchen könnte. Rollenspielveteranen werden sich hier sofort zu Hause fühlen, für Genreneulinge ist die Steuerung zu Anfang wahrscheinlich etwas hakelig und das System mit den verschiedenen Schadensarten + Resistenzen, den Massen an Fähigkeiten und den verschiedenen Zaubersprüchen überfordert vielleicht den ein oder anderen. Ein Umstand, den ich persönlich wunderbar finde! Schließlich sind Rollenspiele für Leute gemacht, die auch mal etwas Zeit investieren können, um die Regeln zu lernen.

In der Welt von Rivellon werdet Ihr immer wieder auf Rätsel treffen, die teilweise echtes Kopfzerbrechen bereiten. Natürlich gibt es auch den Klassiker, bei dem man am einen Ende des Raumes einen Schlüssel für die Tür am anderen Ende findet, aber einige der Dungeons sind ordentlich knifflig geraten. Das liegt zum Teil auch daran, dass die Entwickler auf das An-die-Hand-Nehmen des Spielers verzichten und nur das Nötigste ins Questtagebuch schreiben. Der Perk „Pet Pal“ hilft hier wahre Wunder, denn er lässt Euren Helden mit den Mäusen reden, die sich in den Verliesen herumtreiben. Die haben meistens einen Tipp zum aktuellen Problem auf Lager.

Dungeon

Nervige Kleinigkeiten

Natürlich hat das Spiel auch seine Schattenseiten. Nervig ist vor allem die Wiederholung der Umgebungsgeräusche, die wohl dem begrenzten Budget der Kickstarterproduktion geschuldet ist. Wer in Cyseal, der ersten Stadt im Spiel, unterwegs ist, und versucht durch Handeln Ausrüstung und Fähigkeiten zu verbessern, landet über kurz oder lang beim Händler Conrad. Der wacht über ein Schiff, dessen Matrosen nichts Besseres zu tun haben, als pausenlos dieselben zwei Geschichten zu erzählen. Das ist anstrengend, weil ihr im Spiel wirklich viel Beute macht, und gerade zu Anfang viel Zeit mit dem Verkaufen Eurer Schätze zubringt. Auch die Anmachsprüche der Liebesdiener in der Minensiedlung Silverglen sind nur die ersten zehn Male witzig und gehen einem irgendwann auf die Nerven.

Außerdem wurde ein Craftingsystem eingebaut, das quasi kein UI besitzt. Ihr zieht einfach die jeweiligen Gegenstände übereinander, und könnt die dann per Mausklick zu etwas neuem kombinieren. Das funktioniert zu Anfang noch prima, im Verlauf des Spiels wird aber Eurer Inventar durch Schriftrollen, Tränke und Questitems dermaßen zugemüllt, dass ihr zwischen den vier Stacks Pilzen für Wasserresistenztränke, fünf verschiedenen Pfeilsorten und sechs nicht stapelbaren goldenen Kelchen die Übersicht verliert, welche zwei Zutaten sich jetzt zu welchem Resultat kombinieren lassen. Zwar ist die Idee sehr schön, Rezepte in der Spielwelt entdecken zu müssen und erst dann ins Tagebuch zu schreiben, ein übersichtliches Crafting-Interface mit Rezepten auf der einen und Zutaten auf der anderen Seite wäre aber doch extrem hilfreich gewesen.

Crafting

Überzeugendes Gesamtbild

Auf der anderen Seite ist das Crafting ein weiterer Baustein in einem wirklich beeindruckenden Gesamtbild. Denn ihr könnt eine gute Stunde herumexperimentieren und werdet immer noch neue Möglichkeiten finden, die teilweise richtig nützlich sind. Selbstgeschmiedete Waffen und im Kampf heilende Bratkartoffeln machen Euren Helden das digitale Leben leichter und ziehen Euch weiter in die Spielwelt hinein. Wenn mein Kampfmagier Wasser vom Brunnen holt um daraus Pizzateig zu formen, der dann in den Ofen geschoben wird, stellt sich ein Gefühl ein, welches nur bei ganz großen Computerspielen entsteht: Als würden die kleinen Wesen auf dem Bildschirm tatsächlich in einer lebendigen Welt agieren.

Den Multiplayer habe ich einen Abend lang getestet. Beim Verbinden gab es ein paar Hakeleien, nach einem Verbindungsabbruch und der Zuschaltung des VPN-Dienstes Hamachi funktionierte die Kommunikation zwischen Desktop PC und Mac-Laptop aber tadellos. Gut gelöst: Ihr könnt einfach Euer Singleplayerspiel zu zweit weiterspielen. Die Helden lassen sich je nach Vorliebe zuteilen. Momentan ist nur 2-Spieler-Koop möglich, die Engine und der mitgelieferte Editor erlauben nach Aussagen der Entwickler aber Mods und Kampagnen für bis zu vier Spieler.

Fazitgizrank-big-50

Divinity: Original Sin ist eigentlich viel zu umfangreich, um es hier ausreichend zu beschreiben. Ich hätte noch weiter erzählen wollen über die vielen kleinen Details, den schrägen Humor der NPCs, die Anleihen und Zitate zu bekannten Titeln. Aber allein das zeigt schon, wie sehr mich dieses Spiel in seinen Bann gezogen hat. Ich habe lange kein so gutes Fantasyrollenspiel mehr genossen.

Natürlich reitet das Spiel auch auf der Nostalgiewelle der Generation, die Baldur‘s Gate verschlungen hat (oder mit Ultima VII deren große Brüder). Doch gerade das macht den Charme des Titels aus, der das Black Isle-Konzept mit echtem Rundenkampf versieht und in ein ansprechendes Grafikgewand hüllt. Divinity: Original Sin ist ein Pflichttitel für  Rollenspielfans und solche, die es werden wollen.

Divinity Original Sin

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