Angst und Schrecken vor dem “Neuland” Informatik

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Der Kleinstcomputer Micro Bit soll im Herbst von der BBC an eine Million Schüler aus Großbritannien verteilt werden. Dies kann als kolossaler Schritt der Massenbildung verstanden werden.  Ein Blick auf die deutschen Sender offenbart dagegen Reihenweise IT-Analphabeten. Die Sendeanstalten stehen staunend – und ein bisschen ehrfürchtig – vor dem PC. Besserung nicht in Sicht.

Diese Woche hat in Großbritannien die dortige öffentlich-rechtliche Sendeanstalt BBC die finale Version des Kleinstcomputers Micro Bit vorgestellt. Gleichzeitig wurde angekündigt, dass im Oktober eine Million Stück davon an Kinder der siebten Klasse verteilt werden.

Der Micro Bit ist eine Ergänzung zu Rechnern wie Raspberry Pi, Arduino oder Galileo, nicht eine Konkurrenz. Er lässt sich mit zwei externen AA-Batterien unabhängig betreiben oder über ein USB-Kabel mit einem Rechner verbinden.

Flankierend zur Verteilung der Minirechner an die Schüler wird die BBC eine Website anbieten, über der Code getestet werden kann, bevor ihn die Nachwuchsprogrammierer auf ihre Rechner aufspielen. Die BBC hat sich bei dem Projekt vom Chip-Designer ARM beraten lassen und wird von der Barclays Bank, Samsung, Microsoft und der Lancaster University ideell und finanziell unterstützt.

Bereits im Bildungsumfeld etablierte Organisationen und Freiwilligenorganisationen aus der Programmiererszene werden bei der Einführung beraten, unterstützen und den Lehrkräften unter die Arme greifen.

Microbit (Bild: BBC)
Die BBC hat eine längere Tradition in Bezug auf solche Aktionen. Schon in den 1980-er Jahren wurde mit dem damals schlicht BBC Micro genannten Computer ein – damals allerdings für die Teilnehmer nicht ganz billiger – Versuch gestartet, die Bevölkerung mit neuer Technologie vertraut zu machen. Der Sender sah diese und sieht die aktuelle Aktion als Teil seines Bildungsauftrags.

Bildungsauftrag? Das ist doch genau das Argument, wenn es in Deutschland darum geht, Spartenangebote im öffentlich-rechtlichen Fernsehen neu einzuführen, zu verteidigen oder diverse Aktionen und Angebote – auch im Web – zu rechtfertigen. Andererseits ziehen den Begriff die Gegner der gebührenfinanzierten Sender gerne heran, um diese wegen etwas zu kritisieren, was sie nicht für Bildung halten – seien es nun Kochshows oder ihnen unliebsame Musiksendungen, der Kauf teurer Sportrechte oder seichte Unterhaltungsserien.

Deutlich oberhalb des Stammtischniveaus (und auch des so manchen Fernsehsenders) haben das Thema Jens Jessen bereits 2010 in der Zeit sowie Joachim Huber und seine Kollegen 2012 im Tagesspiegel behandelt. Ausgangspunkt war beide Male die Höhe der Gebühren – pardon, des Rundfunkbeitrags – und ob man, platt gesagt, für sein Geld die Qualität bekommt, die man erwarten darf.

Wichtig bei der Aktion der BBC ist jedoch, dass man zuvor auf andere Angebote, etwa einen Infokanal, verzichtet hat, da man die nicht mehr für zeitgemäß und zweckdienlich hielt. Wäre das nicht auch bei den 22 gebührenfinanzierten Angeboten in Deutschland eine Option? Würde man sie zum Beispiel wirklich vermissen, wenn zwei davon fehlten?

Micro Bit (Bild: BBC)
Die Frage ließ unser Schwestermagazin ZDNet.de keine Ruhe. Daher haben sie sie ARD, ZDF und einigen großen Landesrundfunkanstalten gestellt – allerdings in leicht abgeschwächter Form. ZDNet wollte schlicht wissen, ob eine ähnliche Aktion wie die der BBC auch in Deutschland denkbar wäre und ob sich der jeweilige Sender daran beteiligen würde.

ARD und ZDF: Weder in der ersten Reihe noch besseres Sehen

Am schnellsten geantwortet hat die ARD. Die hatte es aber auch am einfachsten – allerdings auch die Frage nicht ganz verstanden. Im Gespräch ging es zunächst um ein Musikprojekt für Schüler, das im vergangenen Jahr stattfand und auch dieses Jahr wieder durchgeführt wird. Computer? Nein, mit Computern wird nichts gemacht, da müssten Sie die Landesrundfunkanstalten fragen, Sie wissen ja, die Inhalte werden zugespielt, etc, etc…. Danke für das Gespräch.

Nun zum ZDF. Das ist schließlich die große, bundesweite Sendeanstalt. Sie hat uns mit ihrem Bildungsauftrag schon die Champions League erklärt, da müsste es doch möglich sein, einen kleinen Computer zu erklären?

Die Professionalität des ZDF zeigt sich daran, dass man „da schon was vorbereitet“ hat: nämlich den Corporate Social Responsability Report (PDF). So etwas ist immer praktisch, dann braucht man auch nicht konkret auf die gestellte Frage einzugehen, sondern kann die mit einem Verweis auf die Onlineseiten abtun, auf denen Lehrermaterialien zu ZDF-Reihen wie „Die Deutschen“ oder „Frauen, die Geschichte machten“, einem Zweiteiler zu Germanen, einer Sendereihe zum Thema „Heiliger Krieg“ und ein „augenzwinkernder Gang mit Hape Kerkeling durch die Weltgeschichte“ angeboten werden. Wenigstens Hape Kerkeling. Wir fürchteten uns schon vor Guido Knopp.

In seinem CSR-Report hat das ZDF ungefähr so alles zusammengefasst, was es überhaupt macht. Zum Beispiel, dass es seit Generationen „Michel aus Lönneberga“ sowie „Wickie und die starken Männer“ abnudelt. Das freut sicher manche Nostalgiker und auch einige Kinder, der Bezug zur Social Responsability ist auf Anhieb aber doch schwer herzustellen. Und was Michel oder Halvar mit einem Mini-Computer gemacht hätten, wollen wir uns jetzt lieber gar nicht vorstellen.

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Immerhin, ein Lichtblick in Bezug auf Jugend und IT findet sich in dem 65-seitigen Bericht dann doch: Der Kindersoftwarepreis TOMMI. In dessen Rahmen dürfen Kinder seit 2003 von Pädagogen und Journalisten vorausgewählte Spiele und neuerdings auch Spiele-Apps testen. Dabei soll ihnen spielerisch Medienkomptenz vermittelt werden.

Klingt gut. Daher haben zuletzt auch 3500 Mädchen und Jungen daran teilgenommen. Allerdings ist auch hier das ZDF „nur“ Medienpartner. Getragen und durchgeführt wird die Aktion im Wesentlichen von anderen Organisationen.

Nochmal kurz zur Erinnerung: Die BBC wird mit ihrer Aktion eine Million Schüler erreichen.

Bei WDR und SWR wird zunächst einmal auf die Sendung Planet Schule verwiesen. Sie biete im Bereich „Medienkompetenz“ ein umfangreiches Angebot an Filmen, Informationen und Unterrichtsmaterialien. „Kurse oder ähnliches zur Informatik gibt es darin nicht und sind derzeit nicht geplant“, räumt der WDR jedoch ein. Die in der Übersicht mit Informationstechnik gekennzeichneten Sendungen von Planet Schule beschäftigen sich mit Datenschutz und Privatsphäre. Beides ist wichtig, vermittelt aber keine „Macher“-, sondern nur „Nutzer“-Kompetenzen.

Auch beim SWR herrscht eine gewisse Betriebsblindheit: Neben dem Verweis auf den „Planet Schule“ wird das rheinland-pfälzische Modell des MedienkomP@sses, einer Zusatzqualifikation zum schulischen Zeugnis, und auf das Grundschulen-Netzwerk „medientriXX“ verwiesen. Bei beiden geht es allerdings ebenfalls meist um den Umgang mit Medien – nicht um das Programmieren und die Infektion mit dem IT-Virus.

Interesse geäußert oder Interesse geheuchelt?

Immerhin bekamen wir Signale aus den beiden Funkhäusern, dass die BBC-Idee Interesse geweckt hat. „Eine deutsche Kampagne zur Verbesserung der Informatikkenntnisse von SchülerInnen ist sicherlich auch für den WDR denkbar, vorab wäre zu prüfen, ob und in welchem Maße dafür hierzulande ein Bedarf besteht. Wir werden die BBC-Kampagne beobachten und darüber diskutieren“, teilt eine WDR-Sprecherin ZDNet gegenüber mit. Und eine SWR-Sprecherin erklärt: „Eine Kampagne zur Verbesserung der Informatikkenntnisse in den Schulen wäre ganz in unserem Sinne und würde auch von uns unterstützt werden.“

Ähnlich positive Signale sendet der NDR: „Grundsätzlich wäre ein solches Engagement sicherlich auch hier zu Lande vorstellbar“, teilt ein Sprecher mit. Er fügt aber gleich an: „Es gibt dazu im NDR aber keinerlei konkrete Planung.“ Wenn überhaupt, dann müssten die passenden Partner vorhanden sein.

Dass ein Bedarf an mehr IT- und Technik-Know-how bei Jugendlichen in Deutschland besteht, hat der NDR aber schon gemerkt: Er informiert auf diversen Veranstaltungen gezielt über sogenannte „MINT“-Berufe und versucht, sie für eine entsprechende Ausbildung zu gewinnen. Offenbar ist es schwer, diese Nachwuchskräfte zu bekommen. Woran das wohl liegen mag?

Beim Hessischen Rundfunk konnte man unsere Anfrage flugs mit einem Verweis auf eine tagesaktuelle Sendung von HR Info beantworten: Darin ging es um die Medienkompetenz von Lehrern in Hessen. Ergebnis: Viele Lehrer sind nicht nicht fit im Bereich digitaler Medien. Das überraschte uns ehrlich gesagt nicht. Eher dann schon, das auch hier unsere Frage nach Computerkenntnissen mit Infos zur Medienkompetenz beantwortet wurde.

Ziel der BBC-Aktion ist ganz klar, dass Schulabgänger Computer nicht nur benutzen, sondern verstanden haben, wie sie Computer programmieren können. Ansonsten sieht man ein Projekt zur Verbesserung der Informatikkenntnisse an Schulen eher im Bereich der Hochschulen, der Industrie oder der IHKs. „Wir werden aber das Projekt aufmerksam verfolgen und die ein oder andere Anregung daraus durchaus gewinnen können“, teilt eine HR-Sprecherin mit. Die Spannung auf die Ergebnisse hält sich bei uns ehrlich gesagt in Grenzen.

Hat jemand nach Medienkompetenz gefragt?

Etwas konkreter wird immerhin der Bayerische Rundfunk– auch wenn da zunächst ebenfalls reflexartig mit Hinweisen auf Angebote zu Medienkompetenz geantwortet wird. Dann verspricht man jedoch:“ARD-alpha wird auf seiner Lernplattform GRIPS verstärkt auch Technik- und Informatikkenntnisse vermitteln. Die Entwicklung eines Programmierkurses ist ebenfalls angedacht, aber noch nicht im konkreten Planungsstadium.“ Aktuell stehen dort Informationen zu den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik im Mittelpunkt.

Außerdem teilt der BR mit, habe man bereits über den hauseigenen Bildungskanal den Fernsehpart des virtuellen Bachelorstudiengangs „IT-Kompaktkurs“ übernommen. Das ist prima. Allerdings handelt es sich dabei um ein berufsbegleitendes Bachelor-Studium – also auch keine Massenkampagne zur IT-Alphabetisierung. Und das Ganze ist auch schon wieder sechs Jahre her.

Fazit

Der erste Eindruck ist katastrophal: Ein Projekt, wie es jetzt die BBC gestartet hat, ist in Deutschland wohl erst dann zu erwarten, wenn in Großbritannien der Rechtsverkehr eingeführt oder von der Bevölkerung in England mehrheitlich anerkannt wird, dass der Ball beim Wembley-Tor doch nicht drin war.

Interessant ist, dass keiner der Sender rundweg erklärte, dass er für derartige Aktionen nicht zuständig sei. Interessant ist auch, dass viele auf Projekte mit Musik, Medienkompetenz oder Geschichte verweisen, bei denen sie Schüler einbeziehen.

Das sind auch wirklich interessante Projekte – angesichts der Fragestellung, die zugespitzt ja lautete „würden Sie auch ein Million Kleinstomputer an Schüler verteilen und deren Benutzung mit einer extra dafür konzipierten Website unterstützen“, sind dies aber nicht mehr als Feigenblätter. Außerdem belegen die vorgewiesenen Feigenblätter einen erschreckenden Mangel an im Rahmen des Bildungsauftrags der öffentlich-rechtlichen Sender durchgeführten Aktionen im Bereich Informatik. Gäbe es welche, wären die ja gennannt worden.

Die Sendeanstalten stehen aber ebenso wie die Lehrkräfte noch staunend – und ein bisschen ehrfürchtig – vor dem PC. Hineingeschaut wird nicht. Diverse Sendungen in der Vergangenheit, bei denen es aber eher um ein männliches Publikum in den besten Jahren ging, seien hier einmal ausgenommen.

Alles, was über die Berichterstattung hinausgeht und Schüler einbezieht, geht in die Bereiche Musik, Geschichte und die vielzitierte Medienkompetenz. Dass es Programmangebote für Schüler und Kinder gibt, etwa Kika oder ZDFtivi, ist unbestritten. Ein umfassendes und systematisches Engagement für die Förderung von Informatikkenntnissen ist in „Neuland“ dagegen noch in weiter Ferne.

Die gute Nachricht: Die BBC hat bereits angekündigt, dass der Micro Bit Ende des Jahres frei verkäuflich sein soll. Auch in Übersee. Also aus Sicht der Briten auch bei uns.

Tags :Via:Mit Material von Peter Marwan, ZDNet.de

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