Der Mobile-Markt wird Nintendos Schicksal nicht besiegeln [Kommentar]

(Bild: NetMediaEurope)

Nachdem Nintendo vergangenen Monat zeitgleich mit der ersten Ankündigung einer nächsten Konsole mit Codnamen "NX" die Öffnung gegenüber Spielen auf Smartphones und Tablets offiziell machte, war sofort vom Markenverwässerungarmageddon und Untergang des Unternehmens die Rede. Ist das der Anfang vom Ende des 126 Jahre alten Unternehmens? Sicher nicht!

Als Nintendo am 17. März verkündete, man wolle nun nach langem Abstreiten doch eigene Marken auf Smartphones und Tablets bringen, stieg so manchem Videospielfan die Galle hoch. Denn alles, was wahre Zocker mit Mobile-Gaming in Verbindung bringen, ist nicht nur das verhasste Free2Play-Konzept, sondern auch absurd einfache Spielideen für den ungeliebten Casual-Markt. Hier skizzieren sonst verfeindete Konsolenfronten ein gemeinsames Feindbild.

Gerade Nintendo galt bis zuletzt als Feste des “wahren”, klassischen Videospielens – Qualitätstitel ohne versteckte Abzocke-Mechanismen und der nur äußerst sparsame, dafür aber umso preiswertere und reichhaltigere Einsatz von DLC-Paketen. Und nun das: Die Kooperation mit dem Mobile-Spezialisten DeNA soll jene gefürchteten Dämonen entfesseln und die Tilgung von Mario und Links vom Antlitz der Jump’n’Runs und RPGs ins Haus stehen – “Hallo” Mario cuts the Rope und Clash of Hyrule. Ein Horrorszenario, wie es nur Stephen King erzählen könnte.

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(Screenshot: Nintendo)

Denn spätestens seit das japanische Traditionsunternehmen unlängst mit dem kostenlos herunterladbaren Knobelspiel “Pokémon Shuffle” für 3DS ganz vorsichtig einen Fuß auf das dünne Micropayment-Eis gesetzt hat, ist es nicht mehr verwunderlich, dass Nintendo sich dem Mobile-Markt öffnet. Droht ein Ausverkauf von Nintendos größtem Kapital, seinen Charakteren? Bisher betonte Unternehmensführer Satoru Iwata stets, dass Nintendos IPs nur auf hauseigenen Konsolen ein vollkommenes, in sich verzahntes Spielerlebnis bieten würden.

Erweiterung statt Kapitulation

Doch ich bin nicht der Meinung, dass die Öffnung gegenüber dem Mobile-Markt das letzte Herzteil Nintendos aufbraucht, denn wie Iwata in einem Interview mit Time bekannt gab, sehe man sich inzwischen in der Lage, Software für Smart-Devices so zu entwickeln und anzulegen, dass sie nicht den Wert der Nintendo IPs schmälere, sondern eine Möglichkeit für eine Vielzahl von Menschen, die kein Interesse an speziellen Spielekonsolen, aber an Nintendos Charakteren hat, diese kennenzulernen, um diese Personenkreise letzten Endes doch für Spielsysteme zu begeistern. Doch in dem Interview schloss Iwata die Möglichkeit von Free2Play (oder Free2Start, wie er die Terminologie lieber auslegen würde) explizit nicht aus. Entscheidungen wie diese wolle man im Einzelnen mit DeNA diskutieren.

Ganz unabhängig davon ist es zum derzeitigen Zeitpunkt einfach unmöglich, über den Erfolg oder Misserfolg der Entscheidung konkrete Aussagen zu treffen. Eines ist jedoch klar: Um eine Kurzschlussreaktion seitens Nintendo auf die immer noch wirtschaftlich schwächelnde Wii U handelt es sich in keinem Fall. Denn schon vor fünf Jahren verhandelte Big N mit seinem mobilen Partner. Von einer Verramschung der wertvollen Marken auf den Wühltischen der Appstores dieser Erde kann also nicht die Rede sein – geschweige von einem letzten Finger an der Klippe zum finanziellen Abgrund – dafür sitzt das Unternehmen auf viel zu großen Reserven. Dass Nintendo gleichsam eine neue Konsole mit dem Codenamen “NX”  angekündigt hat, belegt nur das Festhalten am bisherigen Kerngeschäft, daran ändert sich auch auch durch die Erschließung neuer Märkte nichts.

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Den Game Boy im Herzen
Laut einer Umfrage auf Deals.com spielen drei Viertel der Männer und Frauen gerne Retro-Spiele. Jeder Zweite wird nostalgisch, wenn er an die alten Game Boy-Spiele denkt und fast drei Viertel der männlichen Spieler hatten schon einmal einen Ohrwurm von der Tetris-Melodie. [Bild: Blog GG8; Quelle: Deals.com]

Ein weiteres wichtiges Argument dürfen wir dabei nicht außer Acht lassen: egal, welche Höhenflüge und schwerere Zeiten Nintendo mit seinen stationären Konsolen durchlebt hat, es war just dieses Unternehmen, welches mit dem Game Boy und all seinen darauf folgenden nicht minder erfolgreichen und marktführenden Handhelds das Spielen “mobil” gemacht hat. Deshalb traue ich den Japanern durchaus zu zu wissen, was sie tun, wenn sie beliebte Marken auf Geräte bringen, die jeder von uns stets bei sich trägt. Vielleicht macht Mobile-Gaming dadurch sogar einen gewissen Qualitätssprung nach vorne – und darauf dürfte sich zumindest jeder freuen.

Auf die Bezahlmodelle und Qualität kommt es an

Die Akzeptanz künftiger Nintendo-Apps wird mit deren Bezahlmodellen stehen und fallen. Es ist kaum davon auszugehen, dass das Unternehmen auf unfaire Pay2Win-Systeme, welche oft mit Free2Play verwechselt werden, setzen wird und Spieler in die Situation bringt, nur voranschreiten zu können, wenn der Knopf des Portemonnaies nicht klemmt. Das riecht auch gar nicht nach Big Ns Stil. Dass F2P nicht von grundauf die Verkörperung des Bösen darstellt, zeigen gelungene Beispiele wie Dota 2, League of Legends, Hearthstone von Blizzard oder World of Tanks. Dort wird ein riesiges Publikum nur zur Kasse gebeten, wenn es dies möchte – keiner fühlt sich genötigt. Warum sollte man dies also nicht auch Nintendo zutrauen? Denn wenn jemand weiß, wie die eigenen Marken gepflegt werden, dann das Traditionsunternehmen aus Kyoto. Player VS. F2P-Karambolagen wie EA sie mit Dungeon Keeper verursacht hat, stehen nämlich nicht an der Tagesordnung.

Abgesehen davon gibt es immer noch das simpelste Bezahlmodell von allen: die Einmalzahlung zum Fixpreis. Denn mit etablierten, ja in ihrer Bekanntheit kaum übertreffbaren Marken in Nintendo-typischer Qualität lässt sich ein vernünftiger App-Preis leichter argumentieren als es für gewöhnlich im Download-Wühltisch voll Flappy Birds, Cut the Ropes, Angry Birds und deren unzähligen Klonen der Fall ist.

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Nun mag man mir zu viel Optimismus unterstellen – und tatsächlich stehen noch einige Fragezeichenblöcke über meinem Kopf: Wie wird sich Nintendo mit den Appstore-Betreibern Google und Apple einigen? Und wie wird sich der Mario-Konzern mit der für ihn noch fremden Welt außerhalb seines eigenen Ökosystems arrangieren? Alles Erkenntnisse, die zu beantworten nur die Zeit vermag. Ein unüberlegter Fehler wäre es jedoch, Nintendo einfach so abzuschreiben. Smartphones werden nicht sein Grabstein sein, viel mehr die Chance, auf einer neuen Bühne aufzutreten.

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