Ein Bonsai Richtung All

Bonsai tree rides helium balloon to edge of space  Wired UK

Sexspielzeug, ein Stuhl und nun auch ein Bonsai-Baum samt Blumenstrauß. Ihnen allen ist gemein, dass sie von Menschen Richtung Weltraum befördert wurden - ein Drang, der nicht erst seit Felix Baumgartners Stratosphärensprung besteht. 

Man holt lieber die Sterne vom Himmel, als die Finsternis aus dem Meer.

In unserer Liebe zum Unerreichbaren schicken Menschen die verschiedensten Sachen Richtung All. Vibratoren, Dildos, Stühle und Missy, die Sexpuppe. „Blumenkünstler“ Makoto Azuma und sein Raumfahrtsingenieur John Powell von JP Aerospace ließen nun auch einen Blumenstrauß, bestehend aus dreißig verschiedenen Pflanzen wie Lilien, Orchideen oder Hortensien sowie den titulierten Bonsai-Baum in die Stratosphäre fliegen. Selbst das, was seine Wurzeln wortwörtlich auf der Erde hat, sollte sich im Rahmen des Stunts „Exobiotanica“ in die Lüfte erheben und darüber hinaus gelangen. Es sind nicht nur die beeindruckenden Bilder der GoPro-Kameras, die an dem Metallgestell, dass Pflanzen und Ballon verbindet, angebracht waren, die uns faszinieren. Es ist dieser zerreißende Drang, das Greifen nach dem Unendlichen, das so unvorstellbar fern und schlichtweg exorbitant für die Bevölkerung ist, der spätestens seit den ersten Science-Fictions die breite Masse anspricht.

„Unendlich“ hoch flog der fünfzig Jahre alte Bonsai aber nicht. Nach 30 Kilometer und zwei Stunden Flugzeit war Schluss für den Helium-Ballon, aber wenigstens konnten die Pflanzen am Weltall „schnuppern“ und die Krümmung der Erde „sehen“, so wie Azuma es sich gewünscht hatte.

Bislang genießen nur wenige das Privileg selbst ins All zu gelangen. Der deutsche Astronaut Alexander Gerst, der zur Zeit auf der ISS arbeitet, gehört dazu. Mit beeindruckenden Bildern wie diesem versorgt er uns regelmäßig mit der Schönheit seiner Perspektive und macht einen Wunsch, der durch diverse Pläne für Weltraumtourismus bald real werden könnte, noch einem breiteren Publikum vertraut. Bis verschiedene Projekte, wie beispielsweise die erste kommerzielle Raumschiffstartrampe, genannt SpaceX, in Brownsville in Südtexas fertig wird, dreht sich die Erde aber noch ein paar Mal um die Sonne. Doch warum wollen wir nur nach oben, weg von hier ins studierte Unbekannte?

Wieso nicht mal nach unten?

Über das Weltall wissen wir mehr, als über die Meere, dabei wären diese doch um einiges leichter einzugrenzen und im Prinzip auch ein gutes Stück näher. Und trotzdem schielen wir lieber nach oben, wo viele aufgrund einer überholten Vorstellung von Himmel und Erde Antworten auf ihre großen Fragen erwarten. Dabei sind wir selbst Teil des „Oben“. In der anderen Richtung schlummern die Geheimnisse dagegen weiter vor sich hin. Nur wenige Länder haben die Gerätschaften und das Geld sich durch die Zonen des Pelagials, also der freien Wassersäule, zu bewegen und sich dem Marianengraben im Pazifik, mit 11.034 Meter die tiefste bekannte Stelle der Weltmeere, anzunähern. Vor allem der Druck von über 1.000 Bar ist ein großes Problem bei solchen Untersuchungen. Seit 1960 Jacques Piccard und Don Walsh das Challengertief bei 10.740 Meter im Marianengraben erreichten und selbst dort Fische und andere Lebewesen mit „recht kuriosen Ausformungen“ entdeckten, gelang es nur James Cameron im Jahr 2012 so weit mit einem U-Boot zu tauchen.

Dass es selbst dort unten nur so von Lebewesen wimmelt, klärte 1876 das Segelschiff Challenger. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts begann dann die moderne Tiefseeforschung die zwanzig Jahre später mit immer noch fahrenden Schiffen wie Polarstern oder Meteor fortgeführt wurde. Neben dem biologischen Interesse dominierten leider Zielsetzungen wie Rohstoffgewinnung oder die Depotsuche für Industrieabfälle. Aktuell schreiben sich Foschungsschiffe wie das kürzlich eingeweihte „Sonne“, das im Dezember an die Wissenschaft übergeben wird, eher die Erforschung von Mikroorganismen und Klimaveränderungen auf die Segel. Trotz alledem können die gefährlichen Tiefen der Ozeane natürlich nicht mit der Schönheit des Weltalls mithalten. Von Sir Richard Bransons Plänen, an die tiefste Stelle des Marianengrabens zu tauchen, hört man auch schon seit ein paar Jahren nichts mehr. Er möchte Ende 2014 den ersten kommerziellen Weltraumtrip starten und mit seinen Virgin-Galactic-Raumschiffen weitere 250.000 Dollar teure Reisen anbieten, für die schon über 600 Personen angezahlt haben. Das sind mehr Menschen, als bislang im Weltall waren. So bleibt die dunkle Tiefsee weiter ein spannendes Mysterium, das spekulatives Material für Schriftsteller, Filmemacher und andere Künstler bietet. Denn wer weiß schon was sich hier seit Millionen von Jahren verborgen hält?

Tags :Quellen:Azuma MakotoSenckenbergVia:Wired

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