Bringt Streaming das klassische Fernsehen um?

(Bild: Oleksiy Mark)

Heute gibt es dank Streaming jede Menge Möglichkeiten, sich Filme, Serien und Shows anzusehen. Es drängt sich also die Frage auf: Brauchen wir das klassische Fernsehen eigentlich noch? Wir versuchen, leicht tendenziell, die Vorteile von Onlinevideos und Streaming gegenüber dem guten, alten Fernsehen zu zeigen.

Schon seit Jahren ist der Trend zu beobachten, dass das Fernsehen immer unwichtiger wird und Onlinevideos und Streaming-Angebote immer mehr Land gewinnen. Einer aktuellen Prognose Statistas zufolge, werden in 2020 mehr als 11 Millionen Netflix-Abos in Deutschland aktiv sein. Der Trend geht weg vom so genannten „Push-Medium“ Fernsehen hin zum „Pull-Medium“ Internet, in dem sich der Nutzer die Inhalte selbst holt. Diesen Trend belegen die sinkenden Preise im Werbemarkt schon seit Jahren. Und eben der gleichzeitige Anstieg von Onlinewerbung.

Das klassische Fernsehen hat in der heutigen Welt, in der alles ständig verfügbar ist, einen gravierenden Nachteil: Es ist linear. Es läuft eine Sendung nach der nächsten und ich muss mich nach dem richten, was die Programmplanung vorsieht. Und dieser Nachteil ist es, den das Fernsehen nicht loswerden kann und es zum „alten Eisen“ macht.

Wir sind es mittlerweile gewohnt, dass sich alles auf uns einstellt und wir alles personalisieren können. Keine Wohnung sieht aus wie die zweite, kein Smartphone-Homescreen gleicht dem anderen und keine Musiksammlung auf Spotify hat die gleichen Lieder wie die nächste. Für persönliche Interessen ist ein Programm nach Fahrplan eben nicht ausgelegt.

Es ist also verständlich, dass wir auch bei Videos die freie Auswahl haben möchten. Sowohl was Zeit, wie auch die Auswahl des Programms angeht. Wer ein Mal mit zu viel Zeit im Rücken auf YouTube gesurft hat, weiß, wie viel Interessantes, aber auch einfach nur Unterhaltendes man gucken kann. Bevor man dann merkt, dass aus dem Abend die tiefste Nacht geworden ist. Das war zwar früher beim Zappen ähnlich, aber jetzt sind die Inhalte beim Streaming deutlich vielfältiger und auch nachts gibt es mehr als Wiederholungen oder Dauerwerbesendungen.

Was sind also die Alternativen zum linearen Fernsehen? Und wie treiben sie den Wandel voran?

Streaming-Dienste übernehmen den Videomarkt

Videostreaming-Dienstleister wie Netflix, Amazon Video, Maxdome oder Hulu (leider nur in den USA) haben den Markt erobert. Der Illegalität anderer Videostreams entwachsen, haben sie die Art, wie wir unsere Videoabende verbringen, verändert. Ähnlich dem, was die MP3 für die Musik getan hat. Wir können sowohl zu Hause, wie auch unterwegs auf langen Bahnfahrten Filme und Serien schauen, ohne uns nach Sendeplänen zu richten. Das viel zitierte „Überall-Fernsehen“ eben.

Für eine relativ geringe, monatliche Gebühr für ein Abo entfallen sowohl monströse Werbeblöcke, als auch Trailer und Produkteinblendungen. Gerade Filmliebhaber werden es schätzen, nicht jede halbe Stunde für sieben bis acht Minuten aus der Handlung eines spannenden Films oder einer Serie gerissen zu werden.

Dazu kommt, dass Netflix und Co. meist gesamte Staffeln anbieten. Wer mal die Serie 24 gesehen hat, weiß wie unerträglich es sein kann, eine Woche auf die nächste Woche warten zu müssen. Diese Cliffhanger, also die Wendungen und spannenden Stellen am Ende einer Folge, halten den Zuschauer bei der Stange. Und haben das so genannte Binge-Watching erzeugt (auf deutsch in etwa: den Serienmarathon). Dinge, die der klassische Fernsehmarkt im Gegensatz zum Streaming leider nicht bieten kann. Oder nur begrenzt, bei „Specials“.

Neue Formate braucht das Land

Dazu kommt, dass zumindest in der hiesigen Fernsehlandschaft irgendwie die interessanten Formate und Produktionen fehlen. Die wirklichen Kracher wie Game of Thrones, Breaking Bad (und das Spin Off Better Call Saul), True Detective oder Mr. Robot kommen aus den USA. Und auch dort steigen bekannte Regisseure und Produzenten langsam auf die Produktion für Streaming Dienstleister um.

David Fincher (Sieben, Fight Club) hat es für Netflix mit House of Cards vorgemacht. Die Serie war unglaublich erfolgreich und wurde am ersten Tag komplett zum Abruf verfügbar gemacht. Das klassische Fernsehen hält die Zuschauer meist über Monate bei der Stange, teilweise mit Pausen in der Staffel zwischen Herbst und Frühjahr. Auch andere Streaming-Anbieter grätschen genau in das Verlangen nach Serien- oder Filmmarathons rein. Etwas, was das Fernsehen nicht bieten kann.

Zudem produzieren sowohl Netflix, als auch Amazon Video oder Hulu neben Serien auch Spielfilme und Dokumentationen. Der Nachfolger zum vierfach Oscar-pämierten Tiger and Dragon zum Beispiel, erscheint Ende Februar auf Netflix. Die Wachowski-Geschwister (Matrix, V for Vendetta) haben für Amazon die Serie Sense8 produziert. Und auch in Deutschland hat der Versandriese die erste Eigenproduktion angekündigt.

Amazon war beispielsweise mit The Man in The High Castle sehr erfolgreich und hat auch gleich ein System eingeführt, von dem sowohl der Zuschauer, als auch die Produktionsfirma profitieren. In der Pilot Season zeigt Amazon die jeweils erste Folge einiger Serien. Die Zuschauer entscheiden dann per Bewertung, wie sie die Folge fanden.

Gemeinsam und technisch zum Erfolg

Amazon sammelt zusätzlich Daten, wie lange die Folge gesehen wurde oder an welchen Stellen die Zuschauer pausiert oder zurückgespult haben. Aus der Mischung dieser Daten und Bewertungen entscheidet Amazon, ob eine Serie produziert wird oder nicht. Die Zuschauer bekommen, was sie wollen und der Streaming-Anbieter muss eine Serie nicht komplett ins Blaue herein produzieren. In dieser Aufzeichnung eines TED-Talks erfahrt ihr, wie das genau geht.

Diese Art der Datenanalyse ist beim klassischen Kabelfernsehen übrigens gesetzlich untersagt. Der Rückkanal darf hier keine Daten zurück senden. Was vor allem Werbefachleute ärgert, weil sie ihre Spots nicht weiter auf die Zielgruppe optimieren können. Beim Streaming wird das wiederum genutzt, um euch Vorschläge für den nächsten Film zu machen.

In den USA gibt es für das normale Fernsehen Hulu. Dieser Dienst bietet nahezu alle aktuellen Inhalte der großen Privatsender kostenlos mit einzelnen Werbespots an. Der Vorteil ist, dass es eine einzige, große, kostenlose Plattform gibt, die Inhalte anbietet. Hier in Deutschland war eine ähnliche Idee bereits 2012 angedacht, doch das Kartellamt machte den Privatsendern einen Strich durch die Rechnung.

Deswegen gibt es leider von jeder Sendergruppe eine eigene Anwendung. Oder Services wie Zattoo, die die Sender zusammenfassen. Kostenlos zu empfangen sind hier viele, mit Ausnahme der Sendergruppen ProSiebenSat.1 und RTL. Die gibt es nur im kostenpflichtigen Abo. Eine richtige Plattform fehlt hierzulande aber leider. Falls man dann doch mal normal Fernsehen möchte oder ein Live-Event sehen will, dass nicht über die Webseite der Sender gestreamt wird.

Hulu bietet in den USA ein ähnliches Streaming-Modell namens Plus an, das ähnlich wie Netflix funktioniert, aber den Fokus eher auf das Serien und Shows richtet. Im Gegensatz zum normalen Hulu, gibt es bei der Plus-Variante keine Werbung und ganze Staffeln statt einzelner Folgen zum Abruf. Filme und Dokumentationen laufen mittlerweile auch dort. Im Grunde Unterscheiden sich die drei größten Anbieter eher durch ihre Eigenproduktionen.

Reine Onlinevideo-Anbieter holen auf

Auch YouTube wirbt um den heiß umkämpften Videomarkt. YouTube Red bietet die Inhalte des normalen YouTube ohne Werbung an und zeigt mit Red Originals zusätzlich exklusive Inhalte mit bekannten YouTubern. Am 10. Februar gingen die Produktionen an den Start, zunächst in den USA. Dass der Videogigant von Alphabet (früher: Google) seine Formate und Produktionen weiter ausbauen wird, ist da weniger eine Frage des „ob“, als des „wann“.

Und vor allem Jugendliche nutzen die Plattform deutlich häufiger und länger als das Fernsehen. Die jetzige und zukünftige Konsumenten sind also bereits auf dem Weg weg vom linearen Fernsehen, falls sie es überhaupt noch nutzen. Die Vielfalt, Kommentarfunktionen und das einfache Erstellen von eigenen Videos und Videoantworten sind einfach Interaktionsmöglichkeiten, die weit über ein SMS-Voting hinaus gehen.

Auch Vimeo hat seine Nische gefunden und präsentiert sich weniger als die „Videoplattform für das Volk“, sondern eher für Videokünstler und Dokumentarfilmer. Die meist unabhängigen Produzenten bieten ihr hochwertiges Material bei Vimeo On Demand an. Darunter auch Formate, die in der normalen Fernsehlandschaft wegen den Quoten oder einem gewissen Risiko gar nicht erst gesendet würden.

Bei Vimeo On Demand ist das aber nicht weiter tragisch, denn das Geld fließt zum größten Teil eh den Produzenten zu und für Vimeo fallen nur die Kosten für Onlinespeicher an. Mit der Maschinerie einer Veröffentlichung, Planung und Werbevermarktung im Fernsehen gar nicht zu vergleichen.

Daneben gibt es noch Anbieter, wie Crunchyroll, die sich auf japanische Anime-Serien spezialisiert haben und auch hierzulande zeigen My Spass beispielsweise nur Comedy-Clips. Wenn auch keine Eigenproduktionen, aber dafür eben on demand.

Was passiert in Zukunft beim linearen Fernsehen?

Im Grunde bleibt alles beim Alten, nur die Technik ändert sich. 4K-Auflösung könnte der nächste Sprung sein, doch bis das der Fall ist, wird es bei Onlinediensten schon völlig normal sein. Zumal bis heute noch nicht alle Sender auf HD umgestellt haben, während Netflix und YouTube schon vereinzelt in 4K ausstrahlen und zumindest die Technologie bereit stellen.

DVB-T soll bis 2019 durch das neue DVB-T2 abgelöst werden. Die Digitalisierung und Umstellung auf HD hat dann aber den Nachteil, dass für die Entschlüsselung der Privatsender vermutlich fünf Euro im Monat fällig werden. Die öffentlich-rechtlichen Sender können frei empfangen werden, werden aber natürlich indirekt über die Rundfunkbeiträge abgerechnet.

Da die alten Antennen dann nicht mehr zu gebrauchen sein werden, kommt wiederum eine Hemmschwelle hinzu: eine neue Antenne bezheiungsweise einen neuen DVB-Tuner kaufen. Oder stattdessen einen der Onlinedienste nutzen. Dazu braucht es nämlich nur einen Internetanschluss im Haus. Die Inhalte kommen dann entweder per Google Chromecast oder direkt aufs SmartTV oder per WLAN auf das Tablet und Smartphone.

PlayStation, Xbox One, Apple TV oder ein selbstgebautes Raspberry Pi-Mediacenter und andere Geräte sind zudem deutlich kleiner (oder eben zusätzlich zum Spielen geeignet), als die riesenhaft wirkenden, externen Kabel- oder Satelitentuner. Und wenn wir eins gelernt haben, ist es, dass Technik immer weiter in den Hintergrund rückt. Sowohl optisch als auch bedienungstechnisch. Wer will dann noch einen solchen Brocken bei sich stehen haben?

Was meint ihr? Hat das Fernsehen in Zukunft noch eine Chance? Auch in Anbetracht der Tatsache, dass die Internetbandbreiten immer größer werden. Oder was könnte das Alleinstellungsmerkmal sein, dass das lineare Fernsehen in Zukunft noch relevant macht?

Tags :
  1. Wenn man 2016 ernsthaft noch 5 Euro im Monat für den HDHDHD-Rotz berechnet, während die Inhalte im linearen TV nicht besser und die Werbeblöcke gefühlt nerviger werden, muss man sich nicht wundern. Dazu sind VoD Anbieter relativ günstig, haben gute Inhalte, keine Werbung und HD häufig im Preis inklusive. Den Superbowl hätte ich mir gerne auf Sat1 in HD angeschaut, aber HD als Einzelabruf gibt es nicht mal – daher uninteressant.

    1. Da stimme ich Dir zu. Technisch und inhaltlich hinkt der hiesige TV-Markt arg hinterher. Von der Sinnhaftigkeit und Genauigkeit der Quotenboxen will ich gar nicht anfangen ;)

  2. Ich möchte hier mal erwähnen, dass der Artikel wirklich toll geschrieben ist, man liest ihn einfach gerne. Ironischerweise lässt der Titel ganz anderes vermuten.

  3. Ich bin 35 und fühle mich nicht wirklich zur „Twitch“ und „Youtube“ Generation zugehörig. Ich blicke da auch nicht so ganz durch.
    Aber auch bei meiner Freundin und mir läuft kein normales Fernsehn mehr. Wir schauen hautpsächlich Amazon Instant Video und zum Teil Youtube (2-3 Kanäle welche regelmäßig „hochwertige“ Inhalte bringen). Privatfernsehn scheidet für uns aufgrund der vielen Werbung total aus – das Programm abseits der Werbung scheint dort auch nicht auf uns als Zielgruppe ausgerichtet zu sein. Denke das trifft eher weniger intellektuelle Ansprüche.
    Bis in 10 Jahren wird sich denke ich in der Nutzung einiges gravierend ändern. Ich bin gespannt wie es der Fernsehlandschaft dabei ergeht.

    1. Ich bin mit 32 auch etwas raus. Das ist wohl ein Generationsding. Es gibt einige YouTube-Channel, die ich mir ansehe. Diese haben aber eher informativen Charakter oder eben Reviews. Bei Let’s Plays erschließt sich mir auch nicht direkt der Grund, warum ich jemandem bei etwas zusehen sollte, was ich gerade selber tun könnte ;)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Advertising