Netzneutralität juckt nicht, wenn es gegen Google geht – zur Werbeblockade der Mobilfunkanbieter [Kommentar]

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Laut Netzneutralität müssten alle Daten gleich behandelt werden. Einige Mobilfunkprovider wollen dies aber ignorieren und die Anzeigen, die über Google, Yahoo oder ähnliche Anbieter laufen, blockieren. Wozu? In der Werbung steckt viel Geld und die Provider möchten einen Anteil daran aus den Datenkraken pressen.

Mobilfunkprovider stellen die virtuellen Straßen des mobilen Internets bereit, ohne sie wären unsere Smartphones kaum mehr, als die ollen Handys von gestern, die vergleichsweise auf Schotterpfaden dahintuckerten. Die realen Straßen sind äußerst teuer und, was Autobahnen angeht, aktuell zum Teil von den Mautgebühren der vielen Lastkraftwagen finanziert. Warum, so heißt es wohl bei einigen Mobilfunkanbietern, sollte das nicht auch für uns gelten?

Tatsächlich muss die Last, die einige wenige große Unternehmen wie Google oder Yahoo durch die virtuellen Hände der Provider leiten, äußerst groß sein. Google dominiert nicht nur den gesamten Online-Werbemarkt, sondern vor allem den Anzeigenhandel auf Mobilgeräten. Dort generierte die Datenkrake letztes Jahr laut Statista sogar die Hälfte der weltweit erzielten Nettoumsätze.

Im Gegensatz zu Googles weit verbreiteten Cookies, ist eine Werbeanzeige aber gleichbedeutend mit verhältnismäßig vielen Daten. Fotos, Animationen, Videos, Sounds und freilich auch die Metadaten dahinter. Viel Arbeit, falls man es als solche bezeichnen möchte, für die Provider. An den Gewinnen des Suchmaschinenriesen haben sie aber keinen Anteil. Hätte man aber gerne.

Jeder will ein Stück vom Kuchen

Darum begannen mehrere Mobilfunkprovider Planungen, die Werbung von Anbietern wie Google oder Yahoo auf Smartphones in ihren Netzen zu blockieren. Laut Financial Times sei sogar die dafür nötige Software in den Rechenzentren installiert worden, um bis Ende 2015 aktiviert zu werden.

Diese bislang geheime Software, so heißt es, stammt vom israelischen Start-up Shine, das unter anderem von Investments der Firma Horizon Ventures von Li Ka-shing profitiert. Genannter Li kontrolliert außerdem eines der weltweit größten Telekom-Unternehmen, Hutchison Whampoa, welches erst kürzlich das britische O2 übernahm. Zu einer Farce verkommt das Verhältnis durch ein angebliches Interesse seitens Googles, mit Hutchison Whampoa zusammenzuarbeiten, um sein eigenes globales Mobilfunk-Roamingangebot in die Tat umzusetzen.

Trotzdem: Online werbefrei?

So ganz werbefrei wäre man selbst nach einer Blockade nicht, schließlich betrifft diese nicht Werbung, die von Seitenbetreibern selbst geregelt wurde oder beispielsweise “Gesponsert” im nativen News-Feed von Twitter oder Facebook erscheinen.

Für die von Google oder ähnlichen Dienstleistern verteilte Werbung gilt jedoch, dass manche Mobilfunkprovider ihren Kunden zunächst die Möglichkeit geben wollen, einen werbefreien Service zu buchen, so ein ranghoher Manager eines europäischen Netzbetreibers gegenüber der Financial Times.

Vor allem mit einem ebenfalls erwogenen radikalen Schritt, nämlich dem Entfernen der Werbung aus dem Netzwerk von Millionen Kunden, sollen die Unternehmen, allen voran Google, dazu gebracht werden, ihre Werbeerlöse mit den Providern zu teilen. Share-Economy mal anders?

Nicht nur Provider wollen Teil von Googles Werbeeinnahmen – VG Media fordert 6 Prozent in Deutschland

(Bild: VG Media/Google)

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Na ja, es scheint ohnehin nicht allzu wahrscheinlich, dass sich die laut Wired “mächtigste Firma im Internet” zu solchen Einbußen zwingen lässt, da von allen Seiten, beispielsweise auch dem Online-Journalismus, auf die Werbeerlöse geschielt wird. Gerade diese Position der Unterlegenheit sollte im Übrigen aber nicht als Grund gegen Maßnahmen verstanden werden sollte. Sie sollte nur nicht zu Illegalem verleiten.

Doch ist die Macht Googles nicht von der Hand zu weisen. Eine Schwächung seines Werbe-Systems würde auch zahlreiche Kunden der Provider selbst ins Mark treffen. Wer beispielsweise die Zugriffe auf seine Seite über Werbeanzeigen erhöht und vielleicht auch die Webseite selbst über Werbung finanziert, sorgt automatisch für mehr Traffic, der wiederum die Stärke des Providers definiert.

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Zunächst mag es ja logisch klingen, dass Provider an den Umsätzen beteiligt werden und nicht wenige würden sich andernfalls wohl über das Ausbleiben lästiger virtueller Werbetafeln freuen. Doch der dafür vorgesehene Plan attackiert ein glücklicherweise immer noch vorhandenes, gesellschaftliches Gut, für das in den letzten Monaten noch stark gekämpft wurde. Es geht um Netzneutralität, also den Status, der es verbietet jedwede Inhalte, die im Internet übertragen werden, bevorzugt zu behandeln. Das heißt, Datenpakete, die die Werbung von Googles Partnern beinhalten, dürfen nicht schneller, aber auch nicht langsamer als andere Daten übermittelt werden.

Wäre dies erlaubt, würde man womöglich schon bald Gespräche führen, wie “Hast du schon das neue Musikvideo von Liquid auf Vimeo gesehen?” – “Ne, bin bei E-Online [erfundener Providername, Anm. d. Red.], die zeigen kein Vimeo.”

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Ideelle Gründe wären in Deutschland sicher kein Kriterium für bevorzugte oder benachteiligte Behandlung von Daten. Wohl aber ökonomische. Warum man sich über Netzneutralität und deren zuweilen überraschenden Erhalt in den USA also freuen kann, habe ich darüber hinaus schon einmal hinreichend erklärt. (mehr dazu hier)

Und so verlockend ein in die Knie gezwungenes Google oder werbefreie Internetseiten für manch einen auch klingen mögen: Der Preis des “freien” Internets wäre zu hoch. Eine generationenübergreifende Gerechtigkeit wäre in diesem Markt nach dem Verlust der Netzneutralität sowohl in seiner engen als auch seiner weiten Definition nicht mehr gewährleistet, da sich beispielsweise ein “neues YouTube” nicht ansatzweise so leicht entwickeln und wachsen könnte, wie YouTube seinerzeit selbst.

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Höchstens in einem sehr beschränkten, im Sinne des Verbrauchers und kleiner Unternehmen kontrollierten Maße bringt Netzneutralität gleichzeitig auch Vorteile mit sich, die der Entwicklung der Provider, beispielsweise durch bessere Technik oder niedrigere Gebühren, dienen können. Darum befassen sich EU-Kommission, Parlament und der Europäische Rat derzeit auch damit, ob Providern einzelne Ausnahmen für “Spezialdienste” zugestanden werden. Dass dies eine Blockade von Google-Werbung legalisiert, scheint aber äußerst unwahrscheinlich.

Was bleibt den Providern also, wenn sie ihre drohenden Muskelspiele nicht in die Tat umsetzen (können)? Mal abgesehen vom Dialog, der immer die erste Wahl sein sollte und basierend auf dieser Prämisse diesbezüglich wohl schon gescheitert ist, könnten Mobilfunkprovider ihren Kunden ein Instrument in die Hand geben, mit dem sie selbst kostenlos entscheiden dürfen, ob sie entsprechende Werbung abschalten. Der Nutzer wäre also nicht bevormundet, die Netzneutralitätsverletzung befände sich tendenziell in einer (nicht unbedingt gut zu heißenden) Grauzone und Big Brother Google würde wohl mächtig sauer werden.

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