Kommentar: Fairtrade in der IT? Da geht noch was!

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Gerechte Löhne, keine ausbeuterischen Arbeitszeiten und umweltverträgliche Bedingungen für Mensch und Natur. Wer wünscht sich das nicht? Das nachhaltige und idealistische Prinzip „Fairtrade“ hat – sofern man nicht resigniert oder sich Misanthrop beziehungsweise Nihilist schimpft – unweigerlich Berechtigung. Doch wie fair ist eigentlich die enorm globalisierte IT-Branche?

Es gibt sie für Kaffee, für Brotaufstrich, für Schokolade und Nüsse. Für Kleidung, Portemonnaies, Taschen und Pflastersteine. Fair gehandelte Alternativen sind eine Nischenart und machen – so sagte man mir in einem entsprechenden Seminar – trotz konstanter Wachstumsraten in den letzten Jahren nicht mal eine Milliarde Euro Umsatz pro Jahr. Mit ein Grund: Fair zu konsumieren ist für viele äquivalent mit einer vermeintlich naiven Öko-Fritze-Philosophie oder kirchlichem Engagement, den katholischen und protestantischen Trägern einiger Fairtrade-Unterstützer wie „Eine Weltladen“ geschuldet. Dabei ist fair einzukaufen nur die logische Konsequenz der Abkehr vom Egoismus, die Rückbesinnung auf Nächstenliebe, dem zentralen Argument unserer abendländischen Kultur, dessen Fahnen derzeit selbst auf politisch rechten Demonstrationen hochgehalten werden. Und keine Angst: Für Nächstenliebe braucht es keine Religion.

Einfach nicht cool?

Fairtrade beinhaltet ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit, also eine Schonung der Umwelt, aber auch der Produzenten, um Turbokapitalismus und Preisverfall in unserer globalisierten Welt etwas zu kontrollieren und nicht auf den Rücken der Menschen sowie der übrigen Natur auszutragen. Standards, die für die meisten von uns normal sind, sollen mithilfe des Fairen Handels auch andernorts Einzug halten können. Eine faire Sache, aber dennoch: Fairness in der IT ist für viele schlicht und ergreifend nicht statusfördernd – nur ein gelegentliches Argument, falls man sich sonst über nichts mehr aufregen kann. Schade eigentlich.

Wenn sich beispielsweise ein neues iPhone anbahnt und die mediale Aufmerksamkeit groß genug ist, wird gerne über die vielen tausend Arbeiter bei Foxconn gesprochen, die mitnichten nach Fairtrade-Standard arbeiten – nicht wenige Arbeiter nahmen sich dort in den letzten Jahren das Leben. Dann wird über Minen berichtet, in denen Kinder schuften, um die Rohstoffe für Apples neuen Markterfolg zu liefern. Und dann wird über Fabriken geschrieben, in denen Kinder unzulässig für neue Samsung-Modelle ausgenutzt werden. Doch die Moralkeule schwingt nur kurz, nämlich so lange, bis das Smartphone von den blutigen Händen in Fernost in unsere brauchte.

Man kann sich ja auch schlecht gegen etwas auflehnen, das mittlerweile so omnipräsent ist wie die PKW-Maut, Vladimir Putin und Stefan Raab zusammen; gegen etwas, dessen dringende Nutzung in der eigenen Profession sämtliche Probleme andernorts rechtfertigen. Jeder will ein Smartphone, die meisten brauchen mittlerweile auch eines in der Arbeit. Das Abstriche machen hört hier für viele auf. Und außerdem: Einfach faire Löhne fordern, Arbeitszeiten und -bedingungen entstraffen und Gewerkschaften wie auch Betriebssräte zulassen, geht nicht von heute auf morgen, ist zudem von undurchschaubar vielen Faktoren abhängig. Wirklich faire IT-Produkte gibt es ohnehin noch nicht, dazu müssten Kriege beendet und grundlegende Gesetze in Staaten wie China geändert werden. Mit der Kritik, selbst nicht recht viel fairer zu sein, als andere Hersteller, müssen sich „faire“ Produzenten deshalb zuhauf auseinandersetzen. Doch die Entwicklung braucht Zeit, viel Zeit und viele Mitstreiter.

Einfach keine Alternative?

Spricht man mit Verantwortlichen der großen Elektronikhersteller, gibt es meiner Erfahrung nach zwei mögliche Antworten. Entweder die- oder derjenige weiß gar nicht über die Herkunft des Produkts Bescheid oder sie lächeln nur und machen unmissverständlich klar, dass gar kein Weg daran vorbeiführt, in den Billigländern Südostasiens zu produzieren.

Freilich steckt in deren Aussage sehr viel Wahrheit, doch man muss es sich nicht immer leicht machen. Eine an Fairness und Nachhaltigkeit orientierte Alternative im Smartphone-Markt ist beispielsweise die Organisation „Fairphone“, die mittlerweile auch ein entsprechendes Mobilgerät auf den Markt gebracht hat. Das Smartphone bringt für 310 Euro eine Quad-Core-CPU von Mediatek samt einem Gbyte Arbeitsspeicher, einen 4,3-Zoll-Touchscreen mit qHD-Auflösung (960 mal 540 Pixel) und Dragontrail-Glas, Android 4.2 sowie eine rückseitige 8-Megapixel-Kamera auf die Waage. Vorne knipst man mit 1,3 Megapixel und speichert auf 16 Gbyte internem Storage, der sich per MicroSD-Karten um bis zu 64 Gbyte erweitern lässt. Hinzu kommen GPS, WLAN, Bluetooth, MicroUSB- und Kopfhörerstecker sowie ein E-Kompass und ein Gyroskop. Das Fairphone lässt sich überdies laut Hersteller sehr einfach rooten.

(Screenshot: Gizmodo)Außerdem soll sich das derzeit fairste Smartphone dadurch auszeichnen, dass es leicht zu reparieren ist, wofür nicht nur der wechselbare Akku spricht. Ersatzteile und Reparatur-Tutorials sollen dafür sorgen, dass sich Verbraucher nicht alle zwei Jahre ein komplett neues Gerät kaufen müssen. Ein sinnvoller Ansatz, den auch Google mit seinen modularen Smartphones voranbringen wird. Fairphone setzt ihn dahingehend fort, dass man mit „Closing the Loop“ kooperiert, um beispielsweise Recycling-Programme in Ghana voranzubringen.

Wer das Smartphone „nur“ seiner aktuellen Kernkompetenzen wegen braucht, kann also getrost auf ein Fairphone setzen. High-End ist das aber freilich nicht. Bleibt nur der Kostenpunkt, da die Konkurrenz Geräte mit derartiger Hardware schon für die Hälfte des Preises verkauft – dafür ohne solch weitreichende Bestrebungen in puncto Nachhaltigkeit.

Gegründet wurde Fairphone übrigens in den Niederlanden, produziert wird jedoch anderswo. Man ahnt es schon fast: Auch das faire Smartphone ist „Made in China“. Die Produzenten in China verdienen sogar noch weniger als die Mitarbeiter des jährlich umstrittenen Apple-Zulieferers Foxconn. Das liegt allerdings daran, dass in der Provinz, in der sich Foxconn befindet, auch höhere Lebensunterhaltungskosten anfallen und sich nach anhaltender Kritik gegenüber Apple auch Foxconn ein wenig dem Druck beugte. Fairphone versucht mit den schwierigen Situationen in China umzugehen und ließ die Mitarbeiter ihres Zulieferers A´Hong 60 statt 80 Stunden arbeiten, führte einen Mindestlohn ein, gibt den Angestellten Mitspracherechte und zahlt pro verkauftem Fairphone zwei mal 2,50 Euro in einen Mitarbeiterfonds. Gerade jenem Zulieferer A´Hong hat Fairphone jedoch erst kürzlich gekündigt, um zusammen mit einem neuen chinesischen Partner höhere Standards zu erreichen und selbst mehr Einfluss auf das Design und die Komponenten zu haben. Gemeinsam soll in diesem Jahr dann die zweite Generation des Fairphones erscheinen, vorbestellbar ab Mitte 2015.

(Screenshot: Gizmodo)Ganz bewusst versucht Fairphone, sich nicht nur einfach aus Krisenregionen zurückzuziehen, sondern auch genau dort die Situation zu verbessern. So beispielsweise in der Demokratischen Republik Kongo. Große Hersteller haben dortige Minen verlassen, um die Rohstoffe aus Australien und Indonesien zu beziehen – Länder mit besseren Arbeitsbedingungen. Im Kongo ließ man die Leute allerdings arbeitslos zurück, schwächte die Region enorm. Fairphone gibt den Leuten dort ihre Arbeit zurück, damit sie sich nicht den Milizen anschließen müssen. Arbeitsbedingungen, die der in westlichen Staaten entsprechen, kann man dort allerdings lange noch nicht erreichen. Auch Kinderarbeit findet sich noch in den dortigen Minen – ist das fair? Um wirklich vollumfänglich fair zu produzieren und zu handeln, so Experten, müsste man alle Kriege auf der Welt beenden. Mit fairer und nachhaltiger Produktion zu beginnen, sich also auf einen langen Weg zu begeben, ist aber trotz alledem kein schlechter Ansatz.

Ebenfalls bekannt für seine Orientierung bezüglich sozial- und umweltverträglicher IT-Produkte ist NagerIT – ein Hersteller von fairen Computermäusen im Voralpenland. Selbst bei einem scheinbar wenig komplexen Produkt wie einer Computermaus, gibt es die globale Wirtschaft bislang nicht her, eine vollständig nachhaltige Produktion zu ermöglichen. Dafür schafft es NagerIT im Gegensatz zu anderen bestrebten Herstellern wie Apple, HP und auch Fairphone, eine umfassende Lieferkettendokumentation zu veröffentlichen – vorbildlich!

(Screenshot: Gizmodo)

Zwei Drittel der Lieferkette sind laut NagerIT „fair“ – ein guter Wert. Bezüglich der technischen Spezifikationen gestaltet sich die ethische Maus folgendermaßen: Zwischen den beiden Tasten befindet sich wie gewohnt ein Scrollrad (ab 2015 aus Holz), zur Verbindung dient ein 1,5 Meter langes USB-Kabel und die Auflösung wird mit 1.000 dpi angegeben. Der verwendete Sensor nennt sich im Übrigen ADNS 2700 und stammt von Pixart, ehemals Avago. Die Modelle existieren in Grün, Weiß, zwei Kombinationen aus beidem sowie jeweils wahlweise einer grünen Beleuchtung. Da Nager IT vom Finanzamt als gemeinnütziges Objekt anerkannt wird, beträgt die Mehrwertsteuer außerdem nur sieben Prozent, der Preis liegt dennoch bei rund 30 Euro, exklusive Versand.

Wirklich ernsthafte Bestrebungen, die denen der erwähnten Organisationen ähneln, gibt es leider wenige. Intel wirbt seit einiger Zeit zumindest damit, konfliktfreie Prozessoren zu bauen. Ein solches Schwert ist, wie wir gelernt haben, dennoch doppelschneidig. Aber aus welchem Grund sind große Elektronikkonzerne nicht bemühter im Rennen um Nachhaltigkeit?

Einfach zu wenig Profit?

Unternehmen wie Samsung geben Milliarden für Marketing aus, zahlen Millionen, um auf den Trikots einiger Fußballer abgedruckt zu werden. Natürlich krankt das Pferd schon hier, wo es scheinbar keine finanziellen Grenzen mehr gibt. Auf der Suche nach Marktmacht und Gewinn wirken Lebewesen zwar schnell mal wie Zahlen oder Steine, langfristig, so glauben und erkennen bereits viele, muss ein Unternehmen aber resilient sein, ökologisch nachhaltig und sozial verantwortungsvoll handeln. Diese Eigenschaften sind – sofern gekonnt präsentiert – schon jetzt wertvoller als aufwendiges Marketing.

Wenn ethisches Verhalten auch zur Gewinnmaximierung führt, lassen sich vermutlich die meisten der geforderten Ziele umsetzen. Das sogenannte „grüne Gewissen“ ist mittlerweile ein erstklassiges Zugpferd. Die Wirtschaft musste sich also bereits auf den Weg machen, um dem Trend zu folgen. Denn einen Trend verpassen, das kann und will sich kein Unternehmen leisten.

Langfristig werden sich also (hoffentlich) Konzepte wie die drei Ps durchsetzen. Sie stehen für Profit, People und Planet. Alles im Einklang miteinander macht nicht nur die Firma glücklich, sondern auch die Angestellten und all jene, die zukünftig über den Boden marschieren dürfen. Aber wer macht nun was und vor allem wo und wie?

Einfach keine Ahnung?

Wie auch im Bereich der Bio-Lebensmittel helfen Siegel und Zertifikate dem Verbraucher bei der Kaufentscheidung. Für IT-Produkte existiert diesbezüglich zwar noch nichts, dafür ist der Konsum auch nicht so regelmäßig und kurzfristig wie bei Lebensmitteln und die meisten informieren sich vor einem Kauf sowieso per Internet über das jeweilige Produkt. Wirklich fundierte Informationen zu bekommen ist bislang leider schwer bis unmöglich. Hilfreich sind trotzdem Projekte wie makeITfair, Procure IT fair, das GoodElectronics Netzwerk oder aber rank a brand, bei dem die Rangfolge großer Elektronikhersteller bezüglich Nachhaltigkeit aktuell wie folgt dargestellt wird:

(Screenshot: Gizmodo)

(Screenshot: Gizmodo)

Apple-Fans können bei dieser Platzierung aufatmen. Oder? Leider sagt selbst das nicht viel aus, angesichts solcher Schlagzeilen, die besagen, dass Apple laufend seine Versprechen bezüglich des Schutzes der Arbeiter seines Zulieferers Pegatron bricht.

Fair – Unten wie Oben

Zu Fairtrade gehört – weitergedacht – aber mehr, als teure Preise, angemessene Löhne sowie Arbeitszeiten, Sicherheitssysteme, Mitspracherechte und erleichtert lächelnde Kinder. Der zentrale Punkt ist die Fairness und die sucht man auch in der westlichen Kultur nur mit Mühe und Not. Wenn (selbst) Manager pausenlos unterwegs sind, reihenweise 16-Stunden-Tage abreißen und sich Amphetamine spritzen, um den Anforderungen gewachsen zu sein, läuft schon in unseren Kulturkreisen einiges schief. Selbst jene, die sich nicht zu den höchsten Riegen zählen dürfen, erlebten in den letzten Jahren einen rasanten Wandel von der spaßigen, jungen IT zur knallharten Geschäftswelt, die keine Grenzen mehr kennt. Große Sausen werden rar, Gehörsturze und Tinnitus des Stresses wegen dafür eine schlichtweg normale Berufskrankheit. Klingt unglaubwürdig, wurde mir aber von einem Insider bestätigt. War man vor zwanzig Jahren noch für eine ganze Stadt verantwortlich, ist es heute schon mal ein halber Kontinent, dessen Bedürfnisse man an Amazon weiterleitet.

Und wenn ich schon dabei bin: Die selbstausbeuterische Selbständigkeit, die Plattformen wie Uber, Transrabbit, Eatwith oder AirBnB mit sich bringen, befördern den Kapitalismus, hebeln Rechte sowie Schutz der Person aus und bieten quasi keine Sicherheit. Auch wenn die Share Economy eine neue sozialistische, gerechte Gesellschaft begründen möchte, zunächst verwandelt sie einige selbstbestimmte Menschen in ferngesteuerte Maschinen, die dem Takt der Algorithmen erliegen und ihre Freizeit, ebenso wie die Privatsphäre verkaufen. Die Löhne sind  zwar höher – den Fairtrade-Standard können die Plattformen aber mitnichten erhalten.

Es wäre ohne Zweifel an der Zeit für eine faire IT, für eine nachhaltige Wirtschaft. Und da reicht es nicht, wenn zwei oder drei Firmen – genauer gesagt: Google und Facebook – ihren Praktikanten Ingenieursvergütungen zahlen und bunte Pausen- und Spielräume bauen. Eine Möglichkeit, den nach sinnvollen Sozialstandards produzierten Waren Absatz einzuräumen, beziehungsweise ihre Existenz zu ermöglichen, ist die staatliche Investition. Das Prinzip findet beispielsweise bei den sogenannten Fairtrade-Städten seine Verwendung. Orte erhalten hierbei ein Zertifikat, wenn sie ihre Waren mindestens zum Teil nach Fairtrade-Standards beziehen. Dazu zählen nicht nur Kaffee oder Papier, sondern auch Druckergeräte und Pflastersteine. Hersteller geraten dann unter Druck, um den Standards auch zu entsprechen und noch eine Rolle im Wettbewerb zu spielen.

Zu einer wirklich fairen Wirtschaft fehlt also noch viel, richtig viel. Dieser Umstand wird sicher auch noch lange als Gegenargument benutzt werden. Sich damit aus dem Schneider zu machen, wäre aber dennoch feige, schließlich produzieren Menschen nicht einfach nur irgendetwas: Menschen bauen immer auch mit und für Menschen. Auch das sollte unsere Meinung beeinflussen.

Am Ende, das wissen selbst die Unternehmer, entscheidet vor allem das Kollektiv der Verbraucher. Gehen beispielsweise genug Fairphones (bislang rund 50.000) über den realen oder virtuellen Tresen, ziehen andere Hersteller über kurz oder lang nach, um mit ethischen Prinzipien zu werben, sich für selbiges einzusetzen und mit den erfolgreichen Produzenten in Konkurrenz zu treten. Wächst der Umsatz fairer Produkte, steigen langfristig auch Angebot und Qualität. Der Preis hingegen muss dann irgendwann nicht mehr außerordentlich über dem der billig produzierten Waren liegen.

Klar ist aber auch: Man sollte es dem Verbraucher nicht zu schwer machen. Das gilt zum Einen für die Kennzeichnung entsprechender Geräte (falls es irgendwann einmal mehr gibt), aber auch für den Reiz, den die Geräte ansonsten bieten. Also: Macht mehr fair produzierte und fair gehandelte Gadgets! Und macht sie geil!

Tags :Quellen:Bild: Shutterstock
  1. natürlich ist es das nicht. behauptet aber auch keiner, nichtmal der Fairphone Initiator.
    Danke für diesen Artikel. Schön recherchiert und nicht nur an der Oberfläche gekratzt.

  2. ja super, fairtrade betrug in jeder branche! damit die firmen noch dicker abkassieren und die konsumenten sich ein reines gewissen erkaufen können!

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