Test: Muse – Dieses Stirnband liest deine Gedanken

interaxon-muse-ranked

Muse von Interaxon will spielerisch das Gehirn analysieren und trainieren. Es weiß, wann der Träger konzentriert ist oder seine Gedanken abschweifen lässt. Damit soll sich mit nur drei Minuten pro Tag die mentale Fitness deutlich erhöhen. Aber lohnt es sich für Muse über 300 Euro auszugeben? Wir haben uns das kleine EEG im Test genauer angeschaut.

Interaxon Muse

Bild 1 von 20

02 (Screenshot: Gizmodo)

Wie sich Neurofeedback und kognitives Bewusstseinstrainig für unterwegs in der Praxis macht, haben wir uns dank der freundlichen Unterstützung von MindTec, einmal ansehen können. Durch sie wurde uns das aktuell wohl interessanteste wireless EEG Gadget, das InteraXon Muse zur Verfügung gestellt.

Die Hardware

Das InteraXon Muse erinnert an einen Haarreif. Er wird auf der Stirn getragen und hinter den Ohren mit Bügeln fixiert. Dort verbergen sich zugleich Akku und Micro-USB-Anschlüsse. So lässt sich das Gerät in etwa aufsetzen wie eine Brille. Der Ring um den Stirnbereich trägt nach innen gewandt fünf Sensoren, welche direkt auf der Haut aufliegen. Die Bügel hinter den Ohren bestehen aus leitfähigem Silikon, und beinhalten ebenfalls jeweils einen Sensor.

(Screenshot: Gizmodo)

Das macht in Summe zwar sieben Sensoren, es werden aber die vorderen zentralen drei benötigt um die Baseline abzugreifen. Diese wird verwendet um von den übrigen vier Sensoren die vier Ableitungen der Hirnaktivität zu bilden, woraus letztlich der Gesamtstatus des Gehirns errechnet wird.

Nun wird auch schon deutlich, dass es sich hierbei nicht um ein State Of The Art-EEG der modernen Medizintechnik handeln kann, da dafür die Anzahl der Ableitungen zu gering ist. Dennoch eignet sich das Muse dazu reproduzierbare tägliche Trainings durchzuführen, ohne gleich eine ganze Badehaube voller Sensoren und Kabel aufsetzen zu müssen.

(Bild: Gizmodo)

Was ist Neurofeedback?

Basierend auf dem Prinzip der Elektroenzephalografie (EEG) aus der medizinischen Diagnostik werden Hirnströme an der Hautoberfläche des Kopfes gemessen und interpretiert. Das Neurofeedback versucht über eine Sinnesrückkoplung, wie zum Beispiel einen proportional variierenden Ton die Aufmerksamkeit für die Momente zu schärfen in denen die Gedanken abschweifen. Dadurch soll man mehr Kontrolle über sein geistiges Befinden und den Abbau von Stress erlangen.

Die Trainingsapp “Calm”

Die einzige App, welche in den Appstores von Android und iOS erhältlich ist, ist die kostenlose Brain Training Software namens Calm. Sie ist sozusagen im Lieferumfang mit dem Device enthalten. Sie ist übersichtlich und erklärt die Handhabung des Muse.

Leider wird die Menü-Musik schnell aufdringlich und die weibliche Stimme, welche jeden einzelnen Knopf zu erklären versucht ist zunächst noch nützlich, später allerdings bremsend. Aus diesen Gründen lässt sich beides in den Einstellungen abschalten. Nach einer kurzen Einmessungsphase der Sensoren, geht es auch schon los.

(Screenshot: Gizmodo)

Prinzipiell besteht jede Trainingssession aus einer Kallibrierungsphase und einer Vergleichsphase. In der Kallibrierungsphase soll man ein Brainstorming durchführen. Hierzu nennt einem die sympathische Stimme drei Begriffe, denen man über aktives Denken so viele Begriffe zuordnen soll, wie einem dazu nur einfallen. Nach diesen ersten 30 Sekunden Hirnjogging hat das Muse somit das Signalabbild des voll ausgesteuerten Gehirns. Dieses Abbild repräsentiert den Zustand größtmöglicher Unfokussiertheit. Nun folgt die Vergleichsphase.

Es startet das Neurofeedbacktraining. Drei Minuten soll man nun seine Atemperioden zählen. Aber nur bis Zehn. Danach bitte wieder bei Eins beginnen. Dies fokussiert einen schonmal an sich. Doch hinzu kommt das Neurofeedback, welches im Wesentlichen daraus besteht, dass je nach dem wie die nun gemessenen Signale im Vergleich zur Kallibrierungsmessung stehen, eine akustische Szene beeinflusst wird. Diese Szene ist eine akustische Abbildung eines Strands.

(Bild: Gizmodo)

Es plätschert Wasser, Wind weht mal mehr mal weniger, Schilfrohr raschelt und ab und zu, wenn es mal richtig ruhig und fokussiert in unseren Gedanken ist, landet bei absoluter Windstille auch hin und wieder mal ein Vögelchen. Doch wehe dem, der die Gedanken schweifen lässt und keine Kontrolle über sie besitzt. Dies wird dem User gleich mit einem aufkommenden Sturm angezeigt. So landet selbstverständlich kein Vögelchen mehr.

Diese Art Gamification soll dem Nutzer also einen Ansporn geben im Geiste zu ruhen und die Gedanken zu fokussieren. Denn nach der dreiminütigen Strandszene ist die Trainingseinheit auch schon vorbei und es wird die grafische Zusammenfassung gezeigt. Wie lange war man aktiv, ruhig und fokussiert und wieviele Vögelchen sind gelandet? Das alles lässt sich nun in verschiedenen Auswertungen betrachten.

(Screenshot: Gizmodo)

Funktioniert das?

Das soll es, glaubt man Interaxon. Nach mehrmaligem Gebrauch wird es aber tatsächlich spürbar. Da man intuitiv anfängt Gedanken zu verändern, wenn einem der Sturm nach zwei Minuten immer noch um die Ohren bläst. So findet man zwangsläufig irgendwann den richtigen Dreh heraus.

Fragwürdig ist lediglich, ob die beruhigte Strandszene tatsächlich den Zustand eines beruhigten und fokussierten Gehirns wiederspiegelt. Ob dafür wirklich vier Ableitungen des mobilen EEG Muse ausreichen bleibt anzuzweifeln. Dennoch eint nach jeder Session fast jeden Probanden aus unserer nicht repräsentativen Versuchsreihe ein Gefühl der Entspannung.

(Screenshot: Gizmodo)

Fazit

Die App überzeugt durch ihren simpel gehaltenen Aufbau und die Hinweise zum richtigen Zeitpunkt während der Einmessungsphase. Allerdings hat das Gadget einen entscheidenden Nachteil: Nicht an jeden Kopf lassen sich die Sensoren so anbringen, dass eine einwandfreie Abnahme der Signale ermöglicht wird.

Bei der Testreihe sind manche Probanden bereits bei der Einmessung gescheitert und das obwohl das Headband ähnlich wie bei einem Kopfhörer auf unterschiedliche Größen einstellbar ist. Sowohl Kopfform und Frisur als auch die Hautoberflächenbeschaffenheit beeinträchtigen die Signalübertragung enorm. Ebenso sind Augenbewegungen und Muskelkontraktionen jedweder Gesichtsmuskeln ein entscheidender Störfaktor. Interaxon hat hier noch einige Optimierungsansätze.

(Bild: Gizmodo)

Wenn allerdings alle Signale einwandfrei abgegriffen werden können, funktioniert das Muse sehr zuverlässig. Das Gadget überzeugt vor allem durch seinen Tragekomfort und sein Design gegenüber anderen wireless EEG. Mit 320 Euro gehört es zwar zu den hochpreisigen, aber dafür auch wertigeren Systemen.

Was in naher Zukunft sehr interessant wird, sind weitere Apps. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass das SDK  frei zum Download angeboten wird. Allzu gerne würde man seine Umwelt mit Hilfe seiner Gedanken steuern können. Wie wäre es damit das Licht daheim beeinflussen zu können? Oder Musik rein mit den Gedanken zu spielen?

rank_big_35_300dpi

 

Wie man solche oder noch futuristischere Anwendungen mit Hilfe eines Neurofeedback Gadgets wie das Interaxon Muse realisieren könnte, und ob das mit diesem Device überhaupt möglich ist, daran kann sich dann jeder Tüftler und App Entwickler selber setzen und seinem Pioniergeist freien Lauf lassen. Wir können uns in jedem Fall vorstellen, so etwas an einem speziellen Beispiel auszuprobieren. Davon werdet Ihr hier sicherlich bald mehr erfahren.

Spannend ist und wird es in jedem Fall auf dem Gebiet der Brain-Computer-Interface- (BCI) und EEG Gadgets. Derweil können wir uns schon mal aktiv entspannen und per Neurofeedback in Achtsamkeit üben – Eins, zwei, drei, vier,…

plusSehr schönes Design (schwarz oder weiß)

plus

Hohe Wertigkeit

plus

Hoher Tragekompfort

pluslange Akkulaufzeit

plus

Zukunftsweisendes wireless EEG

minus

Hoher Preis

minusBis jetzt nur eine Anwendung erhältlich

minusSporadische Sensorkontaktprobleme

minusNur in Ruheposition zuverlässig verwendbar

 

Tags :

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Advertising