Uber-Effekt an der Supermarktkasse [Kommentar]

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Vor etwa vier Wochen machte das erschreckende Ergebnis einer Studie im Auftrag der Bank ING-Diba die Runde. 59 Prozent der Arbeitsplätze in Deutschland könnten mittel- und langfristig durch Maschinen und Software ersetzt werden. Das sind 18 Millionen Jobs. Wer sich gegen die Roboter behaupten möchte, braucht also einen triftigen Grund – vor allem bei Arbeitsplätzen wie denen der Supermarktkassiererinnen und -kassierer.

Tomaten, Auberginen und Kohlrabi. Sie werden in rekordverdächtiger Geschwindigkeit in die Richtung meiner Tasche geschoben und ich hetze mich ab, die Waren zu verstauen, ehe man mir die Summe, die ich zahlen muss, kommentarlos vorsetzt. Man will die anderen Leute ja nicht warten lassen. „37,67“, sagt die junge Dame, vermutlich Studentin, an der Kasse monoton, blickt kurz zu mir, dann wieder zum Ende der Warteschlange und klopft mit ihren Fingern auf die Geldablage vor ihr. Ich presse gerade einen Bio-Joghurt in meine Tasche, gebe aber vorzeitig auf und krame lieber schnell das Geld aus meinem Portemonnaie. So viel Kleingeld. „Hab´s gleich“, sage ich und die Kassiererin nickt nur.

Man wünsche sich einen Dienst wie Apple Pay, Google Wallet oder MyWallet von der Telekom – aber plattformübergreifend. Das Bezahlen wird so einfach wie noch nie. Smartphone mit NFC aus der Tasche holen und einfach den Betrag per Fingerabdruck bestätigen – c´est tout! In den USA ist die Steigerung der EC-Karte nicht erst seit iOS 8 und dem iPhone 6 (Plus) populär. Man mag sich fragen, wozu in einem solch technisierten Prozess, der auch anderswo nur noch eine Frage der Zeit ist, überhaupt noch ein Mensch an der Kasse benötigt wird. Die Waren könnten auch automatisch gescannt werden, oder von Kunden entsprechend mit dem Barcode nach unten auf das Band gelegt werden. Kameras und intelligente Software würden das ihrige dazutun, um die Kassen zu überwachen oder das Gewicht eines Produkts ohne Barcode, beispielsweise einer losen Paprika, mit der Art der Ware in Verbindung zu setzen. Einfach und schnell, für die Betreiber von Supermärkten auf die Dauer vermutlich sogar günstiger, sofern die Technik problemlos funktioniert.

Bericht: Uber kann Fahrgäste mit “God View” verfolgen

(Bild: Uber)

Tatsächlich scheint der Beruf der Kassiererin beziehungsweise des Kassierers dem technischen Fortschritt auf die Dauer zu unterliegen, ähnlich wie Uber das Taxigewerbe angreift und dabei sogar schon selbstfahrende Autos erprobt. Ich selbst habe keinen umfassenden Vergleich, US-Kollegen hingegen erzählten davon, wie reguläre Taxifahrer seit Uber´s Erfolgen plötzlich beginnen, freundlich zu sein. Waren Taxifahrer früher häufig ruppig, beschwerten sich auch mal über die kurzen Strecken, die Kunden zurücklegen wollten oder hatten schlicht keine Lust, Kartenzahlung zu akzeptieren, haben sich diese Allüren laut dem US-Kollegen seit Uber vollkommen verändert.

Krisenreiche Zukunft: Bringen Start-ups die Tech-Blase zum Platzen?

Die neue Plattform-Konkurrenz sensibilisierte jene US-Taxifahrer. Die Kunden wollen einen Grund, nicht mit Uber zu fahren. Und unsympathische Taxifahrer sind sicher nicht das Argument für die gelben PKW. Also präsentiert man sich von seiner besten Seite, hat immer eine Flasche Wasser für den Gast dabei und akzeptiert Musikwünsche der Person, die am Ende für den Dienst bezahlt. In Deutschland, so wurde erst gestern berichtet, denkt man nun sogar schon darüber nach, die Auflagen für das Taxigewerbe zu lockern, um den Preis für Taxifahrten auch niedriger gestalten zu lassen. Ein Uber-Effekt.

Wer sich gegen neue, gefährliche Konkurrenz behaupten möchte, muss den Kunden also einen Grund geben, nach wie vor auf die eigene Dienstleistung zu setzen. Sicher ist die Bezahlung für Menschen an der Kasse nicht weit über dem Mindestlohn – im Schnitt beläuft es sich auf rund 1.700 Euro brutto in Deutschland. Und sicher gehört es auch zur Hauptaufgabe, einen zügigen Bezahlvorgang zu bewerkstelligen, also die wartenden Kunden nicht allzu lange stehen zu lassen. Doch wer sich nur noch wie ein Roboter verhält, hat dem Roboter selbst nicht mehr viel entgegenzusetzen.

Schon gewusst? Sparkassen planen Zusammenarbeit mit Apple Pay

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Mehr Technik, beispielsweise im Sinne der Bezahlfunktion Apple Pay, wird in naher Zukunft kommen, daran braucht man nicht zu zweifeln. Gründe, weiterhin Menschen an den Kassen sitzen zu haben, könnte es dennoch geben. Nicht zuletzt, weil sie meist die einzigen Angestellten sind, mit denen man beim Einkaufen im Supermarkt „Kontakt“ hat. Sie sind sozusagen das Gesicht des Geschäftes. Und tatsächlich gibt es sie, die Menschen, die an der Kasse sitzen, ihren Dienst zügig verrichten und währenddessen freundlich sind, mir durch sich nach oben bewegende Mundwinkel und minimalen Small-Talk zum Abschluss des Einkaufs ein gutes Gefühl mit auf den Weg geben. Aber sie scheinen nicht die Mehrheit zu sein.

Klar, KassiererIN ist nicht unbedingt ein Traumberuf und einige, die auf den Stühlen der Kostenverlautbarung sitzen, sind Studenten, die sich „nur“ kurzfristig etwas Geld dazuverdienen möchten, also nicht auf Lebenszeit davon abhängig sind. Dennoch: Als KassiererIN gilt es (in wenigen Jahren) verstärkt nicht nur Waren über einen Scanner zu ziehen oder Zigaretten auszuhändigen, sondern auch seine Position zu rechtfertigen, dem Kunden etwas zu bieten, dass ihm die gesichtslose Maschine nicht hätte geben können. Etwas, das Kunden und Angestellte glücklich macht, gleichzeitig auch dem Betreiber des Marktes durch verstärkte Kundenbindung mehr Geld in die Kassen spült. Was das sein könnte? Eine freundliche Begrüßung, ein nettes Lächeln, Rückbesinnung auf Menschliches, kurzum: Sympathie.

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  1. Sicherlich hätte ich mich schnell an eine Kasse im Supermarkt gewöhnt, an der kein Mensch mehr steht oder sitzt. Das gibt es ja bereits schon in dem ein oder anderen großen Möbelhaus. Allerdings sind grade solche Berufe, in meinen Augen, schützenswert, da dies einer der Berufe ist die jeder ausüben kann. Auch ohne eine Ausbildung.
    Über Apple Pay würde ich mich auch freuen, aber das wird, hoffentlich, einfach nur ein zusätzliches Gerät neben dem Kartenleser sein.

  2. “Man wünsche sich einen Dienst wie Apple Pay – aber plattformübergreifend. Das Bezahlen wäre so einfach wie noch nie. Smartphone mit NFC aus der Tasche holen und einfach den Betrag per Fingerabdruck bestätigen”

    Unglaublich sowas gibt es schon!!!!! Ich ziehe einfach meine EC Karte aus der Tasche und bestätige den Betrag mit meinem PIN Code. Sorry aber der Artikel ist nur eine Werbung für Apple!

    1. Und nicht nur das. Bei Google nennt das ganze sinnigerweise: Google Wallet
      Manchmal wünscht man sich wirklich etwas mehr Recherche und dass Apple-User auch mal über den Tellerrand schauen.

      1. Hi Doc, freilich sind mir auch andere, ähnliche Dienste bekannt. Und bargeldloses Bezahlen gibt´s nicht erst seit letzter Woche – klar. Mit einem “Dienst wie Apple Pay” wird aber automatisch auf die Steigerung technologischer Einflussnahme hingewiesen, was bei dem altbekannten EC tendenziell nicht der Fall ist. Und diese Steigerung ist ja der Kern der beschriebenen Sache. Dass ich Apple Pay als Beispiel gewählt habe, liegt daran, dass es populär ist. Aber ich stimm dir insofern zu, als dass ein weiterer Dienst wie Google Wallet ebenfalls Erwähnung finden sollte. Wird sofort geändert!
        Übrigens: Ich war und bin kein Apple-User. Viele Grüße, Andi

  3. Toller Bericht, schön geschrieben und eine toller Bezug !!!

    Weiter so..

    Schade das es mir nicht möglich war den Bericht bei Facebook zu posten, ging irgendwie nicht… Hätte ihn gern geteilt…

  4. Plus 2 % Gebühren für Apple/Paypal/Google was auch immer , Plus 0,35 Buchungsgebühr macht dann 38,71 an der Kasse , viel Spass

  5. Hier in Kanada zahle ich eh alles schon mit Kreditkarte und bis zu einem bestimmten Betrag, in manchen Läden 50, in anderen bis 100 Dollar auch einfach per in Kreditkarte eingelassenem NFC chip. Das geht genauso schnell wie Apple Pay und Co. und kostet mich nicht noch extra Gebühren.
    Ausserdem hatte ich noch nie das Gefühl an der Kasse

  6. Hier in Kanada zahle ich eh alles schon mit Kreditkarte und bis zu einem bestimmten Betrag, in manchen Läden 50, in anderen bis 100 Dollar auch einfach per in Kreditkarte eingelassenem NFC chip. Das geht genauso schnell wie Apple Pay und Co. und kostet mich nicht noch extra Gebühren.
    Ausserdem habe ich das mit dem Stressen lassen an einer Kasse noch nie gehabt, denn freundlich sind sie alle und in allen Läden werden dir die Einkäufe in Tüten verpackt und im Falle wie bei meiner Frau mit Kind auf dem Arm sogar zum Auto getragen.

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