Mit ScratchJr lernt die Generation Touch nicht nur programmieren

scratchjr

Die iOS-App ScratchJr bringt Kindern am Touchscreen vereinfacht Programmieren bei. Die bildliche, spielerische Anwendung nährt aber auch die Hoffnung, den Grundschulkindern von heute mitzuteilen, dass die Inhalte auf den Bildschirmen der Tablets und Smartphones nicht plötzlich zu existieren begannen, sondern ein ebenso menschlich geschaffenes Produkt sind, wie die Kartoffelklöße am gestrigen Abend.

Nach der Generation X und den Millenials führt bei den aktuellen Kindern im Grundschul- und Kindergartenalter eigentlich kein Weg an der Namensbezeichnung Generation Touch vorbei. Schon in den ersten Jahren ist vielen Kleinkindern der intuitive Bildschirm vertrauter als die eigene untere Milchzahnreihe. Mobiles Internet und personalisierte Medien sind für sie so selbstverständlich wie Radio und Fernsehen es damals für uns, die Alten, die schon Motorroller fahren dürfen, waren. Im Gegensatz zu damals, als man auf einen Knopf drückte, an einem Regler drehte und das Rauschen am Bildschirm oder in den Ohren einfach ignorierte, da man hinnahm, was man kriegte, sind wir heute im Kollektiv Nutzer und ebenso Bestandteil des Mediums selbst. Auch wenn die Möglichkeiten täglich weiter wachsen und die Integration zuweilen so intim wird, dass man es nicht immer bedenken möchte: Hinter den User Interfaces, den Programmzeilen oder Spam-Nachrichten stecken nach wie vor Menschen, die eine ganze Menge Know-How in die Entwicklung gesteckt haben.

Doch wer sagt das den Kindern, die nur noch Daumen und Zeigefinger kennen? Wer bringt ihnen die Logik, das Verständnis, den Blick hinter die Kulissen der Apps, wenn sich manche Eltern, Erzieher oder Lehrer beim Gebrauch der neuen Technik noch immer unwohl fühlen? Im Gegensatz zu vergangenen Generationen, die in der Regel noch etwas mehr Eigenarbeit in die Mediennutzung stecken mussten und dabei haptische sowie logische Erfahrungen sammelten, ist für die Generation Touch das Medienerlebnis ein solch vereinfachtes, das, obwohl ein sofortiges Feedback für Eigeninitiative ermöglichend, die Arbeit dahinter nurmehr inexistent scheint.

Das oder Ähnliches muss den MIT-Forschern vor der Arbeit an ScratchJr durch den Kopf gegangen sein. ScratchJr, das Kind des vereinfachten, kindgerechten Programmier-Tutorials Scratch (hier ein kleines Beispiel aus dem Jahre 2011), richtet sich an eine noch jüngere Zielgruppe, nämlich Fünf- bis Siebenjährige. Jene neue iOS-App, die erfolgreich über Kickstarter finanziert wurde, möchte eine Brücke schlagen, zumindest vom wenig anspruchsvollen Bedienen eines Touch-Displays hin zu der Art und Weise wie deren Inhalte erstellt wurden. Nahrung für den Kopf also, nicht für die Finger.

Die Programmiersprache ScratchJr basiert, bis auf das wahlweise Ändern der Textblasen, die aus den Mündern der Charaktere kommen, nicht auf Text, der für Kinder in diesem Alter selbstverständlich noch eine Hürde sein kann, sondern auf bunten Bausteinen, Elementen und repräsentierenden Gegenständen, die in der geforderten Kombination logische Strukturen und Funktionen einer typischen Programmiersprache bilden. Die Kinder arbeiten beim Scratch-Skript mit sogenannten „Sprites“, cartoon-ähnlichen Charakteren, die an ein bestimmtes Ziel oder in eine gewisse Situation dirigiert werden müssen. Ohne die Kinder mit Syntax-Fehlern und Bug-Prävention ins kalte Wasser zu werfen, sollen sie unter anderem dem Prozess des Programmierens näher gebracht und auf dessen Möglichkeiten sensibilisiert werden, so der erhoffte Effekt.

„Wir wollten sicherstellen, dass Kinder Tablets nicht nur zum Browsen und reinen Konsumieren nutzen“, sagte Professor Mitchel Resnick, Kopf der „Massachusetts Institute of Technology (MIT) Media Labor Lebenslanger Kindergarten-Gruppe“, die ScratchJr zusammen mit Forschern der Tufts Universität und Playful Invention Company aus Montreal entwickelt hat. „Das sind Geräte, mit denen sie selbst ihre Stimme in die Welt schreien können und nicht nur das konsumieren, was andere Menschen teilen.“ Resnick vergleicht die Intention von ScratchJr darüber hinaus treffend mit der Beziehung von Lesen und Schreiben. „Für die traditionelle Bildung ist es wichtig Lesen zu lernen, aber genauso wichtig ist es Schreiben zu lernen.“

Nicht nur Empfänger sondern Teil des großen Ganzen

Diese Erfahrung möglichst früh zu machen ist in jeder Hinsicht enorm wertvoll, nicht nur weil die Generation Touch im Kindergartenalter von heute unter anderem die Coder von übermorgen sind. Es ist auch im Sinne eines gesunden Selbstverständnisses und Selbstbewusstseins in Beziehung zur restlichen Gesellschaft. Es gilt den Kindern beizubringen, dass sie dem Roboter nicht nur applaudieren müssen. Sie können ihn früher oder später auch verbessern. Selbiges Verständnis kann auch auf Politik oder völlig andere Gebiete angewandt werden, Hauptsache sie steigen, wie schon bei Platons Höhlengleichnis, „aus der Dunkelheit ins Licht“.

Programmieren alleine sollte trotzdem nicht der einzige Lebensinhalt unserer Nachkommen sein, auch wenn die Reputation eines gut bezahlten Jobs in der IT-Branche deutlich zu steigen scheint. Was früher Ärzte und Anwälte waren könnte in nicht allzu ferner Zukunft der Programmierer sein, der die Herausforderungen eventuell sogar kombiniert. Allein die Erfahrung, selbst Teil der Medien zu sein, kann Kindern von klein auf die Fragilität der Medien näher bringen. Es könnte der Ausweg aus unserer selbstverschuldeten Medienabhängigkeit sein, innerhalb der wir uns mit tausenden Idealen vergleichen, ohne stets die Subjektivität, Event-Hascherei und Pauschalisierung weniger Meinungsdiktatoren zu verstehen. Ja, selbst du wurdest soeben von mir über dem Kamm geschoren.

Begonnen hat die Gegen-Entwicklung schon vor vielen Jahren mit Blogs und sozialen Medien. Die beste Bildung ist in dieser Beziehung aber die Frühkindliche. Und dafür gibt es immer mehr moderne, attraktive Möglichkeiten. Bleibt nur noch zu hoffen, dass die Kinder das Tablet auch wieder loslassen und auch ihre Hände gelegentlich intensiver nutzen. Vielleicht sogar draußen, an der frischen Luft. Ob auch jene Natur programmiert wurde, wissen wir noch nicht, doch die verschiedenen Entfernungen tun den Augen und damit der Sehschärfe sicher gut. Auch die Generation Touch wird sie noch brauchen.

Ach ja, ScratchJr ist kostenlos im App Store für iPads ab iOS 7.0 erhältlich. Und nein, ScratchJr ist nicht das Allheilmittel bei frühkindlicher Bildung. Aber eine gute Idee.

Tags :Quellen:Bild: ScratchJrVia:Wired

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