Oh Apple, erlöse unsere Handgelenke! [Kommentar]

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Am 09. März verriet Apple weitere Features seiner ersten Smartwatch. Klingt schlicht, ist es aber nicht. Das mediale Wettrüsten bei Apple-Ankündigungen ist in der Regel nur von großen Sportereignissen zu überbieten, weshalb es mindestens eine Nacht dauern kann, bis sich der Nebel um die neuen Produkte wieder auflöst. Selbst kleine Regionalzeitungen druckten die Apple Watch heute morgen groß als Aufmacher der Titelseite. Was ist da gestern Abend also wirklich vorgefallen?

Apple Macbook

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Das neue Macbook auf der Apple Keynote im März 2015

Man hatte sich die Uhren gestellt – weltweit. Es war 18 Uhr mitteleuropäischer Zeit, als die Gebetsteppiche Richtung San Francisco ausgerollt und die Zeigefinger wild auf die Refresh-Buttons sämtlicher Browser gehämmert wurden. Abgesehen von Apples Safari-Browser, der die Zeremonie direkt als Live-Stream übertrug. Exklusive Teilhabe an der nächsten digitalen Revolution für all jene, die der Huldigung bereits mindestens einmal nicht widerstehen konnten.

Wer nun glaubt, in eine besonders weit verbreitete Sekte gerutscht zu sein, liegt hauchdünn daneben. Tatsächlich flimmerte schlicht die Ankündigung ein paar neuer Elektronikartikel über die Bildschirme. Nach der Vorstellung neuer MacBooks, neuer Software-Features und Informationen zum Erfolg des Konzerns zauberte Zeremonienmeister Tim Cook (CEO) endlich das heiß ersehnte, obwohl schon seit einem halben Jahr bekannte Gadget aus dem Hut.

Die Apple Watch. Eine Smartwatch für iPhone-Besitzer, gleichzeitig die erste eigene Produkreihe unter der seit 2011 andauernden Ära des Steve-Jobs-Nachfolgers Tim Cook. Eine Smartwatch – so etwas gibt es doch längst! Natürlich weiß das auch Apple, was sie aber nicht davon abhält, den gleichen Zirkus zu veranstalten, wie immer und kein anderer. Es sei ihnen erlaubt, nur dürfen wir uns nicht davon vernebeln lassen.

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Was kann die Apple Watch eigentlich?

Grundsätzlich zeigt das Wearable jede Nachricht an, die auch das iPhone wiedergibt, Anrufe können außerdem damit angenommen werden – wenn das iPhone per Bluetooth verbunden ist oder sich im gleichen WLAN befindet. Bei längeren Mitteilungen sowie Webseiten dient die Krone (rechts) als Scrollrad.

Über eben jene Krone aktiviert man auch den Sprachassistenten Siri, schließlich besitzt die Apple Watch – wie auch manches Konkurrenzprodukt – Mikrofon und Lautsprecher. Über einen langen Druck auf die Krone zeigt man sich die Kreditkarte an, die für Apple Pay hinterlegt ist. Der Bezahldienst – hierzulande noch nicht verfügbar – erlaubt bargeldloses Bezahlen mit dem iPhone, für das die Nahfunktechnik NFC sowie der Fingerabdrucksensor TouchID als Verifikation verwendet werden. Die Apple Watch besitzt ebenfalls einen NFC-Chip und soll ihrerseits den Fingerabdruck ersetzen. Das iPhone kann also in der Tasche bleiben, es muss nur noch die Uhr in die Nähe des Kassenterminals gehalten werden. Bargeldloses Bezahlen mit einer Smartwatch gibt es übrigens schon bei Samsung.

Die Apple Watch bietet noch weitere sinnvolle Merkmale, die die Welt bereits kennt. So die Möglichkeit, zwischen Ziffernblätter zu wechseln oder sich die Zeiten für verschiedene Verkehrsmittel anzuzeigen. Natürlich kann das Gadget auch Hotelzimmertüren, die die Technik unterstützen, aufschließen, die Musikwiedergabe steuern, auf Smartphone-Dateien zugreifen, kleine Programme wie Stoppuhren ausführen oder den Wetterbericht sowie Sonnenauf und -untergang anzeigen. Über einen Fingerwisch nach oben gelangt man zu den Kurzinfos. Die Kontaktliste wird außerdem folgendermaßen visualisiert:

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Die Position am Handgelenk macht all diese Funktionen schneller und leichter erreichbar, lässt dem Benutzer aber auch weniger Freiraum, sich der permanenten Benachrichtigung zu unterziehen. Nichtsdestotrotz schafft Apple es, in einer einfach, doch bunten Designsprache das kleine Display ganz groß wirken zu lassen.

Der verschwommene Hintergrund bei iPhone oder iPad würde auf dem winzigen Bildschirm zu einem unübersichtlichen Farbbrei führen, dem man mit schwarzem Hintergrund entgegenwirkt. Dafür sind die Buttons so bunt wie bei Windows Phone, so schlicht wie bei Android Lollipop und trotzdem eine buchstäblich runde Sache.

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Ein weiterer Vorteil, der sich aus der Position von Smartwatches ergibt, ist die Erweiterung von Gesundheits- und Fitness-Anwendungen, da direkt am Arm beispielsweise eine Analyse der Pulsadern möglich ist. Mit seinem HealthKit hat sich Apple bereits auf dieses Parkett gewagt, das ResearchKit innerhalb der Apple Watch soll vor allem dem Erforschen von Krankheiten wie Diabetes, Asthma, Parkinson oder Blutkrebs dienen.

Die App „mPower“ soll beispielsweise bei der Erkennung von Parkinson helfen, indem sie den sicheren Gang misst und einen Tipp-Test anbietet. Wer an Asthma leidet kann darüber hinaus GPS-Koordinaten übermitteln, um Auslöser für akute Probleme zu lokalisieren. Die quelloffene Software soll laut Apple-Manager Jeff Williams mehr Anwendungen ermöglichen, gleichzeitig sei die Sicherheit insofern gewahrt, dass nur entsprechende Forscher und nicht einmal Apple selbst Zugriff auf die Daten habe. Eine schöne Sache, sofern es nicht nur Apple-Nutzern vorbehalten ist, Teil dieser Forschung zu sein.

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Sehr nett erscheint hingegen auch, dass sich Apple bei seiner Uhr tatsächlich auch Gedanken zur Uhr selbst gemacht hat. So weicht die angezeigte Zeit der Apple Watch laut Herstellerangaben nie mehr als 50 Millisekunden von der offiziellen Weltzeit ab. Außerdem wird es einen eigenen Apple Watch Store für entsprechende Anwendungen geben. Drittanbieter wie Instagram, Twitter, Shazam, Nike+ Running und WeChat sind bereits mit an Bord, Uber American Airlines und Alarm.com folgten ebenfalls. Das vorinstallierte Betriebssystem ist iOS 8.2, welches gestern ebenfalls präsentiert wurde.

Die Fitness-Apps fielen etwas schmaler aus, als erwartet. Klar war bereits, dass die Apple Watch seinen Träger regelmäßig auf körperliche Bewegung hinweist, sofern in letzter Zeit noch nicht geschehen. Die integrierte Sensorik umfasst außerdem einen Beschleunigungssensor sowie einen Pulsmesser an der Unterseite. Für GPS ist die Uhr weiterhin aufs iPhone angewiesen. Dafür ist die Apple Watch wasserdicht nach IPX7, wenngleich der Standard keinen verlässlichen Schutz gegen Wasser bietet. Die 30 Minuten in maximaler Tiefe von einem Meter übersteht das Gadget laut Standard nur, wenn der Temperaturunterschied zwischen Tauchwasser und Gehäuse nicht mehr als +/- 5 Kelvin beträgt.

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Das Design stimmt, der Inhalt ist bis auf exklusive Kooperationen mit anderen Unternehmen aber schon länger erfahrbar. Tatsächlich soll die Apple Watch wohl auch das Bindeglied zwischen Modeliebhabern und Tech-Enthusiasten werden, wenngleich mindestens genauso hübsche Hardware auf dem Markt zu finden ist.

Die Konkurrenz kann insgesamt eigentlich das gleiche. Smartwatches werden aber schon seit langer Zeit regelmäßig mit verschiedenen Funktionen ausgestattet und vergeblich im Markt platziert. An den Erfolg sogenannter Wearables glauben die Hersteller erst jetzt. Warum also der große Zirkus um diese eine, verspätete Smartwatch? Es ist eben Apple, eines der mächtigsten Unternehmen der Welt.

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Schon vor einem Jahr begannen zahlreiche Smartphone-Hersteller zu den Pionieren Casio, Microsoft, Sony Ericsson oder Pebble aufzuschließen und brachten wie LG, Motorola oder Asus Smartwatches mit Googles Android Wear oder, wie das südkoreanische Unternehmen Samsung, mit dem Betriebssystem Tizen. Weitere Hersteller wie Huawei und auch herkömmliche Uhrenproduzenten gewährten zudem kürzlich in Spanien Einblick in ihre neuen Wearables.

Erst Ende letzter Woche endete mit dem Mobile World Congress in Barcelona die wichtigste Messe für Smartphones und Smartwatches. Ausgerechnet Apple hielt sich dort, wie auch in der Vergangenheit, zurück, ließ Konkurrenten wie Huawei oder LG mit neuen, guten Smartwatch-Modellen den Buzz aufdrehen, um die mediale Aufmerksamkeit gegenüber solchen Themen binnen eines Wochenendes einzusaugen und in einer von Theaterregisseuren inszenierten eigenen Produktvorstellung die eigene Wahrheit in die Welt zu pusten.

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Niemand in Apples Branche versteht es so gut, mit Zeitpunkten, Technik und Menschen zu spielen. Vermutlich könnte man eine Apple Watch bei der Präsentation auch gegen eine beliebige andere Smartwatch tauschen – das Drumherum, die Kathedrale macht uns so benommen, dass alte Inhalte wie neu klingen und jeder Nachteil doch auch seinen Vorteil hat. Respekt, Apple.

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Magenschmerzen-Preise

Obwohl für ein iPhone 6 bereits 700 bis 1.000 Euro fällig werden, ist seine Außenstelle am Handgelenksorbit nur kaum günstiger. Die Apple Watch aus Aluminium startet bei 399 Euro und steigert sich auf bis zu 1.249 Euro für die Apple Watch Sport mit 42-Millimeter-Armband und Edelstahlgehäuse. Und als wäre das nicht genug, wird die Apple Watch Edition für 11.000 Euro bis 18.000 Euro erhältlich sein! Armbanduhren ziehen einfach seit jeher Luxus-Begeisterte an. Wer tatsächlich das Jahresgehalt einer Putzfrau in eine Uhr investieren möchte, sollte aber vielleicht doch noch warten, bis Apple die Watch 2 in den Handel bringt.

Bei solchen Summen könnte die Verbundenheit zum Unternehmen wohl schon ein Erziehungsgrundsatz gewesen sein. Selbstverständlich herrscht dieses Identifikationsgefühl aber nicht bei jedem Besitzer eines Apple-Produkts, so wie auch nicht jeder, der „katholisch“ im Ausweis stehen hat, in die Kirche geht.

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Teure Uhren galten bislang als Wertanlage, als Erbstück. Dass eine Apple Watch solchen Traditionen folgen kann, wird allerdings kaum jemand glauben. Welches moderne Mobilgerät hält schließlich länger als fünf oder sechs Jahre? Man ist in erster Linie froh, wenn das Smartphone oder die Smartwatch mit einer Akkuladung über den Tag kommt. Damit soll die Apple Watch bislang aber ihre Probleme gehabt haben.

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Bei den meisten Nutzern hält die Apple Watch laut Cook 18 Stunden. Von morgens bis abends. Es wurde viel gespottet über die teure Eintagsfliege am Handgelenk, doch hat die kurze Laufzeit auch ihre Vorteile – zumindest für den Hersteller. So reiht sich die Apple Watch schnell in unseren Alltag ein, wird im Stile eines Selbstverständnisses abends beim Zähne putzen auf die Ladestation gelegt und morgens, bei Selbigem, wieder von ihr entfernt. Die kurze Akkulaufzeit zwingt einem dieses Ritual förmlich auf, macht es, sofern man sich daran hält, aber auch leicht, regelmäßig für Energie in der Uhr zu sorgen. So schnell wird die Not zur Tugend.

„Endlich hat mein Handgelenk einen Sinn“

Freilich schwingt in dieser Aussage eine nicht geringe Portion Ironie mit, wenngleich Hersteller von Smartwatches und anderen Wearables schon seit Jahren auf den Apple-Effekt in der Branche warten und hoffen. Christian Stammel, CEO von Wearable Technologies, sprach in einem Interview mit uns bereits letzten Sommer von sehr guten Wachstumsaussichten für Wearables – wenn, ja wenn Apple nur endlich eine Smartwatch baut.

Es ist geschehen, die Welt weiß es schon lange und nun wissen wir auch, wie teuer der Spaß wird und dass vor dem 24. April vorerst keine Smartwatch von Apple über die Ladentheke wandert. Ab dann steht sie für Kunden in Australien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Hong Kong, Japan, Kanada und den USA zum Verkauf. Darüber hinaus offenbarte Apple erneut, welches Potenzial in den Computeruhren steckt und gleichzeitig, dass es wohl erst in den nächsten Jahren ausgeschöpft wird.

 

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Dazu könnte und soll Apple laut Marktprognosen, die ihnen binnen kürzester Zeit einen Marktanteil von 55 Prozent im Bereich Smartwatches versprechen, einen großen Anteil haben. Gerade wegen dieser Zukunftsperspektive und der Verantwortung, die auf Apples Schultern lastet, lässt sich der Rummel um die eine Smartwatch beinahe rechtfertigen.

Trotzdem: Ich selbst trage keine Uhr. Wird die Apple Watch das ändern? Nein. Um mein Handgelenk zu zieren, bedarf es mehr, als einer beinahe sakralen Zeremonie, hübschem Design, der Abhängigkeit von einem iPhone (5, 5c, 5s, 6 oder 6 Plus mit iOS 8.2 oder neuer) sowie Zusatzfunktionen für US-Amerikaner (Apple Pay) und BMW-i3-Fahrer (Sperren, Lokalisierung, Ladezustand). Dass die Apple Watch die Branche der Smartwatches aus ihrem Winterschlaf reißen könnte, liegt vermutlich trotz alledem an genau diesen Umständen und daran, das bislang Verlass auf der Funktionalität und Durchsetzungskraft des Konzerns war. Ob das auch mit Cooks erster eigenen Produktreihe gelingt? Abwarten.

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  1. Habe seit Anfang an iPhone, aktuell das 6 Plus mit 128 GB und war eigentlich immer zufrieden aber die Richtung die Apple einschlägt gefällt mir gar nicht !! Arrogant und hochmütig ist Apple geworden. Jobs würde sich im Gabe umdrehen. Die Menschen die Apple groß gemacht haben bekommen einen schlag vor den Kopf. Mein 6 Plus wird so schnell wie möglich verkauft bevor es nicht´s mehr wert ist. Seit den Update auf 8.2 wieder eine App (Apple Watch) die man nicht Löschen kann mehr auf´s iPhone !! ganz zu schweigen von den ganzen fehlerhaften firmware Updates ” Apple das nervt “

    Das Samsung Galaxy S6 edge ist schon bestellt !!

    Werde sämtlichen freunden und Arbeitskollegen abraten Apple Produkte zu kaufen !!

    1. geht mir genauso – zuletzt erst ein krampf das apple ihr olles 6er umtauscht da es verbogen war. jetzt habe ich ein neues und dafür bekommt es plötzlich red-screens. ich habe keine lust mehr auf diese firma…
      aber was mich wirklich mal interessiert : wer kauft sich diese billige uhr?! die meisten haben doch hochwertige uhren am handgelenk oder den kauf im hinterkopf – wieso soll ich meine glashütte nicht mehr nutzen wollen? kommt mir so vor als wenn der kaugummiautomat vor der tür geknackt wird um mal ein paar tage eine bunte uhr zu tragen.
      wie sagte mal jobs : funktion muss immer vor design stehen…der neue an der macht hat den satz wohl absolut nicht begriffen!

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