10 XP für Hausaufgaben: Wir fordern RPG-Schulnoten auch für Deutschland! [Kommentar]

(Bild: Blizzard) (Screenshot: Ubergizmo DE)

Ein Lehrer aus Österreich erprobt seit etwa drei Jahren ein alternatives Bewertungssystem an Schulen. Statt undurchsichtiger Schulnoten sammeln Schüler, ganz nach dem Vorbild von RPGs, Erfahrunspunkte für unterschiedliche Leistungen und steigen so im Level/ in der Note auf. Wir sind der Meinung, dass auch deutsche Schüler mehr Erfolg mit dem System hätten.

Manche Schüler sind der Meinung, hinter ihren Noten stecke reine Willkür, ein lustiges Würfelspiel im Lehrerzimmer. Nun ist es natürlich hahnebüchen zu behaupten, jede Zensur abwärts der 3 wäre grundlos vergeben worden. Doch es ist natürlich nicht abstreitbar, dass unser Notensystem durch seine häufig nicht zu leugnende Intransparenz für reichlich Frust sorgen kann. Der Wiener Christian Haschek erprobt daher seit drei Jahren ein – zugegeben nicht ganz neues – Bewertungs -nein, treffender, Belohnungssystem, welches sich erst einmal wieder nach dem nächsten Grund anhört, den Untergang des Abendlandes zu prophezeien.

Anderes Universum, andere Zeit: Azeroth, ein Nachtelf hat gerade einige Naga erledigt, die die Umgebung um ein kleines Dorf unsicher gemacht haben. Er begibt sich zurück zu seinem Auftraggeber und erhält Erfahrungspunkte für die erfolgreiche Erfüllung der Quest. Schwupp, schon ist er um eine Stufe aufgestiegen. Eine Aufgabe mit einer voher definierten, unmittelbaren Belohnung.

Wie ich auf diesen Themenwechsel komme? Nun, dieses Szenario sollte veranschaulichen, wovon sich Haschek inspirieren ließ. Von (Massively Multiplayer Online) Role-Play Games wie World of Warcraft. Richtig gelesen. Ausgerechnet Videospiele, die von besorgten Eltern und Lehrern als Hausaufgaben-Ablenkungskandidat erster Güteklasse gehandelt werden, sollen als Vorbild für mehr schulische Motivation dienen? Genau, denn konkret erhalten Schüler für unterschiedliche Leistungen, etwa ein gehaltenes Referat, Wortmeldungen oder Anwesenheit XP, also Erfahrungspunkte. Zum Jahresbeginn starten alle mit der Schulnote 5, der schlechtesten Zensur im Palatschinkenreich.

Lies auch: Internetbotschafterin Gesche Joost fordert Programmieruntericht an Grundschulen

Mit genügend XP steigen sie im Level, welches die nächstbessere Note versinnbildlicht. Über ihren aktuellen Punktestand bleiben Schüler stets online auf dem Laufenden und können genau sehen, für welche Leistung sie XP gesammelt haben. Transparanz in Reinform. Hascheks Herangehensweise wurde sogar vom österreichischen Schulministerium abgesegnet.

Beurteilungssysteme wie dieses gibt es schon länger. Die einzige wahre Innovation ist die jugendnahe Gaming-Verpackung unter den Schlagwörtern XP (Experience Points) und Level. Das ist wichtig und auch legitim, aber das System sollte nur deswegen nicht als revolutionär betrachtet werden. Ein solches Vorgehen bezeichnet man als “Gamification”, die Anwendung spieltypischer Elemente in spielfremdem Kontext.

Doch abgesehen davon bringt das RPG-Notensystem klare Vorteile. Erstens: Motivation. Die Belohnung beziehungsweise positive Rückmeldung in Form von XP, also einem sichtbaren Erfolg erfolgt unmittelbar ohne Verzögerung. Der noch notwendige Aufwand zum nächsten Level-Up ist direkt erkennbar. Ich zweifle zwar daran, dass ein “nur noch ein Level”-Effekt wie in manchen Games eintritt, aber das direkte positive Bestärkung ist ein Anreiz, der belohnungshungrige Nachtelfen schon so manch lästige Kill-Quest erledigen lies.

Zweitens: Mehr Transparenz. Aufgrunddessen, dass die Schüler online die Möglichkeit haben, ihre gesammelten XP und noch notwendige Leistungen für die nächstbessere Note genau einsehen können, bietet Hascheks Herangehensweise weniger Angriffsfläche für Unklarheiten. Wie in World of Warcraft weiß jeder Hexenmeister und jeder Schurke vorher, welche Leistung er für eine definierte Belohnung erhält. Vorbei ist die Stunde des Zwielichts, um die Worte Ultraxions in abgewandelter Form zu zitieren.

(Bild: Christian Haschek)

So sieht das für den Schüler einsehbare XP-Notensystem online aus.

Zu guter letzt schafft das XP-Schulnotensystem einen Anreiz zur Konstanz. Statt ausschließlich für Prüfungen zu lernen können die Schüler genau sehen, für welche Wortmeldungen und konstruktiven Unterreichtsbeiträge sie Punkte bekommen. Es lohnt sich schlichtweg einfach ersichtlich sich zu engagieren. Denn das ist etwas, was in vielen, nicht allen Klassenzimmern fehlt – Feedback: so viel wie möglich, immer, ständig und vor allem sofort!

Angesichts der Absegnung des Ministeriums gibt es grundlegend nur wenig Anlass zur Kritik. Denn hinter dem Punktesystem mit attraktiver WoW-Verpackung stecken nach wie vor herkömmliche Schulnoten. Es verlagert lediglich den Fokus indem es ganz klar aufzeigt, nicht die Prüfung, sondern der Weg ist das Ziel. Und genau das scheint ganz einfach zu funktionieren, wie Haschek in mehreren Interviews seinen Erfolg bekundet.

Was aber passiert nach dem Erreichen des “Max. Levels”, der Note 1? Denn ohne entsprechende Anpassung ist ein solches System eigentlich nur auf Fortschritt ausgelegt. Um den Schülern nicht zu suggerieren, dass sie sich nach erreichen der Bestnote auf ihren Lorbeeren ausruhen können, sind Abstufungsmechanismen notwendig, wenn nicht gleich zu Beginn der Lehrplan derart konstruiert wurde, dass eine 1 erst gegen Ende des Schuljahres erreicht werden kann.

Lies auch: Ukrainer spielt aktuelle World of Warcraft-Version als Erster bis zum Ende

Etwas weiter hergeholt scheinen dagegen Befürchtungen, auf die ich im Zuge der Recherche gestoßen bin, die durch das XP-System eine Legitimierung dieser sogenannten “Videospiele” befürchten. Die sind ja wie bereits erwähnt nach wie vor der erklärte Todfeind ambitionierter Pädagogen. Vollkommener Mumpitz, wenn ihr mich fragt, da bei dieser Argumentation vollkommen außer Acht gelassen wird, dass das System ganz grundlegend gar nichts mit mit World of Warcraft und Co. am Hut hat, sondern nur als jugendnahe, moderne Spielart eines längst bekannten Systems zu verstehen ist. Und ganz am Rande denke ich, es wird vielen wie mir gegangen sein: Wir haben während unserer Schulzeit vergleichsweise viel Zeit vor Konsolen, vor Computern, vor Tamagotchis, vor Game Boys und dem alten Nokia mit Snake verbracht und am Ende trotzdem ein mehr als zufriedenstellendes Zeugnis nach Hause gebracht.

Haschek setzt um, was wir schon längst tun sollten. Motivation für Unterrichtsbeteiligung und Transparenz zur Frustrationsprävention zu schaffen. So lange das System funktioniert und Schüler keine Chinafarmer für bessere Noten engagieren, bin ich ganz klar der Meinung, dass auch Deutschland dem Experience-Point-Ansatz eine Chance geben sollte.

Was meint ihr?

  • Sollte es auch in Deutschland Schulnoten durch Erfahrungspunkte geben?
  • Ergebnisse

Loading ... Loading ...

 

 

 

Tags :Via:Insert Moin
  1. An sich eine interessante Idee, aber haben dann im Zwischenzeugnis alle erstmal ‘ne 3 oder 4 stehen oder gibt’s dann ab dem Zwischenzeugnis eine Änderung der Noten zu den erarbeiteten XP?

  2. Ansatz ist interessant aber nur, wenn es auf sämtliche weiteren Institutionen angewandt wird,z.B. weiterführende Schulen, Universitäten etc. Doch letztendlich werden die Schüler früher oder später in der Arbeitswelt landen. Dort gibt es dieses System nicht mehr und dann frage ich mich, ob die Schüler sich nicht zu sehr an diese Art der Motivierung gewöhnt haben werden. Der allgemeine Arbeitgeber schert sich nicht um XP Punkte , Leistung und Lernkompetenz sind eine Selbstverständlichkeit.

  3. Socialcube lite, Herrn Haschek’s kostenlose Angebot für Lehrer und Schulen ist im Benotungssystem flexibel. Man kann neben den hier so hoch gelobten XP auch alle möglichen anderen Skalen verwenden (1-5, 6-1, 0-15 …).
    Von daher hängt es vom Lehrer ab, dieses System zu verwenden. Natürlich kann eine Zahl von 6-1 nicht alles ausdrücken, was eine Schülerin in einem halben Jahr erarbeitet hat, aber das ist eine Schwachstelle des deutschen Schulsystems (eine Schulnote sagt meist ohnehin mehr über den Lehrer als den Schüler).

    Wollte es meiner Englischlehrerin mal nahelegen, sie ist aber nie dazu gekommen, seinen Post darüber zu lesen (jetzt ist das Jahr vorbei) :D

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Advertising