Facebook streut, um zu wachsen [Kommentar]

(Bild: James Martin/CNET)

Das 2004 gegründete, soziale Netzwerk Facebook wuchs binnen weniger Jahre zum Zugpferd einer Kommunikationsrevolution. Getreu dem Motto "Nichts ist beständiger als der Wechsel" hat sich Facebook Jahr für Jahr weiterentwickelt. Die Neuheiten der eigenen Entwicklerkonferenz F8 decken auf, dass sich Facebook künftig noch mehr aus seinem Haus wagt, um überall seine Nester zu bauen.

Für den 25. und 26. März 2015 lud Facebook wieder zu seiner Entwicklerkonferenz nach San Francisco. Die F8 genannte Veranstaltung hatte heuer wieder einiges zu bieten, so wurde nicht nur die eigene Macht demonstriert, sondern auch eine ganze Palette neuer Features und Kooperationen präsentiert.

Von Innen nach Außen

Mit dem kommenden Embedded Video Player können beispielsweise Videos, die in Facebook hochgeladen werden, auch überall sonst eingebunden und wiedergegeben werden.  Das wertet das Facebook-Video im Vergleich zu den Inhalten anderer Videoportale wie YouTube natürlich auf. Es wird demzufolge in mehr Fällen als bislang genügen, das eigene Video in Facebook zu veröffentlichen und trotzdem nicht auf möglichst virale Verbreitung zu verzichten.

Von Außen nach Innen

Eine noch schärfere Exklusivität entdeckt man bei den journalistischen Inhalten, die speziell fürs Soziale Netzwerk produziert werden. Die Gespräche laufen derzeit mit BuzzFeed, National Geographic, der New York Times und einigen mehr. Gut möglich, dass journalistische Inhalte nicht mehr schlicht per Link auf Facebook geteilt und verbreitet werden, sondern nur noch dort existieren. Facebook würde also wahrhaftig zur individuellen Digital-Zeitung.

„Facebook ist wie ein riesiger Hund. Du weißt nie genau, ob er einfach nur spielen oder Dich fressen will – am Ende leckt er Dich womöglich tot.“ David Carr über die Beziehung von Facebook und Journalismus.

Zuckerberg hat mit den Neuerungen dieses Jahr wirklich nicht gespart. Wer zum Beispiel über ein Facebook-Plugin auf einer Website kommentiert, listet diese künftig auch an entsprechender Stelle der Facebook-Page.

Außerdem soll das neue „Share Sheet“ das Teilen aus Apps in Facebook mit einer einheitlichen UX erleichtern und auf die eigenen Funktionen abstimmen. Darüber hinaus ermöglicht Facebook bald auch Videos für Virtual-Reality-Headsets abzuspielen. Ein nachvollziehbarer Schritt, schließlich erwarb man letztes Jahr den Virtual-Reality-Brillen-Hersteller Oculus. Nach Text, Foto und Video ist Virtual oder Augmented Reality in Zuckerbergs Augen die vierte Stufe der Darstellung. Die Immersion der „Spherical Videos“ ist im Übrigen einer der drei großen Pfeiler, auf denen Facebooks 10-Jahres-Plan aufbaut. Daneben setzt man darauf, die Konnektivität auf dem ganzen Planeten zu verbreiten sowie für natürliche Schnittstellen zu sorgen.

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Dass über Facebook, oder einen seiner Schwesterdienste, irgendwann auch eingekauft werden kann, ist für mich nur eine Frage der Zeit. Geld zu transferieren, ist mithilfe des Facebook Messengers übrigens schon möglich.

Subtiler und effektiver

Zuckerbergs Weiterentwicklungen bezeugen die selben Machtausdehnungsbestrebungen wie bisher. Nur sind sie subtiler, effektiver und schlicht intelligenter geworden. Wurde 2013 das eigene Betriebssystem „Home“ vorgestellt, das seine Nutzer zwangsläufig in die große Abhängigkeit beförderte, doch kaum Anklang fand, fährt Zuckerberg heute scheinbar weniger aufdringliche Geschütze auf. Facebook bleibt zwar das dynamische Herz, nebenan züchtet man mit WhatsApp oder Instagram aber mehr und mehr globale Netze, die sich gegenseitig schützen können.

Statt einer überladenen Facebook-App mit Newsfeed, Gruppen und Privatnachrichten, sortierte man schon 2014 letzteres zwangsweise aus. Der dadurch gestärkte Messenger wird mitnichten ein Konkurrenzprodukt zur Stiefschwester WhatsApp. Er ist ein weiteres solides Standbein, dem nun neue Funktionen eingehaucht werden, mit denen Zuckerberg auch dessen Angebote in immer mehr Dienste verwurzelt.

Aus diesem Grund erhält der Facebook Messenger in Bälde seinen eigenen App Store. Entwickler können dann Anwendungen veröffentlichen, mit denen innerhalb des Messengers neue Interaktionen eröffnet werden. Wer innerhalb des Messengers beispielsweise Giphy installiert, kann animierte GIF-Dateien an seine Freunde senden. Über 40 Apps stehen zum Start der Messenger Plattform zur Verfügung, darunter auch JibJab, der Musik-Sharing-Dienst Zya, The Weather Channel oder der US-Sportsender ESPN. Das Installieren wird denkbar einfach gemacht. Kommt beispielsweise eine Nachricht eines Freundes, bei der eine App genutzt wurde, erscheint dabei auch ein „Installieren“-Button.

(Screenshot: NetMediaEurope)

Facebook Analytics for Apps gibt den Entwicklern weiter die Chance, ihre Arbeit genauer zu analysieren und einschätzen zu können. Mit LiveRail wird das Monetarisieren mittels Werbung auch auf mobilen Geräten verbessert und die Entwicklung weitere Anwendungen noch attraktiver.

Neben dem eigentlichen Schauplatz des sozialen Netzwerks kann – mittels Facebook – der Kontakt zwischen Nutzern und Unternehmen vorangetrieben werden. Online-Händler können per Facebook Messenger direkt mit Kunden interagieren, ihnen Bestellbestätigungen, Rechnungen, Versandinfos und weitere Informationen auf eine natürliche, private Art und Weise schicken. Zusammen mit der Bezahlfunktion, reizt diese Möglichkeit einige Unternehmen sicher auch, den Messenger als Werbeplattform zu verwenden. Sollten sich tatsächlich Spammer dort einnisten, würde unser Bild der App aber definitiv stark ins Wanken geraten.

Die Geschichte des größten sozialen Netzwerks:

Facebook All Stats

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Facebook
Am 04. Februar 2004 gründete Mark Zuckerberg, zusammen mit Dustin Moskovitz, Chris Hughes und Eduardo Saverin das soziale Netzwerk, das anfangs auf diverse Universitäten in den USA beschränkt war. Was in Harvard klein begann erreichte nach nur einem Jahr bereits eine Million Mitglieder aus 800 Universitäten. Bild: Shutterstock

Im ständigen Kampf

Jugendliche nutzen schon seit einiger Zeit vermehrt alternative Seiten, auf denen sie nicht ständig mit der Anwesenheit ihrer Eltern und Großeltern konfrontiert werden. Es versteht sich allerdings von selbst, dass Facebook über kurz oder lang Dienste, die die aktuell junge Generation mehr ansprechen, in sein Portfolio integriert. Instagram hat bereits bewiesen, dass dies funktionieren kann, auch wenn es zunächst auf viel Kritik seitens Konkurrenten wie Twitter stieß.

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Zuckerberg sieht sich allerdings weiteren, permanenten Kämpfen gegenüber. Apps wie Line oder WeChat aus Asien sind auf dem Vormarsch und verbreiten sich derzeit scheinbar in Südeuropa wie ein Lauffeuer. Sie vereinen eine ganze Schar an beliebten Diensten, werden dank Zuckerbergs letzter Neuerungen und Verstrickungen in Drittanbieterdienste aber wohl zunächst auf Distanz gehalten. Zwar setzt er mit den neuen Features vermehrt auf Facebooks Macht außerhalb der eigentlichen Facebook-Seite, doch wachsen Zuckerbergs Schützlinge auf lange Sicht dadurch mehr und mehr zum Internet im Internet.

Das mag praktisch sein, doch es verzerrt das freie Netz leider zugunsten eines einzigen Anbieters. Dass es Facebook in Schwellenländern schon jetzt schaffte, einige Menschen glauben zu lassen, man wäre selbst das Internet per se, kommentierte Kollege Lenz bereits vor mehreren Wochen.

(Bild: shutterstock / Gizmodo)

Die Sinnfrage

Gibt es neben dem blinden Verlangen nach Wachstum und Einfluss eine weitere Absicht in Zuckerbergs Bestrebungen? Soll Facebook irgendwann zum Internet im Internet mutieren, sodass die Mehrheit nicht mehr anonym durch vielschichtige Dimensionen wandeln, sondern als klar erkennbare Person in einem digitalen Raum spazieren und abhängig von dem sind, was Facebooks Algorithmen einem vorkauen? Um die Menschen in einem eigentlich offenen Netz zu erreichen, müssten Händler, Medien und andere Diensteanbieter also auf Facebook zukommen, um auch ihre Inhalte ähnlich präsent zu machen?

Auch wenn die meisten der vorgestellten Neuerungen Facebooks Dienste nach Außen tragen, bindet es seine Nutzer doch auch stets an das soziale Netzwerk und seine Paralleldienste selbst. Dass eine solche Abhängigkeit bereits jetzt besteht, bewies nicht zuletzt das Festhalten der großen Mehrheit am viel kritisierten Messenger WhatsApp, den Facebook Anfang 2014 für rund 19 Milliarden US-Dollar geschluckt hat. Die einzelnen Apps werden nun auch miteinander verzahnt, wie die aktuelle WhatsApp-Integration in Facebook selbst beweist. (mehr Infos dazu hier)

Dass der Trend weiter in diese Richtung gehen wird, steht für mich außer Frage. Schließlich hat Zuckerberg verstanden, dass er sein soziales Netzwerk nicht zu aufdringlich als Mittelpunkt der digitalen Interaktion platzieren darf. Der Facebook-Mitgründer verwebt nun seine Dienste weiter mit den Angeboten zusätzlicher Dienstleister und erhält dadurch neben gestärktem Einfluss auch die Möglichkeit, immer komplexere Daten zu seinen Nutzern zu sammeln. Darüber hinaus baut man auch an seiner eigenen künstlichen Intelligenz sowie seinem eigenen Anzeigennetzwerk, das dem von Google mächtig Konkurrenz machen wird.

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Den Spekulationen um Facebooks Zukunft sind darauf aufbauend kaum Grenzen gesetzt, beruhen sie doch weitestgehend auf Phantasie. Nur ein Szenario von vielen, gleichzeitig ein gefährliches, doch wirklich interessantes, wäre beispielsweise die Integration des Personalausweises ins Facebook-Konto sowie die Virtualisierung ganzer Behörden-Gänge. Die Einfachheit ist wahrlich verlockend und trotzdem: Monopolbestrebungen sorgen bei mir leider immer für ein sehr mulmiges Gefühl.

Der Name Facebook steht vermutlich nicht mehr lange für das Soziale Netzwerk an sich, sondern für ein breites Angebot an Apps wie Facebook, Messenger, Instagram, WhatsApp und vielen mehr. Es streut in alle Richtungen, um unaufhörlich zu wachsen.

Tags :Quellen:Bild: James Martin/CNET WeAreSocial Facebook TLGG TechRepublic T3N

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