Sony-Hack: WikiLeaks pfeift auf Privatsphäre [Kommentar]

(Screenshot: NetMediaEurope)

Man kann der Enthüllungsplattform WikiLeaks wirklich dankbar sein. Sie hat politische Machenschaften ans Licht gebracht, die die Öffentlichkeit tatsächlich etwas angehen. Nun veröffentlichte WikiLeaks etwa 200.000 E-Mails und Dokumente des Unternehmens Sony, welches vergangenes Jahr einem Hacker-Angriff zum Opfer fiel. Die Privatsphäre der Sony-Mitarbeiter bleibt dabei aber leider auf der Strecke.

Ende letzten Jahres griffen Hacker das in Kalifornien sesshafte Unternehmen Sony Pictures im Zusammenhang mit der Nordkorea-Satire „The Interview“ an. Der Konzern entschied daraufhin, den für 40 Millionen Dollar produzierten Film nicht zu veröffentlichen und sah sich zusätzlich den Klagen zahlreicher ehemaliger Angestellter und aktiver Mitarbeiter gegenüber, deren sensible Daten sowie Mails von Sony nicht ausreichend geschützt wurden.

Am 16. April 2015 startete die Enthüllungsplattform WikiLeaks die sogenannten Sony Archives (siehe Titelbild). Mittels Suchfunktionen und Ordnernavigation lassen sich dort 173.132 E-Mails und 30.287 Dokumente von Sony Pictures Entertainment durchforsten, auch wenn das eigentliche Motto lautet, Regierungen zu „öffnen“. Im Gegensatz zu Politikern, denen es aufgrund ihrer Tätigkeit nun einmal innewohnt, sich der Öffentlichkeit zu stellen, wurden nun eben auch Unternehmensangestellte an den Pranger gestellt, die damit aus ihrem eigentlichen beruflichen Kontext gerissen werden.

Privatsphäre hört in der Arbeit nicht auf

Als Ende März ein deutscher Co-Pilot ein Germangwings-Flugzeug mit 149 weiteren Insassen abstürzen ließ, zeigten sich amerikanische Zeitungen erstaunt, wie sehr einige deutsche Medienhäuser um die Privatsphäre der Insassen und des Verantwortlichen besorgt waren. Der aktuelle Diskurs über Privatsphäre ist hierzulande spätestens 2013 an der us-amerikanischen NSA und dem britischen GCHQ entflammt, auch wenn diese Diskussion vielen bereits wie ein Klotz am Bein erscheint.

Die neuesten WikiLeaks-Publikationen reihen sich dank ihrer gnadenlosen Transparenz leider in diese unrühmliche Serie öffentlich ausgetragener Privatsphäre-Konflikte. Mitarbeiter-Mails, zahlreiche Flug-Tickets und nicht selten belanglose Materialien veröffentlichen eben nicht nur Beziehungen zwischen mehreren Konzernen und gelegentlich auch Regierungen. Sie dokumentieren in erster Linie den Alltag vieler Sony-Angestellter, der zwar kaum interessant aber dennoch für jedermann öffentlich zugänglich ist. Das kann und wird nicht jedem gefallen.

Die wenigsten Inhalte der geleakten Dokumente sind für die Allgemeinheit relevant. Das ist wenig überraschend, sondern vielmehr das übliche Resultat journalistischer Recherche. Dass WikiLeaks nicht nur jenes veröffentlichen möchte, was ihren subjektiven Filter durchlaufen hatte, sondern alles, was in die Hände fiel, ungeschwärzt der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt, ist dennoch nicht ehrenhaft. Es kompromittiert Menschen, wie die ehemalige Universitätsangestellte, die einem Sony-Autor nach dessen Besuch eine lange, liebevolle Dankesnachricht schickt, aber nur eine schmale, vermutlich binnen Sekunden abgetippte, wenngleich mit einer Einladung an sie und ihre Schüler versehene, Antwort erhält. Das ist nicht nur geschäftlich. Es ist auch privat.

Innen glänzen die wenigsten

Wer sich Präsentationen, Mailverkehr und andere Internas eines global agierenden Unternehmens durchliest, wird danach wohl kaum gesteigerte Sympathie für das entsprechende Unternehmen empfinden. Da ist es, so vermute ich, egal, bei welchem Großkonzern man unter die Haube blickt.

So auch bei Sony. Bislang brachte WikiLeaks im Zusammenhang mit den Sony-Dokumenten unter anderem ans Tageslicht, dass der Sony Pictures-Entertainment-Vorstand bei einem Abendessen mit Barack Obama eine Vorab-DVD des Kriegsfilms Fury angeboten hat. Der Vorstandschef sitzt außerdem im Kontrollausschuss der RAND Corporation, einer sogenannten Denkfabrik, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet wurde, um die Streitkräfte der USA zu beraten. E-Mails dokumentieren dazu beispielsweise Tennis-Verabredungen des Vorstandschefs und wie er gebeten wird, Hollywoodstars zu RAND-Veranstaltungen einzuladen.

Lies auch: Passwörter, Captcha und Fingerabdrücke – alles ist zu knacken

Als „newsworthy“ bezeichnet Julian Assange, der seinerseits gerade einer Vernehmung in der ecuadorianischen Botschaft in London gegenüber der schwedischen Staatsanwaltschaft zugestimmt hat, die Interna von Sony Pictures Entertainment. Demgegenüber stehen unter anderem Handynummern von Staatssekretären und Botschaftsmitarbeitern, die WikiLeaks ebenso veröffentlichte wie eine von Sony gespeicherte Broschüre des Cloud-Sicherheitssystem Integrity, welches sensible Informationen großer Firmen schützen soll und diesbezüglich von der NSA evaluiert wurde. Das hätte man sich in Anbetracht des verheerenden Hackerangriffes wohl gerne geleistet.

Darüber hinaus lässt sich darauf schließen, dass Sony die Rechte für einen Super Smash Bros.-Film ergattern möchte und bezüglich eines schärferen Vorgehens gegenüber Urheberrechtsverletzern, Netzsperren und stärkeren Geofiltern viel Lobby-Arbeit leistet. Unter anderem rief ein Sony Pictures Entertainment-Manager intern dazu auf, für den Wahlkampf eines Politikers zu spenden, der gegen die illegale Verbreitung urheberrechtlich geschützter Filme eintritt. Mehrere Einzelspenden sollten dabei die Höchstgrenze von 5.000 Dollar umgehen, an welche sich Unternehmen in den USA halten müssen.

Dass sich Sony Pictures Entertainment gegen Urheberrechtsverletzungen einsetzt, leuchtet ein. Umso pikanter und amüsanter ist hingegen was Jeffrey Carr, Autor diverser Bücher über Hacking, im Sony-Archive entdeckte. Man ahnt es bereits, Sony besaß laut Carr eine Raubkopie eines seiner Hacking-Bücher. Ironie des Schicksals – schließlich konnte Sony dem Hackerangriff trotzdem nicht vorbeugen. Carr hingegen sieht eine Raubkopie seines Werks nun frei zugänglich auf WikiLeaks.

Im Laufe der kommenden Wochen und Monate werden die veröffentlichen Daten sehr wahrscheinlich noch eine ganze Menge mehr zum Vorschein bringen, vielleicht ja sogar tatsächliche Knüller, die von politischer Bedeutung sind. Die Mehrheit der Dokumente fällt jedoch ganz bestimmt nicht darunter.

Nichtsdestotrotz…

…dürfen vergangene WikiLeaks-Errungenschaften nicht geschmälert werden, weshalb ich hiermit auch noch kurz an die Veröffentlichungen aus geheimen Verhandlungen über das Transpazifische Handelsabkommen TPP sowie Firmenunterlagen, welche den Verkauf von Überwachungstechnik an unterdrückerische Regime belegen, erinnern möchte. Dankeschön hierfür und für die vielen weiteren Einblicke, auch ins deutsche Politikgeschäft.

Dass hinter den Fassaden multinationaler Großkonzerne, ebenso bei verschiedensten Regierungen, auch krumme Dinger vonstatten gehen, ist zweifelsohne zu bekämpfen. Dabei auch unschuldige Personen vor den Wagen zu spannen und die Privatsphäre von Menschen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, mit Füßen zu treten, darf hierbei aber kein probates Mittel werden. Denn wer will schon das absolute Glashaus?

Tags :Quellen:(Screenshot: NetMediaEurope)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Advertising