Do Not Track – die interaktive Webdoku im Selbstversuch

(Screenshot: NetMediaEurope)

Arte, BR und ONF produzieren gemeinsam die interaktive Webdoku "Do Not Track". Das ambitionierte Projekt folgt dem Ruf nach einem Fernsehen, das sich endlich ans Internet anpassen soll und bearbeitet eine der undurchschaubaren Tücken des Internets - dem intensiven Nutzer-Tracking. Holt diese Art von Fernsehen uns nun aus der Frontalunterweisung respektive Zuschauerpassivität? Ich unternahm den Selbstversuch und ließ mich von den Fernsehmachern verfolgen.

Do Not Track. Klingt zunächst paradox, da es dem Leser beziehungsweise Zuschauer offenkundig verbietet, zu folgen. Aber genau das macht neugierig. Was steckt in dem vielversprechenden Projekt, an dem die Beteiligten zwei Jahre lang gearbeitet haben?

Die Antwort findet sich online, unter donottrack-doc.com/de. Drei der auf sieben Episoden angelegten ersten Staffel sind bereits verfügbar, allerdings soll ja jeder seine eigene Version der Serie erleben. Also trug ich meine E-Mail-Adresse in ein Fenster ein, um Do Not Track zu personalisieren. Eine attraktive Frau zwinkerte mir dabei in einem Infinity-GIF furchteinflößend zu. Es wurde ernst…

Über den Link in einer Mail wurde ich nun in eine Mediathek geleitet und fand dort die verfügbaren Episoden, optisch hübsch aufbereitet und mit passendem Zusatzmaterial wie ähnlicher TV-Beiträge oder online verfügbarer Zeitungsartikel umgeben, vor.

Episode 01 – Morgenrituale

Die Episode, die mich nun gleich gegenüber mir selbst entblößen soll, liegt klickbereit vor mir. Am rechten Bildschirmrand fährt eine Schrift nach oben und verrät mir meinen Namen, welchen Browser ich verwende, seit wann ich auf dieser Seite bin, wo ich mich befinde und welchen DSL-Anbieter ich nutze. Fast alles richtig, nur der Wohnort lag 230 Kilometer daneben, allerdings lebte ich bis vor einem halben Jahr tatsächlich in München. Irgendwo waren vermutlich noch irgendwelche Informationsschnipsel gelagert, wie auch immer, es ging (nach etwa 30 Sekunden Ladezeit) los.

Richard Gutjahr führt, umgarnt von schnellen Schnittfolgen und schlecht aufgelösten GIFs – wie man sie eben aus dem Internet kennt – in seine Online-Sucht und das selbstverständliche Preisgeben zahlreicher persönlicher Informationen ein. Klingt langweilig? Ist aber inhaltlich und technisch sehr gut und zielgerichtet gemacht, sieht man von der unüberhörbar schlechteren Audioqualität ab, als Gutjahr nun eine auf mich bezogene Information spricht. Er weiß, dass es Nachmittag ist und schönes Wetter hat. (Eigentlich nicht die Zeit, vor dem Bildschirm zu sitzen, ich weiß).

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(Eines der 12 besten GIFs für 2015. Du willst die anderen sehen? Hier entlang!)

Mittels Schrift wird eingeblendet, dass ich in München sitze und welche Außentemperatur es dort gerade hat. Es beruhigt mich, dass mich das Internet noch nicht vollständig kennt, ich fühle mich sogar ein wenig sicher, hier in Franken.

Nun stoppt die Episode, im Bild wird eine etwa dreisekündige Endlosschleife passend zur letzten Szene abgespielt und das aufwühlende Klopfen der Musik lässt mir kaum eine andere Chance, als endlich die eingeblendete Frage zu beantworten.

„Wo holen Sie sich Ihre Nachrichten?“

Ich verrate es Gutjahr und er verrät mir nun im Gegenzug – es wird die aktuelle Website, die ich soeben angab, im Hintergrund eingeblendet – wer dort alles die Nutzer trackt. In diesem Fall (Gizmodo.de) erstaunlich wenig, genau drei an der Zahl. Einer davon ist Google. Zum Vergleich: Auf den Online-Publikationen von Bild, Zeit, Spiegel oder Süddeutscher Zeitung tummeln sich jeweils 30 bis 60 verschiedene Cookies. Warum es diese Cookies überhaupt gibt, nämlich um das Nutzerverhalten zu ermitteln und mehr über sie herauszufinden, wird nun in Do Not Track selbstverständlich auch erklärt.

Die nächste Frage erscheint und mit ihr die Nackenhaare-aufstellende Hintergrundmusik.

„Wo holen Sie sich Ihre Unterhaltung?“

Ganz schön neugierig, dieser Gutjahr. Ich hole zum Gegenstoß aus und tippe http://www.donottrack-doc.com ins Feld. Das Ergebnis: Zwei Cookies, einer davon bildet die Verbindung zur vorherigen Website. Es ist, wen wundert´s, Google.

Experten, unter anderem vom Guardian, erklären uns nun unter anderem, worin dabei eine Gefahr steckt, ehe die Milliardenbeträge eingeblendet werden, die Google, Twitter, Facebook und die komplette Werbewirtschaft des Internets jährlich umsetzen. So viel sei verraten: Es ist eine ganze Menge.

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Gutjahr schließt mit der Begründung für die Webserie: „Let´s track the trackers together.“ Ich bin dabei und ziehe mir nach der relativ kurzen ersten Episode (etwa sechs Minuten) sofort Nummer zwei rein, genannt „Breaking Ad“. Zumindest gleich, zunächst blendet Do Not Track auf der rechten Seite nämlich eine ganze Palette themenspezifischer Reiter ein.

Einer, er trägt den Namen „Können wir Überwachung im Internet verhindern?“, ist geöffnet und listet Browser-Erweiterungen auf, die beispielsweise Cookies und Ähnliches entlarven. Do Not Track will also mehr sein, als nur ein paar Episoden und umfasst darum auch ein großes Nebenangebot – weiterführend und vielschichtig, das sollte Motto einer jeden Webdoku sein.

Episode 02 – Breaking Ad

Die zweite Folge wartet auf mich. Breaking Ad will klar machen, dass es auch anders hätte geschehen können und das Tracking zu Werbezwecken nicht diesen – vermeintlich bösen – Weg hätte nehmen müssen. Welchen dann?

Konkrete Antworten möchte ich nun nicht vorwegnehmen. Breaking Ad besteht größtenteils aus Interviews, in denen beispielsweise die Erfindung der Pop-Up-Werbung erzählt wird. Der Wandel des Internets vom anonymen Hinterhof zum weltumspannenden Glashaus wird skizziert und wahrlich spannend sowie unterhaltend dargeboten. Einzig und allein die konfuse Musik stört hier und da, weil sie aufgrund ihrer Lautheit die Sprachverständlichkeit einer investigativen Journalistin beeinträchtigt. Warum nicht etwas leiser? Hier hatten die Produzenten wohl Angst, Langeweile beim von Katzenvideos und Buzzfeed-Schlagzeilen verwöhnten Rezipienten hervorzurufen.

Die kam in meinem Fall aber mitnichten auf, obwohl Richard Gutjahr in Breaking Ad nicht mehr durch die Doku führte. Dafür war wohl einfach keine Zeit, doch das stört kaum. Die Macher von Do Not Track wissen, dass die Inhalte online schnell konsumiert werden wollen. Dass eine Episode im Schnitt nur sieben Minuten dauert ist daher einfach folgerichtig.

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(Bild: Flickr.com)

Gegen Ende wartete die Folge auch wieder mit einer Frage an mich auf. Diesmal wollte man, ohne musikalische Untermalung, wissen wie viel ich für Facebook und Google zu zahlen bereit wäre, wenn dafür keine Werbung angezeigt und Tracking entsprechend wertlos würde. Das dazugehörige Intervall wurde von 0 bis 100 Dollar gespannt.

Ob sich das Geschäft für Facebook oder Google rentieren würde? Die in Do Not Track folgende Auflösung offenbart auch, wie viel die beiden Konzerne tatsächlich mit unseren Daten einnehmen. Übrigens, Do Not Track listet unter dem sichtbaren Link „Ihre Daten“ sämtliche Informationen auf, die es zu mir gespeichert hat. (Das würde sich Max Schrems auch von Facebook wünschen.) Dass diese Daten drei Jahre lang gesichert werden, liegt daran, dass Do Not Track über den gleichen Zeitraum online auffindbar bleibt.

Folge 2 ist nun aber vorbei. Der Info-Reiter, der nach Breaking Ad erscheint, gibt mir Hilfestellungen zum Blockieren von Cookies. Merci! Und gleich weiter zur nächsten Folge:

Episode 03 – Ich like, also bin ich

Als René Descartes im 17. Jahrhundert sein Cogito-Argument „Ich denke, also bin ich“ formulierte, waren die Folgen desselben kaum absehbar und so manche Philosophen echauffierten sich noch Jahrhunderte später über diese Hinwendung zum Subjekt. Auch über die Folgen unserer harmlosen Facebook-Nutzung waren sich vor allem anfangs nur wenige im Klaren. Ob auch hier noch Jahrhunderte später darüber gestritten wird?

In der dritten Episode von Do Not Track ist es erneut Gutjahr, der aus seinem digitalen Alltag erzählt. Er führt uns zur Firma Illuminus, die aus der Vernetzung und den persönlichen Daten gewinnbringende Erkenntnisse für den Einzelnen ziehen möchte. Nun wird es ernst, Do Not Track fragt, ob ich mich in mein Facebook-Konto einloggen möchte. Zwar kann ich auch anonym bleiben, doch will ich selbstverständlich herausfinden, was die Webdoku mit meinem Profil anstellt.

Sag mir wer ich bin

Schon die Musik ist verheißungsvoll. „Illuminus – Zukünftige und gegenwärtige Risikoprognose“ prangert am oberen Bildschirmrand und darunter beginnt ein Persönlichkeitstest. Mein Profilbild ist zu sehen, außerdem Name, Alter und Geschlecht. Mehr Informationen ließen sich höchstens aus dem Kontext meines Profils schließen, da überraschte es umso mehr, dass die Auswertung meiner Likes in Charakterzüge überführt wurde. Mithilfe der Apply Magic Sauce API seien psycho- und demografische Prognosen gemacht worden. Der dazugehörige Algorithmus soll am Psychometrics Centre der University of Cambridge entwickelt worden sein. Du meine Güte!

Offenheit sei die Kategorie, in der mich meine Likes am meisten brachten. Kreativ, erfinderisch und wagemutig müsse ich sein. Die zweite der drei Folien verdeutlicht mit einem Kuchendiagramm in welche Sparten, beispielsweise Musiker, Fernsehsender oder Sportmannschaften, ich meine Likes setzte. Zum Schluss wird das Fünf-Faktoren-Modell skizziert, nachdem ich neben Offenheit vor allem bezüglich Verträglichkeit punkten konnte. Dies steht für Hilfsbereitschaft, Warmherzigkeit und Empathie. Die drei anderen Faktoren sind Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus sowie Extraversion.

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(Bild: James Martin/CNET)

Sicher gibt es mehr, das einen Charakter ausmacht und sicher kann ein Facebook-Profil nicht über alles Auskunft geben, schließlich zeichnet es eine verzerrte Realität, in der nur positive Ausdrücke in messbare Likes überführt werden. Die Tendenz der Datenanalyse schien mir trotz der verhältnismäßig geringen Anzahl von etwa 40 Likes, die mein Profil speichert, zutreffend zu sein. Das berührt, das trifft, reißt es einem doch den Schutzpanzer vom Leibe, wenn die eigene Persönlichkeit für völlig Fremde so genau zu erkennen ist.

Und wie Michal Kosinski von der Stanford University kurze Zeit später anführt, lässt sich noch viel mehr aus den Facebook-Informationen lesen. Politische oder sexuelle Orientierung zum Beispiel, den IQ, ob eine Person Drogen nimmt oder glücklich ist. Bei Frauen sei sogar erkennbar, ob sie schwanger sind. „Wir sind selbst erstaunt, was wir alles aus ihren Facebook-Likes lesen können“, sagt Kosinski und fügt wenig späterbezüglich der Genauigkeit der Computer an, dass das Persönlichkeitsprofil, das ein Rechner aus 250 Likes erstellt, eine Person „besser beschreibt, als deren Ehepartner.“

„Extrem riskant“

Erschreckend, liest man doch rund eine Minute später eine weitere Einschätzung seiner selbst, erneut mittels der Expertise von Illuminus. In diesem Fall geht es um Risikobereitschaft, die für Versicherungen und Banken sehr interessant wäre. Dort würde ich angeblich als mittelmäßiger Kreditnehmer gelten. Zwar seien meine Facebook-Daten „scheinbar langweilig“, doch erhöhen andere Faktoren meine Risikobereitschaft. Nämlich mein Geschlecht sowie mein junges Alter. Ein junger Mann neigt also zu schlechten Entscheidungen? Danke sehr.

Meinen Facebook-Daten zufolge würde ich extrem häufig riskante berufliche sowie soziale Entscheidungen und beträchtlich häufig riskante finanzielle Entscheidungen treffen. Nein. Leider stellte sich bei mir dieses Mal keineswegs die Beruhigung von vorhin ein, die Beruhigung, dass nicht alle „Wahrheit“ über mich transparent einsehbar ist. Vielmehr verärgerten die gezogenen Schlüsse, die aus wenigen intimen Angaben gezogen wurden. Offensichtlich war die Anzahl meiner Likes noch zu gering, um meinen Charakter umfänglich zu bestimmen, doch wen interessiert das, wenn der erste Eindruck schon mal ein „extrem riskanter“ ist?

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(Eines der 12 besten GIFs für 2015. Du willst die anderen sehen? Hier entlang!)

Zum Glück hielt Do Not Track doch noch eine kleine Erleichterung parat und schwächte meine Aufruhr etwas ab. Tatsächlich existieren aber bereits weitere Möglichkeiten die Vertrauenswürdigkeiten von Personen zu ermitteln, beispielsweise um einen Bankenkredit zu erhalten. Dem Experten zufolge wird sich das aber nur positiv auswirken, um zum Beispiel denen einen Kredit zu gewähren, die ansonsten kein Geld erhalten hätten.

Das gleiche Spiel mit Grafiken zur Risikobereitschaft zieht Do Not Track weiter durch, diesmal bezüglich meiner Gesundheit. Auch hier sieht es schlecht aus – hohes Risiko in jeder Beziehung, zumindest laut Facebook (So ein Blödsinn). Was passieren kann, wenn Versicherungen einen Blick auf die Facebook-Profile ihrer Kunden werfen, bleibt in Episode 3 ebenfalls nicht außen vor. Was soll man da noch tun? Wie so oft ist die Politik in der Pflicht, deren angeblich vernachlässigbare Bemühungen zum Schluss der Folge erwähnt werden. Gutjahr beendet „Ich like, also bin ich“ mit einem Ausblick auf Episode 4. Dann wird das Tracking von Mobiltelefonen die zentrale Rolle spielen, ich freu mich.

Fazit nach 3/7 Episoden

Die beklemmende Musik sowie die berechtigt schnellen Schnitte von kurzen YouTube-Auszügen und bekannten GIFs lassen einem keine andere Wahl: Man fürchtet sich, während man seine eigenen Interessen in Do Not Track eingibt. Dass das alles aber kein Spiel ist, wird gleichzeitig offensichtlich. Genau diese Angaben machen wir schließlich tagtäglich, nur nicht bewusst und ohne diese schreckliche Horrormusik. Hinter den Stricken des angenehmen Online-Alltags sammeln also hunderte, tausende Agenturen die Brotkrümel, die wir, ohne es zu merken, mit jedem Klick ausstreuen. Und das hat Folgen für uns alle.

Zwar mag die Serie aufgrund ihrer hektisch bunten und musikalisch außergewöhnlichen Stilistik dem ein oder anderen zu suggestiv erscheinen. Doch irgendwie muss Do Not Track ja versuchen, uns das Spüren zu lassen, was wir tagtäglich auslösen, aber nie sinnlich wahrnehmen.

Ergo: Do Not Track ist eine gelungene Vorstellung, die die Möglichkeit ergreift, uns nicht nur ein paar Bilder und Stimmen zu zeigen, sondern uns an der Hand nimmt und in der schnelllebigen Sprache des Internets die Wirren selbst erleben lässt. Das ist modernes Fernsehen, das ist pädagogisch wertvoll und visuell ansprechend produziertes Material. Angepasst an vieles, das online möglich ist. Mehr davon! Und bis dahin: Do No Track folgen! (Gemäß dem zweiwöchigen Turnus erscheint die nächste Episode übrigens am 12. Mai)

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