HOT Watch – Abzocke oder Innovation auf Kickstarter? [Kommentar]

(Bild: NetMediaEurope)

Als ein Teil des ÜBERGIZMO-Teams Ende Mai die Consumer Electronics Show (CES Asia) in Shanghai besuchte, entdeckten sie eine klobige, doch durchaus spannende Smartwatch, genannt HOT WATCH. Schon 2013 wurde das Gadget über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanziert, zufrieden sind die Kunden aber selbst heute noch nicht.

CES Asia: Hot Watch mit Gestensteuerung im Hands-ON

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Hot Watch

Es dauerte nur 30 Stunden, um die HOT Watch auf Kickstarter zu finanzieren, doch Jahre, um sie auszuliefern. Auf der Finanzierungsseite sind bereits mehr als 13.000 Kommentare zur Smartwatch eingegangen, zumeist handelt es sich dabei um verärgerte Kunden, die versuchen, sich Gehör zu verschaffen.

HOT Watch – Hands-On Talk

Doch zunächst zum Produkt selbst. Die HOT Watch (Hands-On Talk Watch) ist eine kleine Computeruhr mit 1,26-Zoll großem always-on E-Paper-Display. Dessen Auflösung beträgt 144 mal 168 Pixel, was vor allem dank der E-Paper-Technologie für gute Akkulaufzeiten sorgen sollte. Die Hot Watch kann laut Hersteller PHTL tatsächlich eine ganze Woche ohne Laden überstehen, was aber sehr stark davon abhängt, ob und wie viel man mit ihr telefoniert. Häufige Nutzung kann die Laufzeit laut Hersteller auch auf drei bis vier Tage reduzieren.

Was die HOT Watch dennoch so besonders macht, ist zum einen ihre eigenständige Telefonie-Funktion, die dank guter Lautsprecher und Mikrofon auch zufriedenstellen sollte, zum anderen das Hands-On Talk-Feature. Dieses soll es ermöglichen, einen Anruf allein per Handgeste anzunehmen, was beispielsweise während einer Autofahrt sehr praktisch sein kann. Darüber hinaus ist die Bluetooth-Uhr sowohl zu iOS als auch zu Android kompatibel und besitzt gängige Funktionen wie Messaging, E-Mails, SMS, Musik, Schritte oder Kalorien zählen. Abhängig von dem vier Versionen lag der Preis der HOT Watch zwischen 169 US-Dollar (etwa 155 Euro) und 249 US-Dollar (etwa 228 Euro).

Das Hands-On Video aus Shanghai

Nun erschien die HOT Watch zwar nicht mit edler Optik wie eine Asus Zenwatch 2 oder farbenfrohem Display wie eine Apple Watch, doch mit durchaus spannender Technik, weshalb die Kickstarter-Kampagne auch ein entsprechend großer Erfolg war. Zumindest zu Beginn.

Nachdem der Finanzierungszeitraum am 7. September 2013 abgeschlossen war, hatten 4.141 Unterstützer 616.231 $ eingezahlt und freuten sich auf ihre Smartwatches, mit denen sie zukünftig Telefonieren können sollten. Die Lieferung peilte PH Technology Labs für Dezember 2013 beziehungsweise Januar 2014 an, ein Weihnachtspräsent also?

Nein. Und es wurde auch kein Ostergeschenk. Mitte August begann das Unternehmen mit der Auslieferung der ersten HOT Watches, ein Dreiviertel Jahr zu spät also.

Dass ein Projekt auf Kickstarter den zeitlichen Rahmen, der ihm gesteckt wurde, nicht ganz einhalten kann, ist freilich nichts ungewöhnliches. Hin und wieder sitzen hinter den Kampagnen schließlich verhältnismäßig unerfahrene Fachkräfte, die den Andrang überschätzen oder ihren Business-Plan im Eifer des Gefechts etwas zu optimistisch gestalten.

Wenn sich dazu aber noch andere Beschwerden gesellen, beginnt für viele Kunden der große Ärger und der Verdacht des Betrugs wird langsam lauter. Noch heute wenden sich Käufer auf Kickstarter an PHTL. Das in der Nähe von Dallas, Texas angesiedelte Unternehmen antwortet einigen Usern zufolge nur sporadisch auf E-Mails. Und wenn, dann mit Floskeln wie „Wir haben eine gute Verbindung“ auf Fragen zu den vielen Beschwerden zur Bluetooth-Verbindung, so Mario Sarno.

“Ein Stück Müll”

Tatsächlich scheinen hier noch einige auf ihre HOT Watch zu warten, so meldeten sich Ende letzter Woche beispielsweise die Käufer Costas Tziampazis, Joseph Hwang, Mario Sarno und Roger genau deshalb auf der zwei Jahre alten Kickstarter-Kampagne zu Wort. Andere haben Probleme beim Umtausch nach gebrochenem Display und dem Versand per DHL, wieder andere beschweren sich über die schwache Performance und auch die Bluetooth- sowie Mobilfunkverbindung scheint alles andere als zuverlässig, wie Brandon Lodder, Kev, Steven P. und Mario Sarno jüngst anmerkten. Laut PHTL müssten die Bluetooth-Probleme durch ein neues Software-Update behoben sein und tatsächlich hat Suzanne Schiller diesbezüglich eine Verbesserung gespürt. „Benachrichtigungen“, so schreibt die Unterstützerin, „kommen aber trotzdem nicht an, obwohl das doch eigentlich der springende Punkt einer solchen Uhr ist, oder nicht?“

(Screenshot: NetMediaEurope)

Michael Armanious hat derweil keine guten Worte mehr für die HOT Watch übrig. „Diese Uhr ist ein Stück Müll“, schreibt er. „SMS kommen manchmal an, senden kann ich aber keine.“ Andy Stout und Mitch Gordon stellten dagegen fest, dass sie sich lieber mit ihrer Pebble respektive Moto 360 beschäftigen, denn mit der unzuverlässigen HOT Watch. Und obwohl sich Verantwortliche des Unternehmens regelmäßig in den Kommentaren verewigen, geben andere unzufriedene Käufer einer schon vor einem Jahr gestartete Diskussion über eine Gemeinschaftsklage gegen PHTL neues Zündfeuer.

“F…. euch alle”: Uwe Boll erreicht Finanzierungsziel auf Kickstarter nicht

User “emrock” aus Tokyo bezeichnet den Hersteller gar als “Schwindler”, der sich wegen unerfüllter Versprechen gegenüber den zahlenden Kunden eine Inspektion der Kartellbehörde FTC verdient hat.

Service und Kundenzufriedenheit klingen eigentlich anders und so scheint es, als hätte sich hier ein Unternehmen in mehrerlei Hinsicht maßlos übernommen. Unausgereifte Technik, mangelhafter Service, archaische Logistik und dennoch das Bekenntnis zum weltweiten Versand. Doch was sagt PHTL selbst zu den Problemen? Bislang blieb man mir leider eine Antwort schuldig – und das obwohl das Unternehmen selbst laut Unterstützerkommentaren häufig behauptet, jede Mail binnen eines Werktages zu beantworten. Sollte ich wider Erwarten noch eine Antwort erhalten, werde ich die Stellungnahme PHTLs hier selbstverständlich kund tun.

Kickstarter-Desaster

Die Crowdfunding-Plattform hat quasi regelmäßig mit solchen Vorfällen zu tun. So wurde seit dem Start in 2009 auch stets an den Richtlinien geschraubt. Letztes Jahr versuchte man die Regeln etwas zu verschärfen, um jene, die ein Projekt starten, dazu zu verpflichten, detailliertere Auskünfte darüber zu geben, was mit welchem Geld getan wird. Schlupflöcher für Abzocken gibt es aber weiterhin und Kickstarter zieht sich nach Abschluss einer Finanzierung ohnehin zurück, sodass sämtliche Streitigkeiten zwischen Käufer und Kampagnenbetreiber ausgetragen werden müssen.

So beispielsweise, als Science Fiction-Autor Neal Stephenson im September 2014 bekanntgab, dass das Spiel, welches 2012 mit 526.000 $ unterstützt wurde, nun offiziell aufs Eis gelegt werde. Ein ähnliches Szenario fand im letzten Sommer statt, als der USB-Schlüsselanhänger myIDkey von Arkami, der mit Display und Fingerabdruckscanner ausgestattet, automatisch Passwörter auf dem Computer einsetzen sollte, nicht annähernd die Stückzahl erreichte, die es die Finanzierung von 3,5 Millionen $ erforderte. Und die wenigen Käufer, die 18 Monate nach der eigentlichen Auslieferung tatsächlich einen myIDkey erhielten, beschwerten sich reihenweise über nicht funktionierende Buttons und Displayfehler. Es scheint also, als wäre die HOT Watch eine tragische Wiederholung der Geschichte.

 

Was man lernen kann

Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter, welches vor kurzem auch seine Deutschland-Dependance startete, sind mitunter die Geburtsstunde von zahlreichen spannend klingenden Gadgets. Viele davon haben sich zu bedeutenden Produkten entwickelt, man denke nur an die Pebble Smartwatches. Doch leider entpuppen sich manche Projekte als hübsche Blasen, die früher oder später zu platzen drohen. Je mehr Erfolge über Crowdfunding-Plattformen gefeiert wurden, desto schwächer wird bei interessierten Käufern das Bewusstsein für die Gefahr des Unterfangens. Bei der HOT Watch von PH Technology Labs scheinen die Hoffnungen der Kunden leider nicht aufgegangen zu sein und die Firma kam den großen Versprechen nicht hinterher. Freilich wünschen wir den Unterstützern, dass der Hersteller seiner Verantwortung noch nachkommt. Vergessen werden die Käufer diese Probleme aber wohl selbst dann kaum.

Nach den vielen Positivbeispielen auf Kickstarter mag es einigen Ingenieuren erscheinen, als wäre das eigene Gadget in Serienproduktion ungefähr so weit entfernt wie die rechte Hand. Ein öffentlicher Kommentar erfahrener Projektmanager aus den jeweiligen Branchen täte der Einschätzung einer Kampagne bezüglich Umsetzbarkeit sicher gut, sowohl für potentielle Unterstützer als auch für die Kampagnenbetreibenden selbst. Dass Kickstarter beginnen wird, sich diesbezüglich mehr Verantwortung anrechnen zu lassen, scheint mir allerdings wenig wahrscheinlich. Auch die Erwähnungen in vielen bekannten Publikationen muss nichts über den Erfolg eines Projektes aussagen, wie die HOT Watch erneut belegt. Wahrscheinlich wäre aber schon viel gewonnen, wenn Projekte nicht sofort mit dem Druck starten würden, global verfügbar und erfolgreich zu sein. Dieses unnatürlich rasante Wachstum kann kaum gut gehen.

Und selbstverständlich bedarf es vor der Unterstützung einer Kampagne einer eigenen kritischen Einschätzung. Projekte wie das Abendessen einer jungen Clique oder dieser 500 Personen fassende Bombenschutzbunker lassen sich zwar recht leicht als zukünftiger Kickstarter-Fail entlarven, bei Gadgets, die aber tatsächlich einem kollektiven Bedarf entsprechen und realistisch wirken, ist dies leider trotzdem kaum möglich.

Tags :Quellen:Kickstarter
  1. Das ist ja Pillepalle. Da müsst ihr mal auf Indiegogo die Kampagne von Ritot angucken. Bis zum September 2014 über 1,6 US Dollar für eine sehr spezielle Uhr gesammelt. Bis jetzt nichts als leere Versprechen und Erstattungen finden anscheinend auch nicht statt.
    Das nenne ich “Verarsche”.

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