TV Smiles – Manipulation der Fernsehzuschauer [Kommentar]

(Bild: Deviantart)

Eine App belohnt TV-Zuschauer für den möglichst intensiven Konsum von Werbespots und die Auseinandersetzung mit den Marken. Was nach einer perfiden Überhöhung der nervenden Werbepausen klingt, wird aber gerne und von vielen genutzt. Ich möchte ein paar Facetten der seit fast zwei Jahren verfügbaren App darlegen, um sicherzustellen, dass man sich dieser bei der Benutzung von TV Smiles auch bewusst ist.

Als ich zum ersten Mal den Werbespot zur App “TV Smiles” sah, schüttelte ich fassungslos den Kopf. “Das lässt jemand mit sich machen?”, dachte ich. Das muss irgendwann im letzten Jahr gewesen sein – heute ist es aber kein bisschen anders. Bevor ich genauer erläutere, warum sich mir bei dieser Applikation die Darmwände umstülpen, möchte ich kurz erklären, was TV Smiles überhaupt ist.

TV Smiles ist…

…eine kostenlose App für Mobilgeräte weit verbreiteter Betriebssysteme wie Android, iOS oder Windows Phone. TV Smiles startete 2013, erfuhr Anfang 2015 aber eine Neuerung, damit es für Werbetreibende einfacher ist, sich daran zu beteiligen. Die App soll Fernsehzuschauer für ihren Konsum der Werbepausen belohnen und analysiert dazu das Audiosignal. Erkennt die App einen Werbespot, dessen Audiosignale auch in der Datenbank abgelegt sind, erhält der Nutzer Belohnungspunkte, sogenannte Smiles. Dazu zählt aber bei weitem nicht jeder Werbespot. In Addition dazu können die Nutzer mittels dem Betrachten weiterer Werbevideos oder dem Lösen von Ratespielen zusätzliche Belohnungspunkte sammeln. Dabei muss beispielsweise ein Logo oder Testimonial der jeweiligen Marke zugewiesen werden.

Es sollte auf der Hand liegen, was hinter der Anwendung steckt. Nämlich eine Erziehung der TV-Zuschauer zum aufmerksamen Werbekonsumenten, eingebettet in die Illusion, davon zu profitieren, der Spur des von Gier getriebenen Speichelflusses und dem freudig klingenden Glockenschlag Pawlow´s und der Werbeindustrie zu folgen. Stört das die Leute? Ganz im Gegenteil, so gewann TV Smiles jüngst den Publikumspreis der Webinale.

Auf Konsum gebürstet?

Marionetten der Leute hinter multinationalen und anderen Unternehmen wäre wohl eine schwarzmalerische, teils aber treffende Bezeichnung für Menschen dieser Zeit. Denn wäre es tatsächlich das Anliegen eines Frederic Westerberg, Gründer von TV Smiles, uns die Zeit während der Werbeblocks zu verschönern, könnte er auch ein gutes Buch schreiben, das man derweilen liest. Doch sprudelt das Geld dort meist nicht besonders. Und überdies wäre es auch nicht im Interesse der TV-Sender, die sich vor Einbußen in den Werbeeinnahmen fürchten. Je stärker die Konkurrenz im Internet, umso weniger gucken fern. Und online wirft der Anzeigenmarkt ohnehin nur wenig ab, da viele Menschen AdBlocker einsetzen, den krassen Gegenentwurf zu TV Smiles, oder die Inhalte auf Mobilgeräten konsumieren, deren verhältnismäßig kleine Bildschirme zu wenig Platz für Werbung bieten.

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Es gibt sie aber noch, die Menschen vor den TV-Geräten, zuhauf. Doch gucken diese in den Werbepausen mehr und mehr in andere Bildschirme, nämlich ihre Smartphones und Tablets. Das wissen auch die Firmen, die Werbung schalten wollen, weshalb die Bereitschaft auch zukünftig viel Geld für jede Sekunde, die man sich auf einem Sender präsentieren kann, zu sinken droht. Eine App wie TV Smiles kommt den TV-Sendern deshalb gerade gelegen, schließlich ist sie ein schlagkräftiges Argument, um den potentiell werbenden Firmen vor Augen zu führen, dass die Zuschauer tatsächlich Werbung konsumieren, sich gar damit beschäftigen.

Und wenn sie sich doch mit ihrem Smartphone respektive Tablet auseinandersetzen, erscheint dort das Logo des Unternehmens in einem Ratespiel, einem Quiz, das mit Smiles in Versuchung führt. Ging es beim Quizzen sonst nicht meist um Allgemeinwissen? Unternehmerische Imagekampagnen verkleiden sich wohl unter dem Anspruch, historische Relevanz zu besitzen. Mit anderen Worten: Warum über Politik sprechen, wenn wir dafür 27 Sportartikelhersteller nur an ihrem Corporative Design unterscheiden können? Es ist klar worauf das hinausläuft: Kundenbindung, der Aufbau von Marken und Umsatzwachstum.

Umsonst? HIER!

Unternehmer würden bezüglich TV Smiles wohl von einer Win-Win-Win-Situation sprechen. Die Firmen werben mit ihren Marken in einem neuen Umfeld und bauen ein starkes Bewusstsein bei den potentiellen Kunden auf, die Macher von TV Smiles bekommen dafür Geld von den Firmen und die Nutzer der App versüßen sich die lästigen Werbepausen, indem sie belohnt werden und auf die Dauer ein paar Euro einsparen können. Aber wo ist dann eigentlich der Haken?

(Screenshot: NetMediaEurope)

(Twitter-Screenshot: NetMediaEurope)

Tatsächlich erfreut sich die TV Smiles App einer nicht zu leugnenden Beliebtheit. Über eine Million Downloads im Google Play Store und mehr als 100.000 Fans auf Facebook sprechen diesbezüglich für sich. IQ Mobile spricht gar von zwei Millionen Usern in Deutschland, wie dem eben gezeigten Screenshot zu entnehmen ist. Es scheint, als wären sie getrieben von der Option, endlich einen Mehrwert aus den lästigen Werbepausen zu schlagen. Der minutenlangen Unterbrechung des eigentlichen Fernsehinhalts wird als Mittel ein Zweck auferlegt, der an den Ökonomen, den Sparfuchs oder Geizhals in uns appelliert.

(Screenshot: NetMediaEurope)

Eine Quizfrage in TV Smiles. (Screenshot: NetMediaEurope)

Dabei steht die tatsächliche Ersparnis, die die Prämien versprechen, in keinem Verhältnis zum dafür notwendigen Aufwand. 200 Punkte bedeuten eine 3 Euro Gutschrift bei Lieferdiensten, für eine Weltreise braucht es aber satte 75.000 Punkte, doch ist das überhaupt erreichbar? Nach einem Jahr verlieren die Punkte ihre Gültigkeit, auch darf man nicht länger als sechs Monate inaktiv sein, da die Punkte sonst ebenfalls ihren Wert verlieren. ComputerBild rechnete aus: Um ein iPhone im Wert von 59.000 Punkten geschenkt zu bekommen, müsse man etwa 20.000 Fragen beantworten. Crazy. Von “Gewinnen” kann hier also gar nicht die Rede sein.

Ein kleines Rechenbeispiel: Angenommen, man würde es schaffen, stets vier Fragen pro Minute richtig zu beantworten: Man müsste trotzdem 83 Stunden mit der App verbringen – und da ist die Zeit, die ansonsten beim Fernsehen vergeht, noch gar nicht berücksichtigt. 83 Stunden, das wären bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro etwas mehr als 700 Euro Gehalt für gewöhnliche Arbeit. Also ein neues iPhone 6.

Wer lässt sich gerne manipulieren?

Betrachtet man die im Hintergrund ablaufende ökonomische Maschinerie, gesteuert von Marketinginteressen, Margen und der großen Angst vor Umsatzeinbußen, wirkt die übertrieben positive Art und Weise, mit der TV Smiles in Werbespots dargestellt wird, auf mich wie eine kindgerechte Real-Satire. Wer behauptet, er würde sich nicht gerne manipulieren lassen, aber fände TV Smiles trotzdem “cool”, der sollte versuchen, das Theater in seine Einzelteile zu zerlegen.

(Screenshot: NetMediaEurope)

Das Logo. (Screenshot: NetMediaEurope)

Dieses manipulative Theater wird von mehreren Attributen bestimmt, zunächst von dem (wundersam kreativen) Namen “TV Smiles”, der die infantile Vorstellung auslöst, das eckige, leblose TV-Gerät würde mich freundlich und glücklich anlächeln, weil es mir nun endlich, da diese App auf meinem Mobilgerät Platz gefunden hat, etwas Gutes tun möchte. Eine sehr ähnliche Wirkung erzielt außerdem das Logo der App, der übertrieben freundliche, wie auf einem Pilztrip grinsende Smiley, der sich ausgerechnet der subtraktiven Farbmischung bedient, also mit Cyan, Magenta und Gelb genau jene Farben beinhaltet, die beim Drucken eingesetzt werden, nicht aber bei Monitoren, die ihre Farben aus rotem, grünem und blauem Licht mischen. Andererseits lehnt sein breites Grinsen stark an das “Einschalten”-Symbol der Fernbedienung an, um dem Nutzer implizit beizubringen, lieber nochmal eine Stunde den Fernseher anzuschalten. Es lohnt sich schließlich.

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Und um auch wirklich sicherzugehen, dass man die Werbespots zu TV Smiles nicht übersieht, ist es die deutsche Spongebob-Stimme, die das ganze Brainwashing in unsere Köpfe donnert. Die Stimme kennen viele schließlich bereits und wir verbinden sie mit Spaß, weshalb manch einer oder manch eine schließen könnte, TV Smiles würde ebenfalls so etwas wie Spaß machen. Das alles ist eigentlich offensichtlich oder hörbar, doch kann sich das Theater dennoch sehr leicht verstecken.

Sobald irgendwo nämlich Wörter wie “gratis”, “kostenlos” oder “sparen” fallen, und wenn sie auch nur im Kontext vorhanden zu sein scheinen, blenden vermutlich viele das zuvor abgelaufene Theater konsequent und erfolgreich aus.

Und um noch kurz zu dem Slogan “Fernsehen muss sich wieder lohnen” aus dem Titelbild Stellung zu nehmen: Ein sich lohnendes Fernsehen folgt in meinen Augen wahrlich anderen Kriterien als finanziellen Hinzugewinn durch Werbekonsum.

(Screenshot: NetMediaEurope

So sieht die App aus. Screenshot: NetMediaEurope

Ob nicht das komplette TV-Programm sämtlicher Sender Manipulation betreibt, fragst du dich nun? Serien oder Spielfilme sind offensichtlich konstruiert, manchmal sogar, wenn sie auf “wahren Begebenheiten” aufbauen, und von daher auch nur relativistisch auf die Realität anwendbar. Aber selbst journalistische Formate wie Dokumentationen lassen sich nicht unter einen Generalverdacht der bewussten Informationsveränderung oder -reduzierung stellen. Dass ein TV-Format aber nie die vollständige Realität abbilden kann, ist klar, schließlich steht Fernsehen unter physikalischen Grenzen wie Bildausschnitt, Dauer und vielem mehr. Doch darauf wollte ich nicht hinaus.

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Datenschutz?

TV Smiles kann rein theoretisch noch mehr, als die Kundenbindung zu erhöhen und das Werbefernsehen zu belohnen. Es horcht schließlich das Wohnzimmer ab und kennt nach einer Registrierung die eigene Adresse, um gegebenenfalls Prämien verschicken zu können. Hier sei aber erwähnt, dass die Audiodateien laut TV Smiles weder gespeichert, noch an Dritte weitergegeben werden.

Dafür erstellt die App Nutzungsprofile, die zum Zwecke der Werbung, der Marktforschung oder zur bedarfsgerechten Gestaltung des TV Smiles-Angebots verwendet werden. Der Erstellung solcher Nutzungsprofile lässt sich allerdings widersprechen und Daten, die an Dritte oder Marktforschungszwecken weitergegeben werden, sind, so die Website, anonymisiert.

Verkauft.

Mein persönliches Fazit wird vielen leider nicht gefallen. Wer TV Smiles nutzt, verkauft seine geistigen Kapazitäten sehr billig an mitunter sehr reiche Unternehmen. Zwar will ich es keineswegs ausschließen, dass es die ein oder andere Person glücklich machen kann, wenn man bei einem gemütlichen Spaziergang in den Erinnerungen an die Werbespots des letzten Jahres schwelgt. Doch möchte ich darauf hinweisen, dass nur weil ein Fernsehsender die Werbung zeigt und man gesagt bekommt, davon profitieren zu können, sie noch lange nicht möglichst intensiv konsumiert werden muss. Es gibt Alternativen! Ton aus, Buch raus und lesen zum Beispiel, womöglich etwas, das einen tiefer berührt als überteuert produzierte, audiovisuelle Kaugummiwitze. Oder eine Partie auf dem alten GameBoy, der PSP, ja vielleicht sogar ein echtes Kartenspiel mit anderen Menschen im Raum. Aber hey, das sind nur ein paar Ideen.

Tags :Quellen:Titelbild: Deviantart
  1. wieder was für die payback trottel. sollte allen, die nicht zur zielgruppe gehören allerdings ohne das lesen des beitrags klar gewesen sein.

  2. Und was bringt das alles, genau…das Programm und die Vielfalt werden wegrationalisiert, denn viele schauen Programm XY und damit man mehr Kasse macht, machen das die anderen auch….den Kranken Kot sieht man ja schon bei diesen Castingshows….
    Im Kino nix anderes…. Marvel 1+2+3+4+5+6+7……..jaaa und das “Remake” und “Star Wars” entweder wird die Geschichte weiter gebuttert, oder man erzählt eine Geschichte von vor der Geschichte^^……und Jurasik Park…World…usw….. erlich gesagt wünscht man sich etwas mehr Abwechslung, was Neues….aber dank der wirtschaftlichen Mechanismen die durch das Kundenverhalten in gang gesetzt werden, inkl. der “Anal”ysten und Experten…..diese Personengruppe von Wahrsagern sitzt in den Ratingagenturen und erzählt den unternehmen wie die Zukunft wird und welche Kinofilme am besten laufen und Geld in die Kassen spühlen……. früher hätte man diese Glaskugelwahrsager vom Marktplatz gejagt….aber heute gehören sie zur Wirtschaft und sind Wirtschaftsweise…^^ Und dadurch bleibt das Programm auf der Strecke, denn der Umsatz zählt und nicht die Unterhaltung und die Qualität derer….

    In diesem Sinne

  3. Als Alternative zu tvsmiles gibt es spotgun. Ich hab davor auch immer tvsmiles gespielt, aber in letzter Zeit kommt einfach zu viel Werbung.. Quizfrage beantworten –> Werbung –> Quizfrage beantworten –> nochmal Werbung. Bei spotgun spielt man live gegen andere in der TV-Werbung Werbung raten, sammelt dafür Punkte und kann die gegen Premien eintauschen. Und mir macht die App einfach viel mehr spaß. grüße

  4. Ist eine klasse App, im bevorzuge im Moment zwar lieber Applike, aber beitreibe beide .
    Das ist einer der wenigen Infos die es überhaupt über die App gibt, bin daher also sehr dankbar.

  5. Die App is Klasse, der Artikel dagegen Schrott. Im letzten Jahr habe ich wahnsinnig viele Prämien erhalten, in diesem Jahr steuer ich auf eine PS4 hin. Leere Versprechungen gibt es nicht, alle Prämien werden ordnungsgemäß zugesandt.
    Ich bin sehr zufrieden, durch Werbung anschauen zu was kommen…. Wo gibt’s das schon?

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